Politische Körper
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Beschreibung
Wie verwundbar unsere Körper sind, verdrängen wir im Alltag, wo wir nur können. Doch die Pandemie hat uns diesen Umstand schmerzhaft ins Gedächtnis gerufen: Wird schon das Ein- und Ausatmen zur Gefahr, erscheint jedes Miteinander bedrohlich. Zugleich wird sicht- und mehr noch spürbar, wie sehr wir auf Begegnungen und Berührungen angewiesen sind. So tritt eine Ambivalenz zutage, die zum philosophischen Ausgangspunkt für Jule Govrins Nachdenken über Körper und Politik wird: Verletzbar zu sein vereint alle Körper, in unserer Körperlichkeit scheint damit ein Moment radikaler Gleichheit auf. Doch Gegenwart und Geschichte sind von Mechanismen bestimmt, die darauf abzielen, Körper ungleich zu machen. Govrins aufwühlender Essay lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie politische Bilder und ökonomische Praktiken Körper formen. Zugleich eröffnet dieser Blick Aussichten auf einen Universalismus von unten, wie er sich in aktuellen feministischen Protestbewegungen abzeichnet. Ausgehend von der Erkenntnis, dass unsere Körper durch einander verwundbar und voneinander abhängig sind, wird die Sorge um sie zum Dreh- und Angelpunkt globaler Solidarität.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Jule Govrin ist politische Philosoph*in und forscht an der Schnittstelle von Feministischer Philosophie, Politischer Theorie, Sozialphilosophie und Ästhetik zur politischen Dimension von Körpern und Begehren als transformativer Kraft.
Beiträge
Auf einer Tagung zum Thema „Sorge und Solidarität“ bin ich vor einiger Zeit auf Jule Govrins Buch „Politische Körper“ gestoßen – ein Werk, das auf meinem SuB leider immer weiter nach unten gerutscht war. Nun habe ich es endlich gelesen und bin beeindruckt von seiner Tiefe und Relevanz. Govrin, Philosophin, Autorin und Professorin an der Universität Hildesheim, nimmt die Coronapandemie als Ausgangspunkt der Überlegungen: Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Pandemie zeigt Govrin zunächst auf, dass Verwundbarkeit allen Körpern gemeinsam ist und damit eine grundlegende Form der Gleichheit darstellt. Diese sogenannte „ontologische Verwundbarkeit“ ist eine Grundbedingung des menschlichen Lebens. Doch Verwundbarkeit ist nicht gleich verteilt: so werden unsere Körper strukturell, politisch und historisch unterschiedlich verwundbar gemacht. Die Pandemie hat dies drastisch verdeutlicht – etwa durch die vielfachen Corona-Ausbrüche in prekären Arbeitsverhältnissen, wie in Schlachtbetrieben, worunter die meist migrantischen Beschäftigten litten, oder die überproportional hohe Sterblichkeit Schwarzer US-Bürger*innen, während sich die Reichsten dieser Erde einen privilegierten Zugang zu Gesundheitsleistungen sicherten und Impfstoffe zunächst unter sich aufteilten. Trotz dieser Ungleichheiten, hat die Pandemie sowohl die individuelle als auch die gemeinsame Verwundbarkeit aller Menschen sichtbar gemacht und gezeigt, wie eng unsere Körper und Leben miteinander verbunden sind. Diese geteilte Verletzlichkeit schafft eine erfahrbare Gleichheit, die nicht von oben auferlegt wird, sondern aus solidarischen Praktiken und gegenseitiger Fürsorge in der Gesellschaft entsteht. Doch Sorgearbeit, obwohl essenziell, bleibt oft unsichtbar, prekär oder wird in globalen Abhängigkeitsverhältnissen ausgebeutet. Vor diesem Hintergrund entwickelt Govrin das Konzept eines „Universalismus von unten“, das an sozialen Bewegungen wie Fridays for Future, Black Lives Matter und nicht zuletzt Ni Una Menos veranschaulicht wird. Dieser Universalismus basiert nicht auf starren, von oben verordneten Normen, sondern auf gelebter Solidarität und neuen Formen menschlichen Zusammenlebens. Er ist damit kein fernes Ideal, sondern entsteht in konkreten Beziehungen der Fürsorge. Ein Universalismus von unten, so Govrin weiter, erkennt Gleichheit nicht als Gleichförmigkeit, sondern als Anerkennung von Vielfalt und Differenz an. Solidarität bedeutet hier kein einseitiges Helfen aus einer privilegierten Position, sondern gemeinsames Handeln, das Ungleichheiten nicht verstärkt, sondern abbaut. Gleichheit ist dabei kein fertiges Ziel, sondern entsteht immer wieder neu in den Beziehungen zwischen Menschen. Mit „Politische Körper“ liefert Govrin eine differenzierte Analyse, die politische Theorie mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verbindet, und auf deren Fortführung wir sehr gespannt sein dürfen. Das Buch regt zum Nachdenken an – über Verwundbarkeit, Fürsorge und darüber, wie Solidarität eine gerechtere Welt ermöglichen kann. Gerade in Zeiten politischer Unsicherheit und wachsender sozialer Ungleichheit sollten wir uns diesen Universalismus von unten bewusst machen und aktiv leben. Anstatt auf politische Entscheidungen oder institutionelle Lösungen zu warten, können oder müssen wir durch solidarische Netzwerke und gegenseitige Unterstützung selbst Strukturen schaffen, die Schutz bieten und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.
