Als die Protagonistin, die »Schriftstellerin«, eine Fehlgeburt erleidet, verliert sie die Fähigkeit, zu sprechen und zu schreiben. Ihr wird ein Geistführer vom Amt für himmlische Forschung zur Hilfe geschickt. Doch etwas geht schief, und der Abgesandte findet sich im ländlichen Finnland des frühen 20. Jahrhunderts wieder, im Körper einer Katze. Diese findet ein Tagebuch der Urgroßmutter, reist durch Zeit und Raum und erzählt gleichzeitig das Leben der beiden Frauen – im Helsinki der Gegenwart und auf dem Land vor hundert Jahren.
Durch die Kraft der Sprache und mit Anklängen des magischen Realismus fängt dieser Roman nicht nur die Essenz der menschlichen Erfahrung ein, sondern wirft auch ein scharfes Licht auf die Geschichte und die Traditionen der abgelegenen finnischen Grenzgebiete zu Sowjetrussland und enthüllt die Geheimnisse, die im Herzen eines uralten und wilden Landes verborgen sind.
Das Besondere Buch, wer das sucht, ist hier richtig
Erst 2023 trat Finnland der NATO bei. Das hat einen ganz besonderen Grund. Finnland hat eine bewegte Geschichte. Als Spielball zwischen Schweden und der Sowjetunion war seine Unabhängigkeit lange eine Utopie. Und auch heute befindet sich Finnland mit der direkten Grenze zu Russland in einer vulnerablen Lage. Katja Kettu hat in diesem außergewöhnlichen Roman einen Teil der jüngsten Geschichte eingearbeitet.
Eeeva und Mahte leben im Südkarelien nahe der heutigen russischen Grenze. Während sie als Verdingmädchen von seiner Mutter Helmi verachtet wird, werden die beiden zum Ende des ersten Weltkriegs ein Paar. Vor dem Hintergrund der Krisen geschüttelten Historie Finnlands und dem von Rivalitäten, Hass und Neid geprägten Mitmenschen, begleiten wir die beiden durch die Höhen, aber auch die vielen Tiefen in ihrem Leben. Die üppige Landschaft, die aufgrund der meteorologischen Gegebenheiten wenig abwirft, erschwert ein auskömmliches Leben. Dazu addiert sich Mahtes sensibles und traumtänzerisches Wesen, welche ihn oft zwischen die Fronten geraten lässt. Eeva ist diejenige, die den Karren immer wieder aus dem Dreck ziehen muss, Zuversicht ausstrahlt und herb aber herzlich alles zusammenhält. Sie bekommen Kinder und auch diese kommen nicht schadlos durch die kriegsgeprägten Zeiten. Wer auch immer gerade das Sagen hat, Mahtes und Eevas Liebe hat auf ganz innige Art bestand.
In einem zweiten Erzählstrang geht es weniger liebevoll zu. Die Protagonistin wird nur „die Schriftstellerin“ genannt. Sie hat eine Fehlgeburt erlitten und das traumatische Erlebnis, sowie weitere Schicksalsschläge, führen zu einem Verlust der Sprache und einer Schreibblockade. Die Biografie dieser Protagonistin aus unserer Gegenwart wird uns nur nebelhaft erzählt. Doch nach und nach spüren wir die Verbindung zur Geschichte von Eeva und Mahte und wir erleben einmal mehr, wie das Schicksal unserer Vorfahren Einfluss auf unser Leben nimmt.
Ein wesentliches Bindeglied zwischen den beiden Ebenen ist ein Geisterführer vom „Amt für himmlische Forschung“ der im Körper einer Katze, die Jahrzehnte miteinander verknüpft. Im Wechsel wird uns also von der „Schriftstellerin“, der Katze und aus Evas Tagebucheinträgen ein Text serviert, der auch durch das besondere Konzept beeindruckt.
Die Autorin hat die Härte des Lebens in Finnland in der Zeit zwischen 1918 und 1979 in aller Deutlichkeit geschildert. Ich musste ein paar mal recherchieren, um die politischen Hintergründe besser zu verstehen. Doch in ihrem mitreißenden Erzählton hat sie mich nie verloren. Fulminant beschreibt sie Natur, fügt den Mix aus Volks-, Aber,- und Gottglauben ein und stellt die Familie in den Mittelpunkt.
Das fantastische Element der Katze wäre nicht nötig gewesen, verleiht der Lektüre aber einen gewissen Pfiff und ist unglaublich gut eingearbeitet.
Es folgen weitere Elemente des magischen Realismus, die wohl dosiert sind und sich wunderbar in die Geschichte einfügen.
Die Essenz dieses Romans aber ist die Liebesgeschichte zwischen Eeva und Mahte - eine berührendere habe ich dieses Jahr noch nicht gelesen.
Auch wenn ich am Anfang ein wenig gebraucht habe, um in die Geschichte reinzukommen, die besondere Erzählform zu begreifen und mich darauf einzulassen, konnte ich das Buch bald nicht mehr weglegen.
