Nacht und Tag

Nacht und Tag

Sprache
Deutsch
3.89

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Beschreibung

Virginia Woolfs "Nacht und Tag" entfaltet im London der edwardianischen Gesellschaft ein vielstimmiges Geflecht aus Liebe, Ehe, Berufung und weiblicher Selbstbestimmung. Im Zentrum stehen Katharine Hilbery, Erbin einer literarisch verehrten Familie, und Mary Datchet, engagierte Suffragistin; ihre Lebensentwürfe spiegeln die Spannungen zwischen Konvention und innerer Wahrheit. Noch stärker erzählerisch traditionell als Woolfs spätere Romane, verbindet das Buch Gesellschaftsroman, psychologische Feinzeichnung und ironische Dialogkunst mit bereits erkennbarer modernistischer Sensibilität. Virginia Woolf, 1882 in eine gebildete viktorianische Familie hineingeboren, kannte die Last literarischer Ahnen ebenso wie die intellektuellen Freiräume der Bloomsbury Group. Ihre Erfahrungen mit Bildung, Geschlechterrollen, familiärer Erwartung und der Frage nach weiblicher Autorschaft prägen diesen Roman sichtbar. "Nacht und Tag" entstand vor den radikalen Experimenten von "Mrs Dalloway" und "Zum Leuchtturm", zeigt jedoch bereits Woolfs besonderes Interesse an Bewusstsein, Gespräch und den verborgenen Ordnungen des Alltags. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Woolfs Entwicklung zur großen Modernistin nachvollziehen möchten, ohne auf die erzählerische Klarheit des klassischen Romans zu verzichten. Es ist eine feinsinnige Studie über Wahlfreiheit, Liebe und geistige Unabhängigkeit - zurückhaltend im Ton, doch nachhaltig in seiner Erkenntniskraft.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Romane
Sub-Genre
Klassiker
Format
Taschenbuch
Seitenzahl
276
Preis
16.30 €

Beiträge

1
Alle
3.5

„Sie hörte sie, als kämen sie von Menschen aus einer anderen Welt, einer Welt, die ihrer vorausgegangen war, eine Welt, die das Vorspiel, das Vorzimmer zur Realität war; es war, als sei sie gerade gestorben und hörte die Lebenden reden.“ Nacht und Tag (engl. Night and Day) stellt den zweiten Roman dar, welchen Woolf 1919 drucken ließ. Im Gegensatz zu ihren anderen Werken bedient sie sich hier einer eher traditionellen Prosa und setzt die typischen avantgardistischen Stilmittel eher akzentuiert ein - stellenweise gleicht der Duktus einer abstrakten Jane Austen. Die Erzählung umfasst die verflochtenen Beziehungen, Kalamitäten und Entscheidungen mehrere jungen Menschen, im London der Vorkriegszeit. Wie so oft polemisiert Woolf ruhig und subtil gegen die damaligen rigiden gesellschaftlichen sowie geschlechtlichen Rollenbildern, die einem von außen wie ein Korsett übergestülpt werden, welches graduierend immer enger geschnürt wird. Am Ende entledigen sich jedoch nahezu alle Figuren ihres Propriums und entwickeln den Mut, eigene Entscheidungen zu treffen, um zu ihrer individuellen Ataraxie zu gelangen. Zusätzlich wird die Korrelation zwischen der traumartigen Welt der Liebe (Nacht) und dem wahrhaften plastischen Leben mit all seinen Tücken (Tag) dargestellt. 
Der Roman wirkt dennoch stellenweise unnötig gestreckt und verliert sich in einigen repetitiven Phrasen, welche für ein holistisches Verständnis nicht nötig gewesen wären - diese Ecken werden jedoch durch die lyrische Diktion immer wieder abgerundet.

„Das tiefe Dröhnen erfüllte ihre Ohren; das turbulente Hin und Her hatte die unbeschreibliche Faszination des Lebens selbst in all seinen Variationen, wie es ohne Unterlass strömt, mit dem einen Zweck, der ihr, während sie all dies beobachtete, als der eigentliche Zweck erschien, zu dem alles Leben erschaffen war, nämlich seiner völligen Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuum, das es einfach schluckte und weiterzog.“

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