Es war einmal im Fernen Osten
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Beschreibung
Es ist kein einfacher Start ins Leben: Gleich nach der Geburt geben die Eltern, glühende Anhänger Maos, ihre Tochter in die Obhut eines kinderlosen Bauernpaares in den Bergen. Zwei Jahre später bringen diese die halbverhungerte Kleine zu ihren des Lesens und Schreibens unkundigen Großeltern. Ein Jahr später stirbt der Große Vorsitzende, und in China beginnt ein dramatischer gesellschaftlicher Wandel.
In ihrem neuen Buch erzählt die chinesische Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo von dem langen Weg, der sie aus einem ärmlichen Fischernest am Ostchinesischen Meer an die Filmhochschule im sich rasant verändernden Peking der 90er Jahre und schließlich 2002 nach London führt. 15 Jahre später beschreibt sie ihre Reise von Ost nach West mit einer Klarsicht, die nur jemand besitzt, der angekommen ist und sich zugleich fremd fühlt.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Xiaolu Guo, geboren 1973, studierte an der Filmhochschule Peking. Bereits vor ihrer Ausreise nach London 2002 veröffentlichte sie in ihrer Heimat sechs Bücher. Die englische Ausgabe von "Stadt der Steine" schaffte es auf die Shortlist für den „Independent Foreign Fiction Prize“ und wurde für den „International IMPAC Dublin Literary Award“ nominiert. Ihr erster in englischer Sprache verfasster Roman, "Kleines Wörterbuch für Liebende", stand auf der Shortlist des „Orange Prize for Fiction“, "Twenty Fragments of a Ravenous Youth" auf der Longlist für den „Man Asian Literary Prize“. Xiaolu Guos jüngstem Roman "Ich bin China" gelang der Sprung auf die Longlist des „Baileys Women’s Prize for Fiction“. 2013 wurde Xiaolu Guo in die "Granta‘s List of Best Young British Novelists“ aufgenommen. Zudem führte sie bei zahlreichen preisgekrönten Filmen Regie, darunter "She, a Chinese" sowie "Late at Night", eine Dokumentation über London. Xiaolu Guo lebt in London und Berlin.
Beiträge
Meine Meinung Die Autorin ist lediglich fünf Jahre älter als ich, doch unsere beider Leben könnten sich nicht mehr unterscheiden als sie es tatsächlich tun. Ich bin ein Kind des Westens, sie des Fernen Ostens – Deutschland gegenüber China – krasser geht es kaum noch, wie mir nach dieser Autobiografie bewusst wurde. Xiaolu Guo wird 2013 Mutter einer Tochter und mit diesem Ereignis holt sie die Vergangenheit wieder ein, die sie versucht hat von sich abzuschütteln. Sie selbst war Tochter einer Mutter, mit der sie jegliche Gefühle verbunden hatten, nur nicht Liebe. Mit ihrer Tochter wird es anders sein. “Ich hielt sie ängstlich und ehrfurchtsvoll. So ist es gut, dachte ich. Dieses Kind wird hier Wurzeln schlagen. Meine Tochter wird mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Ganz anders als ihre Mutter, das kulturell verwaiste, vagabundierende Bauernmädchen.” (S. 11) Und so reisen wir mit der Autorin in ihre Vergangenheit zurück, an all die Plätze und in Situationen, mit denen sie Traurigkeit, Angst, Gewalt, Missbrauch aber auch Hoffnung ein neues Leben verbindet. Durch diese Autobiografie habe ich viel über das damalige China in Verbindung mit dem politischen System, der Bevölkerung und des Umbruchs erfahren. Xiaolu ist das zweite und unerwünschte Kind zur Zeit der Ein-Kind-Politik. Gleich nach der Geburt wurde sie an ein fremdes, kinderloses Ehepaar abgegeben und dieses hatte sie nach zwei Jahren an ihre Großeltern weitergereicht. Wegen der Kulturrevolution war ihr Vater im Arbeitslager und ihre Mutter konnte sich scheinbar nicht um ihren älteren Bruder und Xiaolu alleine kümmern. Dass sie einen