
58 Follower
Das Epos "Aeneis" des römischen Dichters Vergil entstand im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Es behandelt den römischen Gründungsmythos, eine Art Gegenstück zu Homers griechischer Sage von "Ilias" und "Odyssee". In ihrem letzten Roman hat Ursula K. LeGuin diesen Stoff neu verarbeitet: sie erzählt die Geschichte aus Sicht der Königstochter Lavinia, um die - ähnlich wie bei ihrem Vorbild Helena - ein Krieg entbrennt. Gewissermaßen. Zeitlich setzt die Geschichte dann auch kurz nach der "Ilias" an, denn jener Aeneis ist aus dem zerstörten Troja geflohen, um sich mitsamt seiner Gefolgschaft eine neue Heimat zu suchen. So verschlägt es ihn nach längerer Irrfahrt (sic!) schließlich nach Latium, wo er auf Lavinia trifft und wo das Schicksal seinen Lauf nimmt. Es handelt sich hier also in erster Linie um einen historischen Roman, der jedoch auch mystische, übernatürliche Elemente enthält. Allerdings nicht in Form von Zauberei oder magischen Wesen, sondern durch Prophezeiungen und - auf raffinierter Metaebene - einen Bezug zum späteren Erzähler Vergil, der in diesem Roman tatsächlich Einfluss auf die Handlung nimmt. Ein spannender Schachzug der Autorin, der sich hier jetzt wahrscheinlich komplizierter anhört, als er letztlich ist, der der Geschichte aber einen ganz besonderen, außergewöhnlichen Kniff verleiht. Es ist nicht ganz leicht zu erklären (und soll es hier auch gar nicht), erschließt sich aber im Laufe des Romans. Ich hatte aufgrund des ungewöhnlichen Stils und Aufbaus anfangs einige Probleme, in die Geschichte hineinzufinden, doch das legte sich recht bald. Und dann entwickelt sich ein großartiger historischer Roman (mit besagten mystischen Elementen) aus einem wenig bekannten, nämlich vor-römischen Zeitalter. Leben und Alltag der Menschen werden anschaulich beschrieben, die Figuren und ihre Probleme/Aufgaben/Zerrissenheit sind wunderbar dargestellt und die Handlung bleibt trotz des wiederholten Foreshadowings jederzeit spannend. Ein ungewöhnlicher und beeindruckender Roman.
29. Juni 2026
Das Epos "Aeneis" des römischen Dichters Vergil entstand im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Es behandelt den römischen Gründungsmythos, eine Art Gegenstück zu Homers griechischer Sage von "Ilias" und "Odyssee". In ihrem letzten Roman hat Ursula K. LeGuin diesen Stoff neu verarbeitet: sie erzählt die Geschichte aus Sicht der Königstochter Lavinia, um die - ähnlich wie bei ihrem Vorbild Helena - ein Krieg entbrennt. Gewissermaßen. Zeitlich setzt die Geschichte dann auch kurz nach der "Ilias" an, denn jener Aeneis ist aus dem zerstörten Troja geflohen, um sich mitsamt seiner Gefolgschaft eine neue Heimat zu suchen. So verschlägt es ihn nach längerer Irrfahrt (sic!) schließlich nach Latium, wo er auf Lavinia trifft und wo das Schicksal seinen Lauf nimmt. Es handelt sich hier also in erster Linie um einen historischen Roman, der jedoch auch mystische, übernatürliche Elemente enthält. Allerdings nicht in Form von Zauberei oder magischen Wesen, sondern durch Prophezeiungen und - auf raffinierter Metaebene - einen Bezug zum späteren Erzähler Vergil, der in diesem Roman tatsächlich Einfluss auf die Handlung nimmt. Ein spannender Schachzug der Autorin, der sich hier jetzt wahrscheinlich komplizierter anhört, als er letztlich ist, der der Geschichte aber einen ganz besonderen, außergewöhnlichen Kniff verleiht. Es ist nicht ganz leicht zu erklären (und soll es hier auch gar nicht), erschließt sich aber im Laufe des Romans. Ich hatte aufgrund des ungewöhnlichen Stils und Aufbaus anfangs einige Probleme, in die Geschichte hineinzufinden, doch das legte sich recht bald. Und dann entwickelt sich ein großartiger historischer Roman (mit besagten mystischen Elementen) aus einem wenig bekannten, nämlich vor-römischen Zeitalter. Leben und Alltag der Menschen werden anschaulich beschrieben, die Figuren und ihre Probleme/Aufgaben/Zerrissenheit sind wunderbar dargestellt und die Handlung bleibt trotz des wiederholten Foreshadowings jederzeit spannend. Ein ungewöhnlicher und beeindruckender Roman.
29. Juni 2026