Katja Kettu ist wirklich eine große Erzählerin, die die Gabe besitzt, die DNA ihrer Heimat packend weiterzugeben, uns Leser*innen für diesen nicht unwichtigen Teil Europas zu interessieren und Figuren zum Leben zu erwecken, die wir nicht so schnell vergessen werden
Eine große Leseempfehlung für Alle, die das besondere Buch suchen, und sich jenseits vom Mainstream bezaubern lassen möchten.
27. Juli 2025
5,0
Das Besondere Buch, wer das sucht, ist hier richtig
Erst 2023 trat Finnland der NATO bei. Das hat einen ganz besonderen Grund. Finnland hat eine bewegte Geschichte. Als Spielball zwischen Schweden und der Sowjetunion war seine Unabhängigkeit lange eine Utopie. Und auch heute befindet sich Finnland mit der direkten Grenze zu Russland in einer vulnerablen Lage. Katja Kettu hat in diesem außergewöhnlichen Roman einen Teil der jüngsten Geschichte eingearbeitet.
Eeeva und Mahte leben im Südkarelien nahe der heutigen russischen Grenze. Während sie als Verdingmädchen von seiner Mutter Helmi verachtet wird, werden die beiden zum Ende des ersten Weltkriegs ein Paar. Vor dem Hintergrund der Krisen geschüttelten Historie Finnlands und dem von Rivalitäten, Hass und Neid geprägten Mitmenschen, begleiten wir die beiden durch die Höhen, aber auch die vielen Tiefen in ihrem Leben. Die üppige Landschaft, die aufgrund der meteorologischen Gegebenheiten wenig abwirft, erschwert ein auskömmliches Leben. Dazu addiert sich Mahtes sensibles und traumtänzerisches Wesen, welche ihn oft zwischen die Fronten geraten lässt. Eeva ist diejenige, die den Karren immer wieder aus dem Dreck ziehen muss, Zuversicht ausstrahlt und herb aber herzlich alles zusammenhält. Sie bekommen Kinder und auch diese kommen nicht schadlos durch die kriegsgeprägten Zeiten. Wer auch immer gerade das Sagen hat, Mahtes und Eevas Liebe hat auf ganz innige Art bestand.
In einem zweiten Erzählstrang geht es weniger liebevoll zu. Die Protagonistin wird nur „die Schriftstellerin“ genannt. Sie hat eine Fehlgeburt erlitten und das traumatische Erlebnis, sowie weitere Schicksalsschläge, führen zu einem Verlust der Sprache und einer Schreibblockade. Die Biografie dieser Protagonistin aus unserer Gegenwart wird uns nur nebelhaft erzählt. Doch nach und nach spüren wir die Verbindung zur Geschichte von Eeva und Mahte und wir erleben einmal mehr, wie das Schicksal unserer Vorfahren Einfluss auf unser Leben nimmt.
Ein wesentliches Bindeglied zwischen den beiden Ebenen ist ein Geisterführer vom „Amt für himmlische Forschung“ der im Körper einer Katze, die Jahrzehnte miteinander verknüpft. Im Wechsel wird uns also von der „Schriftstellerin“, der Katze und aus Evas Tagebucheinträgen ein Text serviert, der auch durch das besondere Konzept beeindruckt.
Die Autorin hat die Härte des Lebens in Finnland in der Zeit zwischen 1918 und 1979 in aller Deutlichkeit geschildert. Ich musste ein paar mal recherchieren, um die politischen Hintergründe besser zu verstehen. Doch in ihrem mitreißenden Erzählton hat sie mich nie verloren. Fulminant beschreibt sie Natur, fügt den Mix aus Volks-, Aber,- und Gottglauben ein und stellt die Familie in den Mittelpunkt.
Das fantastische Element der Katze wäre nicht nötig gewesen, verleiht der Lektüre aber einen gewissen Pfiff und ist unglaublich gut eingearbeitet.
Es folgen weitere Elemente des magischen Realismus, die wohl dosiert sind und sich wunderbar in die Geschichte einfügen.
Die Essenz dieses Romans aber ist die Liebesgeschichte zwischen Eeva und Mahte - eine berührendere habe ich dieses Jahr noch nicht gelesen.
Auch wenn ich am Anfang ein wenig gebraucht habe, um in die Geschichte reinzukommen, die besondere Erzählform zu begreifen und mich darauf einzulassen, konnte ich das Buch bald nicht mehr weglegen.
Katja Kettu ist wirklich eine große Erzählerin, die die Gabe besitzt, die DNA ihrer Heimat packend weiterzugeben, uns Leser*innen für diesen nicht unwichtigen Teil Europas zu interessieren und Figuren zum Leben zu erwecken, die wir nicht so schnell vergessen werden
Eine große Leseempfehlung für Alle, die das besondere Buch suchen, und sich jenseits vom Mainstream bezaubern lassen möchten.
Das Cover mit der Katze hat mich sofort angesprochen – daran konnte ich einfach nicht vorbeigehen. Der Klappentext klang spannend, also habe ich direkt losgelegt.
Ich bin ziemlich unvoreingenommen an das Buch herangegangen. Irgendwie hatte ich etwas Leichtes, vielleicht sogar Verspieltes erwartet. Stattdessen bekam ich eine tiefgründige, teilweise recht schwere Geschichte. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit hat mich das Buch jedoch komplett in seinen Bann gezogen.