Bruder hat erfuhr die Autorin erst mit sieben Jahren, als sie endlich ihre Eltern kennenlernen und dauerhaft zu ihnen ziehen sollte. Durch Erzählungen über ihre Großmutter, Mutter und die Beobachtung von anderen Frauen in ihrer Umgebung wird deutlich, dass Frauen nichts zu sagen haben. Sie gehören den Männern und haben zu tun was von ihnen verlangt und ihnen befohlen wird. “Ich war noch nicht lange aus Shitang weg und erst acht oder neun Jahre alt, doch nach der Schule musste ich das Essen für die Familie kochen, die Wäsche waschen, den Boden wischen und die Hühner füttern.” (S. 98) Doch Xiaolu lässt sich nicht unterkriegen. Sie erträgt die Vernachlässigung, den Hass und die Prügel ihrer Mutter, bildet sich weiter und schafft es als eine von 11 Studierenden an der Filmhochschule Peking zu werden, die aus einer Masse von 7000 Bewerbern ausgewählt wurden. Nun, fernab von Zuhause, blüht sie auf und bahnt sich ihren Weg, macht den Abschluss, doch die Zensur führt dazu, dass alle ihre Film-Drehbücher abgelehnt und nicht produziert werden. Ein Ausweg daraus war Bücher zu schreiben, von denen sie aber nicht sehr gut leben konnte. Erst als Autorin von Seifenopern schafft sie es etwas mehr Geld zu verdienen. Am meisten imponiert mir an der Autorin, dass sie trotz allem immer weiter nach vorne geschaut, sich neue Ziele gesetzt und an der Verwirklichung dieser stringent gearbeitet hat. Sie wollte in den Westen und dort ist sie hingekommen. Mit nichts in der Tasche, sehr schlechten Englischsprachkenntnissen und doch ist sie heute eine angesehene Regisseurin und Autorin von Büchern, von denen einige in über 20 Sprachen übersetzt worden sind. Ebenso hat sie Preise für manche ihrer (Dokumentar)Filme gewonnen. In ihrem Buch öffnet sie ihr Leben für die Welt und verarbeitet darin einige der schlimmsten Erlebnisse, die Kindern, Mädchen und Frauen widerfahren können. Sie versucht sich zu heilen. Großer Mut ist dazu nötig, wenn man so wie Xiaolu in der Öffentlichkeit steht. Xiaolus Geschichte liest sich flüssig und leicht. Hin und wieder regte sie mich zur weiteren Recherche an, denn ich wollte mir einen noch intensiveren Überblick über das Gesagte verschaffen. Das letzte Drittel zog sich etwas. Ihr Leben in England, zuerst in Baconsfield und dann in London, übte auf mich nicht mehr den Reiz aus, den ich empfand, als sie über China, ihre Familie und ihr Leben dort erzählte. Dieser Teil hätte für mich auch kürzer ausfallen dürfen. Nach dem Tod ihres Vaters, der neben der Großmutter (Mutter des Vaters) als einziger Gefühle und Verbundenheit zur Autorin zeigte, starb auch ihre Mutter. Und damit waren die Fesseln der Vergangenheit gesprengt. Der Abschlusssatz von Xiaolu Guo berührte mich sehr und gleichzeitig freute ich mich mit ihr auf ihren neuen Lebensabschnitt. “Anfang und Ende hatten sich getroffen. Meine Kindheit war vorbei, und ich fühlte mich endlich von der Bürde meiner Familie befreit.” (S. 366) Fazit Ein intensives, sehr persönliches Buch einer Frau, die sich nie aufgegeben hat. Sie trotzte der Geburtsordnung, dem Kommunismus, den Widrigkeiten und schuf sich ihre eigene Zukunft. Xiaolu Guo ist ein ganz besonderes Beispiel dafür, dass man sich aus manchen Zwängen befreien und sein Leben in die eigene Hand nehmen kann. Sie war als Kind elternlos, bis sieben Analphabetin, konnte nur den Dialekt der Region sprechen, in der sie aufgewachsen war und doch schreibt sie heute in Englisch, in einer Fremdsprache, die sie erst mit dreißig richtig zu sprechen und schreiben angefangen hatte. Ein sehr lesenswertes Buch, das ich jedem ans Herz lege, der mehr über China erfahren möchte.