Beschreibung
Wie verwundbar unsere Körper sind, verdrängen wir im Alltag, wo wir nur können. Doch die Pandemie hat uns diesen Umstand schmerzhaft ins Gedächtnis gerufen: Wird schon das Ein- und Ausatmen zur Gefahr, erscheint jedes Miteinander bedrohlich. Zugleich wird sicht- und mehr noch spürbar, wie sehr wir auf Begegnungen und Berührungen angewiesen sind. So tritt eine Ambivalenz zutage, die zum philosophischen Ausgangspunkt für Jule Govrins Nachdenken über Körper und Politik wird: Verletzbar zu sein vereint alle Körper, in unserer Körperlichkeit scheint damit ein Moment radikaler Gleichheit auf. Doch Gegenwart und Geschichte sind von Mechanismen bestimmt, die darauf abzielen, Körper ungleich zu machen. Govrins aufwühlender Essay lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie politische Bilder und ökonomische Praktiken Körper formen. Zugleich eröffnet dieser Blick Aussichten auf einen Universalismus von unten, wie er sich in aktuellen feministischen Protestbewegungen abzeichnet. Ausgehend von der Erkenntnis, dass unsere Körper durch einander verwundbar und voneinander abhängig sind, wird die Sorge um sie zum Dreh- und Angelpunkt globaler Solidarität.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Jule Govrin ist politische Philosoph*in und forscht an der Schnittstelle von Feministischer Philosophie, Politischer Theorie, Sozialphilosophie und Ästhetik zur politischen Dimension von Körpern und Begehren als transformativer Kraft.
Beiträge
Auf einer Tagung zum Thema „Sorge und Solidarität“ bin ich vor einiger Zeit auf Jule Govrins Buch „Politische Körper“ gestoßen – ein Werk, das auf meinem SuB leider immer weiter nach unten gerutscht war. Nun habe ich es endlich gelesen und bin beeindruckt von seiner Tiefe und Relevanz. Govrin, Philosophin, Autorin und Professorin an der Universität Hildesheim, nimmt die Coronapandemie als Ausgangspunkt der Überlegungen: Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Pandemie zeigt Govrin zunächst auf, dass Verwundbarkeit allen Körpern gemeinsam ist und damit eine grundlegende Form der Gleichheit darstellt. Diese sogenannte „ontologische Verwundbarkeit“ ist eine Grundbedingung des menschlichen Lebens. Doch Verwundbarkeit ist nicht gleich verteilt: so werden unsere Körper strukturell, politisch und historisch unterschiedlich verwundbar gemacht. Die Pandemie hat dies drastisch verdeutlicht – etwa durch die vielfachen Corona-Ausbrüche in prekären Arbeitsverhältnissen, wie in Schlachtbetrieben, worunter die meist migrantischen Beschäftigten litten, oder die überproportional hohe Sterblichkeit Schwarzer US-Bürger*innen, während sich die Reichsten dieser Erde einen privilegierten Zugang zu Gesundheitsleistungen sicherten und Impfstoffe zunächst unter sich aufteilten. Trotz dieser Ungleichheiten, hat die Pandemie sowohl die individuelle als auch die gemeinsame Verwundbarkeit aller Menschen sichtbar gemacht und gezeigt, wie eng unsere Körper und Leben miteinander verbunden sind. Diese geteilte Verletzlichkeit schafft eine erfahrbare Gleichheit, die nicht von oben auferlegt wird, sondern aus solidarischen Praktiken und gegenseitiger Fürsorge in der Gesellschaft entsteht. Doch Sorgearbeit, obwohl essenziell, bleibt oft unsichtbar, prekär oder wird in globalen Abhängigkeitsverhältnissen ausgebeutet. Vor diesem Hintergrund entwickelt Govrin das Konzept eines „Universalismus von unten“, das an sozialen Bewegungen wie Fridays for Future, Black Lives Matter und nicht zuletzt Ni Una Menos veranschaulicht wird. Dieser Universalismus basiert nicht auf starren, von oben verordneten Normen, sondern auf gelebter Solidarität und neuen Formen menschlichen Zusammenlebens. Er ist damit kein fernes Ideal, sondern entsteht in konkreten Beziehungen der Fürsorge. Ein Universalismus von unten, so Govrin weiter, erkennt Gleichheit nicht als Gleichförmigkeit, sondern als Anerkennung von Vielfalt und Differenz an. Solidarität bedeutet hier kein einseitiges Helfen aus einer privilegierten Position, sondern gemeinsames Handeln, das Ungleichheiten nicht verstärkt, sondern abbaut. Gleichheit ist dabei kein fertiges Ziel, sondern entsteht immer wieder neu in den Beziehungen zwischen Menschen. Mit „Politische Körper“ liefert Govrin eine differenzierte Analyse, die politische Theorie mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verbindet, und auf deren Fortführung wir sehr gespannt sein dürfen. Das Buch regt zum Nachdenken an – über Verwundbarkeit, Fürsorge und darüber, wie Solidarität eine gerechtere Welt ermöglichen kann. Gerade in Zeiten politischer Unsicherheit und wachsender sozialer Ungleichheit sollten wir uns diesen Universalismus von unten bewusst machen und aktiv leben. Anstatt auf politische Entscheidungen oder institutionelle Lösungen zu warten, können oder müssen wir durch solidarische Netzwerke und gegenseitige Unterstützung selbst Strukturen schaffen, die Schutz bieten und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.