Der Schreibstil war sehr angenehm zu lesen – flüssig, atmosphärisch und mit einem Hauch von Mystik, der der Geschichte eine ganz besondere Stimmung verliehen hat.
Erzählt wird in zwei Zeitsträngen, jeweils mit unterschiedlichen Protagonistinnen. Die Verbindung zwischen beiden ist die Katze, die zwischen den Zeiten hin und her wechselt. Anfangs war das etwas verwirrend, vor allem, weil einer der beiden Handlungsstränge deutlich mehr Tiefe und Raum erhält. Dadurch fiel es mir leichter, mich mit diesem Teil der Geschichte zu verbinden. Der zweite Strang lässt dagegen viele Fragen offen und regt zum Nachdenken an – auf eine ganz eigene Weise, die das Buch noch lange nachwirken lässt.
Was ich überhaupt nicht erwartet hatte, war das Thema Krieg, Flucht und Vertreibung. Einige Abschnitte waren emotional wirklich herausfordernd – so sehr, dass ich das Buch zeitweise zur Seite legen musste, um das Gelesene erst einmal zu verarbeiten. Doch genau das hat es auch so besonders gemacht. Denn neben all dem Schmerz und der Schwere zeigt die Geschichte auch Hoffnung, Mut und die Stärke von Frauen, die nicht aufgeben.
Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet: vielfältig, glaubwürdig und lebendig. Sie fügen sich stimmig in die Handlung ein und machen das Gesamtbild rund. Besonders schön fand ich die Rolle der Katze – nicht nur als verbindendes Element zwischen den Zeitebenen, sondern auch als stiller Beobachter, der immer wieder auf das oft übersehene Leid der Tiere hinweist.
Insgesamt ist es ein beeindruckendes Buch. Sicherlich keine leichte Lektüre – aber eine, die sich unbedingt lohnt.
9. Apr. 2025
5,0
Das Cover mit der Katze hat mich sofort angesprochen – daran konnte ich einfach nicht vorbeigehen. Der Klappentext klang spannend, also habe ich direkt losgelegt.
Ich bin ziemlich unvoreingenommen an das Buch herangegangen. Irgendwie hatte ich etwas Leichtes, vielleicht sogar Verspieltes erwartet. Stattdessen bekam ich eine tiefgründige, teilweise recht schwere Geschichte. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit hat mich das Buch jedoch komplett in seinen Bann gezogen.
Der Schreibstil war sehr angenehm zu lesen – flüssig, atmosphärisch und mit einem Hauch von Mystik, der der Geschichte eine ganz besondere Stimmung verliehen hat.
Erzählt wird in zwei Zeitsträngen, jeweils mit unterschiedlichen Protagonistinnen. Die Verbindung zwischen beiden ist die Katze, die zwischen den Zeiten hin und her wechselt. Anfangs war das etwas verwirrend, vor allem, weil einer der beiden Handlungsstränge deutlich mehr Tiefe und Raum erhält. Dadurch fiel es mir leichter, mich mit diesem Teil der Geschichte zu verbinden. Der zweite Strang lässt dagegen viele Fragen offen und regt zum Nachdenken an – auf eine ganz eigene Weise, die das Buch noch lange nachwirken lässt.
Was ich überhaupt nicht erwartet hatte, war das Thema Krieg, Flucht und Vertreibung. Einige Abschnitte waren emotional wirklich herausfordernd – so sehr, dass ich das Buch zeitweise zur Seite legen musste, um das Gelesene erst einmal zu verarbeiten. Doch genau das hat es auch so besonders gemacht. Denn neben all dem Schmerz und der Schwere zeigt die Geschichte auch Hoffnung, Mut und die Stärke von Frauen, die nicht aufgeben.
Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet: vielfältig, glaubwürdig und lebendig. Sie fügen sich stimmig in die Handlung ein und machen das Gesamtbild rund. Besonders schön fand ich die Rolle der Katze – nicht nur als verbindendes Element zwischen den Zeitebenen, sondern auch als stiller Beobachter, der immer wieder auf das oft übersehene Leid der Tiere hinweist.
Insgesamt ist es ein beeindruckendes Buch. Sicherlich keine leichte Lektüre – aber eine, die sich unbedingt lohnt.
9. Apr. 2025
3 von 6 Rezensionen
Autorin / Autor
Über Katja Kettu
Katja Kettu, geboren 1978, stammt aus Rovaniemi in Lappland. Sie ist Schriftstellerin, Animationsregisseurin und Filmproduzentin. Ihr Debütroman "Surujenkerääjä" (2005) wurde für den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis nominiert und gewann den Tiiliskivi-Preis. Der Durchbruch gelang ihr mit dem vielfach ausgezeichneten Roman "Wildauge", der in Finnland über 160.000-mal verkauft und 2015 verfilmt wurde ("The Midwife"). Ihr letzter Roman "Die Unbezwingbare" war für den Finlandia Prize 2018 nominiert. Kettus Werke sind in 23 Sprachen übersetzt worden.