Ein schockierendes Portrait vom China der 70er Jahre — brutal, erniedrigend und deprimierend. „Es war einmal im fernen Osten“ von Xiaolu Guo schlummerte jetzt schon eine Weile auf meinem SUB, bis ich kürzlich endlich in der passenden Lesestimmung war und dieses autobiographische Buch gelesen habe. Und ich muss sagen, dieses Buch hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil es besonders dick wäre, nein, sondern weil es ziemlich „dicht“ war, reich an Informationen, und es vieles zu verdauen gab. Xiaolu Guo schreibt über ihre Kindheit in der hintersten Provinz Chinas, wo sie, von ihren Eltern abgeschoben, bei ihren Großeltern lebt. Es ist ein sehr ärmliches Leben, Xiaolu ist stets hungrig und Bildung ist ein Fremdwort. Ihre Großmutter wird regelmäßig von ihrem Mann verprügelt und so lernt Xiaolu schon früh, wie es um das Frauenbild im China der 70er Jahre steht. Als sie sieben ist, wird sie von ihren Eltern heim geholt und soll fortan zur Schule gehen. Für ihre Mutter und ihren Bruder ist sie nur ein zusätzliches hungriges Maul, nur ihr Vater behandelt Xiaolu wie einen Menschen oder gar eine Gleichgesinnte — denn beide lieben die Kunst. Auf die Schule hat Xiaolu sich gefreut, doch ihr dämmert langsam, dass sie stark kurzsichtig ist, und so kann sie nur in den Fächern, in denen sie mit den Lehrbüchern arbeiten, bestehen. Freunde findet sie keine, denn man hänselt sie wegen ihrer bäuerlichen und ärmlichen Herkunft. Erst, als Xiaolu es mit knapp zwanzig auf die Filmhochschule Pekings schafft, gewinnt ihr Leben endlich an Qualität. Schließlich entwurzelt sich Xiaolu selbst, als sie beschließt, in den Westen — genauer gesagt nach England — zieht, um ihre Filmausbildung fortzuführen. Kunst als Ausflucht Xiaolu lernt als kleines Mädchen nie Lesen und Schreiben. Ihre Großmutter ist Analphabetin, wie sehr viele Frauen zu der Zeit in der Provinz, und hätte es ihr auch nicht beibringen können. Erst, als Xiaolu in die Schule kommt, lernt sie das geschriebene Wort kennen. Sie verliebt sich in die Bildhaftigkeit der chinesischen Schriftzeichen und saugt alles Wissen darüber auf. Schon bald beginnt sie, Gedichte zu schreiben, und befasst sich mit Literatur. Ihr Vater, selbst ein Dichter und Künstler, nimmt sie bei der Hand, reicht ihr Bücher großer Autoren und bespricht zusammen mit ihr ihre Gedichte. Xiaolu findet in der Kunst des Schreibens eine Ausflucht aus ihrem Leben, das bisher alles andere als gut zu ihr war. Stets fällt sie in Ohnmacht, da sie sich als unterstes Glied in der Familienhierarchie auch nur zuletzt zu Essen nehmen darf und dann dementsprechend wenig übrig ist. Hänseleien in der Schule machen ihr den Alltag schwer und die Kälte ihrer Mutter löst in ihr Hass aus. Xiaolu möchte nur noch raus aus der Provinz und den starren Strukturen und wählt für sich die Filmbranche als Ziel aus. Drehbücher schreiben, das will sie, ihre Geschichten auf der großen Leinwand sehen. Doch selbst, als sie während ihres Filmstudiums ihre ersten Drehbücher einschickt, hat sie nicht mit der umfassenden chinesischen Zensur gerechnet, die ihr seitenweise Verbesserungsvorschläge zusendet und selbst nach Ausbesserung ihre Drehbücher stets ablehnt. So beginnt Xiaolu, selbst zu filmen. Gebundene Füße Mit Xiaolu Guos Werk habe ich viel über die chinesische Kultur und auch die dortigen Traditionen gelernt. Die der gebundenen Füße fand ich besonders grausig. Der Gang von Xiaolus Großmutter wird als „trippelnd“ beschrieben, und auch wenn Xiaolu hier nicht ins Detail geht und lediglich den Begriff „gebundene Füße“ erwähnt, so musste ich doch einmal nachschauen. Das Füßebinden war in China noch bis ins 20. Jahrhundert ein weit verbreiterter Brauch, bei dem bereits den jüngsten Mädchen die Füße so zusammengebunden wurden, dass sich ihre Zehen krümmen und der Fuß wie ein Lotusblatt aussieht. (Jeder mit schwachen Nerven sollte jetzt lieber nicht googlen.) Die Zehen wurden durch diesen langjährigen Prozess gebrochen und verstümmelt. Ich mag mir gar nicht die Schmerzen vorstellen! Die Männer Chinas haben die kleinen Füße, die in winzige Puppenschühchen gesteckt wurden, angebetet, und waren der Meinung, es verleihe der Frau einen anmutigeren Gang. High Heels inklusive Fußverstümmelung quasi. Da die Frau ja sowieso nur zuhause tätig war, war es auch nicht vonnöten, dass sie mit den gebundenen Füßen weitere Strecken zurück legt. Zum Weglaufen vor der häuslichen Gewalt waren die gebundenen Füße auch nicht mehr geeignet. Kinderbräute "Zwölf Jahre. Was bedeutete das für mich? Ich war gerade fünf geworden, nach der alten Tradition würde man mich schon in sieben Jahren verheiraten. Vielleicht würde es für mich ja zwei Esel geben […]." Genau wie Xiaolus Großmutter ist es vielen Frauen in China ergangen: Sie wurden in jungen Jahren an Männer zur Heirat verschachert. Da die Provinz sehr ärmlich war, wechselte als Bezahlung für die Tochter meist nur ein Sack Reis den Besitzer. Der freie Wille der Frau wird auch mit diesem Brauchtum ausgemerzt. Dadurch, dass die Mädchen so jung schon an den zukünftigen Mann übergeben werden, geraten sie schnell in eine Abhängigkeitssituation, da sie nichts anderes kennen als ihren Mann. Die mangelnde Bildung führt dann dazu, dass die Mädchen auch als Frau bei ihre Männern bleiben und sich um den Haushalt kümmern. Gewalt gegen Frauen "Meine Großeltern führten eine schreckliche Ehe. Großvater verprügelte seine Frau fast täglich […]." Xiaolu beschreibt extensiv die Gewalt gegen Frauen in China. Nicht nur werden Kinder (sprich: Mädchen) im Elternhaus verprügelt, sondern die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch das Leben der Chinesinnen: Frauen werden regelmäßig von ihren Männern verprügelt, die Gründe dafür sind nichtig. Eine Frau ist stets ihrem Mann untergeordnet und sollte sie einen Jungen gebären, steht dieser in der Rangliste auch über ihr. Im China zu Xiaolus Zeit wird Frauen kein Respekt entgegengebracht, Xiaolus Großmutter lebt ihr Leben lang sogar ohne einen Namen. Zudem werden sehr viele der Mädchen, die langsam ihren Kinderschuhen entwachsen, missbraucht. Niemand spricht ein Wort, keines der Mädchen traut sich, sich an irgendjemanden zu wenden. Wie auch, wenn man als Frau ganz unten in der Familienhierarchie steht und sowieso niemanden interessiert, was man zu sagen hat? Xiaolu selbst wurde Opfer des regelmäßigen Missbrauchs über zwei ganze Jahre hinweg. Erst an der Filmhochschule in Peking vertraut sie sich ihren Zimmergenossinnen an, die alle ähnliches durchlebt zu haben scheinen. Für sie ist der Sex in einer heterosexuelle Beziehung stets von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt, deshalb empfindet sie Liebe als das genaue Gegenteil von Sex. Trotzdem versucht sich Xiaolu in Beziehungen; bereits während ihrer Schulzeit in der Provinz schläft sie regelmäßig mit einem 15 Jahre älteren Lehrer.Zu einem späteren Zeitpunkt erfährt Xiaolu dann die Gewalt, die ihrer Großmutter durch ihren Großvater widerfahren ist, am eigenen Leib, nämlich als sie in Peking eine Beziehung mit einem Mann eingeht, der sie regelmäßig verprügelt. Xiaolu flüchtet und trifft die Entscheidung, nie wieder etwas mit einem Chinesen anzufangen. Immer weiter entwurzelt sie sich von ihrer Kultur, immer weniger sieht sie sich selbst als Chinesin, immer weniger identifiziert sie sich mit dem Brauchtum Chinas. Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/xiaolu-guo-es-war-einmal-im-fernen-osten
Beschreibung
Es ist kein einfacher Start ins Leben: Gleich nach der Geburt geben die Eltern, glühende Anhänger Maos, ihre Tochter in die Obhut eines kinderlosen Bauernpaares in den Bergen. Zwei Jahre später bringen diese die halbverhungerte Kleine zu ihren des Lesens und Schreibens unkundigen Großeltern. Ein Jahr später stirbt der Große Vorsitzende, und in China beginnt ein dramatischer gesellschaftlicher Wandel.
In ihrem neuen Buch erzählt die chinesische Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo von dem langen Weg, der sie aus einem ärmlichen Fischernest am Ostchinesischen Meer an die Filmhochschule im sich rasant verändernden Peking der 90er Jahre und schließlich 2002 nach London führt. 15 Jahre später beschreibt sie ihre Reise von Ost nach West mit einer Klarsicht, die nur jemand besitzt, der angekommen ist und sich zugleich fremd fühlt.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Xiaolu Guo, geboren 1973, studierte an der Filmhochschule Peking. Bereits vor ihrer Ausreise nach London 2002 veröffentlichte sie in ihrer Heimat sechs Bücher. Die englische Ausgabe von "Stadt der Steine" schaffte es auf die Shortlist für den „Independent Foreign Fiction Prize“ und wurde für den „International IMPAC Dublin Literary Award“ nominiert. Ihr erster in englischer Sprache verfasster Roman, "Kleines Wörterbuch für Liebende", stand auf der Shortlist des „Orange Prize for Fiction“, "Twenty Fragments of a Ravenous Youth" auf der Longlist für den „Man Asian Literary Prize“. Xiaolu Guos jüngstem Roman "Ich bin China" gelang der Sprung auf die Longlist des „Baileys Women’s Prize for Fiction“. 2013 wurde Xiaolu Guo in die "Granta‘s List of Best Young British Novelists“ aufgenommen. Zudem führte sie bei zahlreichen preisgekrönten Filmen Regie, darunter "She, a Chinese" sowie "Late at Night", eine Dokumentation über London. Xiaolu Guo lebt in London und Berlin.
Beiträge
Meine Meinung Die Autorin ist lediglich fünf Jahre älter als ich, doch unsere beider Leben könnten sich nicht mehr unterscheiden als sie es tatsächlich tun. Ich bin ein Kind des Westens, sie des Fernen Ostens – Deutschland gegenüber China – krasser geht es kaum noch, wie mir nach dieser Autobiografie bewusst wurde. Xiaolu Guo wird 2013 Mutter einer Tochter und mit diesem Ereignis holt sie die Vergangenheit wieder ein, die sie versucht hat von sich abzuschütteln. Sie selbst war Tochter einer Mutter, mit der sie jegliche Gefühle verbunden hatten, nur nicht Liebe. Mit ihrer Tochter wird es anders sein. “Ich hielt sie ängstlich und ehrfurchtsvoll. So ist es gut, dachte ich. Dieses Kind wird hier Wurzeln schlagen. Meine Tochter wird mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Ganz anders als ihre Mutter, das kulturell verwaiste, vagabundierende Bauernmädchen.” (S. 11) Und so reisen wir mit der Autorin in ihre Vergangenheit zurück, an all die Plätze und in Situationen, mit denen sie Traurigkeit, Angst, Gewalt, Missbrauch aber auch Hoffnung ein neues Leben verbindet. Durch diese Autobiografie habe ich viel über das damalige China in Verbindung mit dem politischen System, der Bevölkerung und des Umbruchs erfahren. Xiaolu ist das zweite und unerwünschte Kind zur Zeit der Ein-Kind-Politik. Gleich nach der Geburt wurde sie an ein fremdes, kinderloses Ehepaar abgegeben und dieses hatte sie nach zwei Jahren an ihre Großeltern weitergereicht. Wegen der Kulturrevolution war ihr Vater im Arbeitslager und ihre Mutter konnte sich scheinbar nicht um ihren älteren Bruder und Xiaolu alleine kümmern. Dass sie einen Bruder hat erfuhr die Autorin erst mit sieben Jahren, als sie endlich ihre Eltern kennenlernen und dauerhaft zu ihnen ziehen sollte. Durch Erzählungen über ihre Großmutter, Mutter und die Beobachtung von anderen Frauen in ihrer Umgebung wird deutlich, dass Frauen nichts zu sagen haben. Sie gehören den Männern und haben zu tun was von ihnen verlangt und ihnen befohlen wird. “Ich war noch nicht lange aus Shitang weg und erst acht oder neun Jahre alt, doch nach der Schule musste ich das Essen für die Familie kochen, die Wäsche waschen, den Boden wischen und die Hühner füttern.” (S. 98) Doch Xiaolu lässt sich nicht unterkriegen. Sie erträgt die Vernachlässigung, den Hass und die Prügel ihrer Mutter, bildet sich weiter und schafft es als eine von 11 Studierenden an der Filmhochschule Peking zu werden, die aus einer Masse von 7000 Bewerbern ausgewählt wurden. Nun, fernab von Zuhause, blüht sie auf und bahnt sich ihren Weg, macht den Abschluss, doch die Zensur führt dazu, dass alle ihre Film-Drehbücher abgelehnt und nicht produziert werden. Ein Ausweg daraus war Bücher zu schreiben, von denen sie aber nicht sehr gut leben konnte. Erst als Autorin von Seifenopern schafft sie es etwas mehr Geld zu verdienen. Am meisten imponiert mir an der Autorin, dass sie trotz allem immer weiter nach vorne geschaut, sich neue Ziele gesetzt und an der Verwirklichung dieser stringent gearbeitet hat. Sie wollte in den Westen und dort ist sie hingekommen. Mit nichts in der Tasche, sehr schlechten Englischsprachkenntnissen und doch ist sie heute eine angesehene Regisseurin und Autorin von Büchern, von denen einige in über 20 Sprachen übersetzt worden sind. Ebenso hat sie Preise für manche ihrer (Dokumentar)Filme gewonnen. In ihrem Buch öffnet sie ihr Leben für die Welt und verarbeitet darin einige der schlimmsten Erlebnisse, die Kindern, Mädchen und Frauen widerfahren können. Sie versucht sich zu heilen. Großer Mut ist dazu nötig, wenn man so wie Xiaolu in der Öffentlichkeit steht. Xiaolus Geschichte liest sich flüssig und leicht. Hin und wieder regte sie mich zur weiteren Recherche an, denn ich wollte mir einen noch intensiveren Überblick über das Gesagte verschaffen. Das letzte Drittel zog sich etwas. Ihr Leben in England, zuerst in Baconsfield und dann in London, übte auf mich nicht mehr den Reiz aus, den ich empfand, als sie über China, ihre Familie und ihr Leben dort erzählte. Dieser Teil hätte für mich auch kürzer ausfallen dürfen. Nach dem Tod ihres Vaters, der neben der Großmutter (Mutter des Vaters) als einziger Gefühle und Verbundenheit zur Autorin zeigte, starb auch ihre Mutter. Und damit waren die Fesseln der Vergangenheit gesprengt. Der Abschlusssatz von Xiaolu Guo berührte mich sehr und gleichzeitig freute ich mich mit ihr auf ihren neuen Lebensabschnitt. “Anfang und Ende hatten sich getroffen. Meine Kindheit war vorbei, und ich fühlte mich endlich von der Bürde meiner Familie befreit.” (S. 366) Fazit Ein intensives, sehr persönliches Buch einer Frau, die sich nie aufgegeben hat. Sie trotzte der Geburtsordnung, dem Kommunismus, den Widrigkeiten und schuf sich ihre eigene Zukunft. Xiaolu Guo ist ein ganz besonderes Beispiel dafür, dass man sich aus manchen Zwängen befreien und sein Leben in die eigene Hand nehmen kann. Sie war als Kind elternlos, bis sieben Analphabetin, konnte nur den Dialekt der Region sprechen, in der sie aufgewachsen war und doch schreibt sie heute in Englisch, in einer Fremdsprache, die sie erst mit dreißig richtig zu sprechen und schreiben angefangen hatte. Ein sehr lesenswertes Buch, das ich jedem ans Herz lege, der mehr über China erfahren möchte.
Ein schockierendes Portrait vom China der 70er Jahre — brutal, erniedrigend und deprimierend. „Es war einmal im fernen Osten“ von Xiaolu Guo schlummerte jetzt schon eine Weile auf meinem SUB, bis ich kürzlich endlich in der passenden Lesestimmung war und dieses autobiographische Buch gelesen habe. Und ich muss sagen, dieses Buch hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil es besonders dick wäre, nein, sondern weil es ziemlich „dicht“ war, reich an Informationen, und es vieles zu verdauen gab. Xiaolu Guo schreibt über ihre Kindheit in der hintersten Provinz Chinas, wo sie, von ihren Eltern abgeschoben, bei ihren Großeltern lebt. Es ist ein sehr ärmliches Leben, Xiaolu ist stets hungrig und Bildung ist ein Fremdwort. Ihre Großmutter wird regelmäßig von ihrem Mann verprügelt und so lernt Xiaolu schon früh, wie es um das Frauenbild im China der 70er Jahre steht. Als sie sieben ist, wird sie von ihren Eltern heim geholt und soll fortan zur Schule gehen. Für ihre Mutter und ihren Bruder ist sie nur ein zusätzliches hungriges Maul, nur ihr Vater behandelt Xiaolu wie einen Menschen oder gar eine Gleichgesinnte — denn beide lieben die Kunst. Auf die Schule hat Xiaolu sich gefreut, doch ihr dämmert langsam, dass sie stark kurzsichtig ist, und so kann sie nur in den Fächern, in denen sie mit den Lehrbüchern arbeiten, bestehen. Freunde findet sie keine, denn man hänselt sie wegen ihrer bäuerlichen und ärmlichen Herkunft. Erst, als Xiaolu es mit knapp zwanzig auf die Filmhochschule Pekings schafft, gewinnt ihr Leben endlich an Qualität. Schließlich entwurzelt sich Xiaolu selbst, als sie beschließt, in den Westen — genauer gesagt nach England — zieht, um ihre Filmausbildung fortzuführen. Kunst als Ausflucht Xiaolu lernt als kleines Mädchen nie Lesen und Schreiben. Ihre Großmutter ist Analphabetin, wie sehr viele Frauen zu der Zeit in der Provinz, und hätte es ihr auch nicht beibringen können. Erst, als Xiaolu in die Schule kommt, lernt sie das geschriebene Wort kennen. Sie verliebt sich in die Bildhaftigkeit der chinesischen Schriftzeichen und saugt alles Wissen darüber auf. Schon bald beginnt sie, Gedichte zu schreiben, und befasst sich mit Literatur. Ihr Vater, selbst ein Dichter und Künstler, nimmt sie bei der Hand, reicht ihr Bücher großer Autoren und bespricht zusammen mit ihr ihre Gedichte. Xiaolu findet in der Kunst des Schreibens eine Ausflucht aus ihrem Leben, das bisher alles andere als gut zu ihr war. Stets fällt sie in Ohnmacht, da sie sich als unterstes Glied in der Familienhierarchie auch nur zuletzt zu Essen nehmen darf und dann dementsprechend wenig übrig ist. Hänseleien in der Schule machen ihr den Alltag schwer und die Kälte ihrer Mutter löst in ihr Hass aus. Xiaolu möchte nur noch raus aus der Provinz und den starren Strukturen und wählt für sich die Filmbranche als Ziel aus. Drehbücher schreiben, das will sie, ihre Geschichten auf der großen Leinwand sehen. Doch selbst, als sie während ihres Filmstudiums ihre ersten Drehbücher einschickt, hat sie nicht mit der umfassenden chinesischen Zensur gerechnet, die ihr seitenweise Verbesserungsvorschläge zusendet und selbst nach Ausbesserung ihre Drehbücher stets ablehnt. So beginnt Xiaolu, selbst zu filmen. Gebundene Füße Mit Xiaolu Guos Werk habe ich viel über die chinesische Kultur und auch die dortigen Traditionen gelernt. Die der gebundenen Füße fand ich besonders grausig. Der Gang von Xiaolus Großmutter wird als „trippelnd“ beschrieben, und auch wenn Xiaolu hier nicht ins Detail geht und lediglich den Begriff „gebundene Füße“ erwähnt, so musste ich doch einmal nachschauen. Das Füßebinden war in China noch bis ins 20. Jahrhundert ein weit verbreiterter Brauch, bei dem bereits den jüngsten Mädchen die Füße so zusammengebunden wurden, dass sich ihre Zehen krümmen und der Fuß wie ein Lotusblatt aussieht. (Jeder mit schwachen Nerven sollte jetzt lieber nicht googlen.) Die Zehen wurden durch diesen langjährigen Prozess gebrochen und verstümmelt. Ich mag mir gar nicht die Schmerzen vorstellen! Die Männer Chinas haben die kleinen Füße, die in winzige Puppenschühchen gesteckt wurden, angebetet, und waren der Meinung, es verleihe der Frau einen anmutigeren Gang. High Heels inklusive Fußverstümmelung quasi. Da die Frau ja sowieso nur zuhause tätig war, war es auch nicht vonnöten, dass sie mit den gebundenen Füßen weitere Strecken zurück legt. Zum Weglaufen vor der häuslichen Gewalt waren die gebundenen Füße auch nicht mehr geeignet. Kinderbräute "Zwölf Jahre. Was bedeutete das für mich? Ich war gerade fünf geworden, nach der alten Tradition würde man mich schon in sieben Jahren verheiraten. Vielleicht würde es für mich ja zwei Esel geben […]." Genau wie Xiaolus Großmutter ist es vielen Frauen in China ergangen: Sie wurden in jungen Jahren an Männer zur Heirat verschachert. Da die Provinz sehr ärmlich war, wechselte als Bezahlung für die Tochter meist nur ein Sack Reis den Besitzer. Der freie Wille der Frau wird auch mit diesem Brauchtum ausgemerzt. Dadurch, dass die Mädchen so jung schon an den zukünftigen Mann übergeben werden, geraten sie schnell in eine Abhängigkeitssituation, da sie nichts anderes kennen als ihren Mann. Die mangelnde Bildung führt dann dazu, dass die Mädchen auch als Frau bei ihre Männern bleiben und sich um den Haushalt kümmern. Gewalt gegen Frauen "Meine Großeltern führten eine schreckliche Ehe. Großvater verprügelte seine Frau fast täglich […]." Xiaolu beschreibt extensiv die Gewalt gegen Frauen in China. Nicht nur werden Kinder (sprich: Mädchen) im Elternhaus verprügelt, sondern die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch das Leben der Chinesinnen: Frauen werden regelmäßig von ihren Männern verprügelt, die Gründe dafür sind nichtig. Eine Frau ist stets ihrem Mann untergeordnet und sollte sie einen Jungen gebären, steht dieser in der Rangliste auch über ihr. Im China zu Xiaolus Zeit wird Frauen kein Respekt entgegengebracht, Xiaolus Großmutter lebt ihr Leben lang sogar ohne einen Namen. Zudem werden sehr viele der Mädchen, die langsam ihren Kinderschuhen entwachsen, missbraucht. Niemand spricht ein Wort, keines der Mädchen traut sich, sich an irgendjemanden zu wenden. Wie auch, wenn man als Frau ganz unten in der Familienhierarchie steht und sowieso niemanden interessiert, was man zu sagen hat? Xiaolu selbst wurde Opfer des regelmäßigen Missbrauchs über zwei ganze Jahre hinweg. Erst an der Filmhochschule in Peking vertraut sie sich ihren Zimmergenossinnen an, die alle ähnliches durchlebt zu haben scheinen. Für sie ist der Sex in einer heterosexuelle Beziehung stets von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt, deshalb empfindet sie Liebe als das genaue Gegenteil von Sex. Trotzdem versucht sich Xiaolu in Beziehungen; bereits während ihrer Schulzeit in der Provinz schläft sie regelmäßig mit einem 15 Jahre älteren Lehrer.Zu einem späteren Zeitpunkt erfährt Xiaolu dann die Gewalt, die ihrer Großmutter durch ihren Großvater widerfahren ist, am eigenen Leib, nämlich als sie in Peking eine Beziehung mit einem Mann eingeht, der sie regelmäßig verprügelt. Xiaolu flüchtet und trifft die Entscheidung, nie wieder etwas mit einem Chinesen anzufangen. Immer weiter entwurzelt sie sich von ihrer Kultur, immer weniger sieht sie sich selbst als Chinesin, immer weniger identifiziert sie sich mit dem Brauchtum Chinas. Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/xiaolu-guo-es-war-einmal-im-fernen-osten





