Engel des Verschwindens

Engel des Verschwindens

Hardcover
3.82

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Beschreibung

Slobodan Šnajders Porträt über eine willensstarke und kämpferische Frau – ein Panorama der jugoslawischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts 1941 Okkupation. 1945 Befreiung. 1991 Zerfall: Die Stadt Zagreb, ein zweistöckiges Mietshaus im Zentrum und die Schicksale seiner Bewohner stehen im Mittelpunkt von Slobodan Šnajders epochalem Roman, der die Geschichte Jugoslawiens, ja des ganzen Balkans erzählt: Im oberen Stockwerk residiert Professor Gavranić, ein Homme de Lettres und Menschenfreund, unter ihm Frau Blavatsky, in deren Wohnzimmer es zuweilen übersinnlich zugeht, im Souterrain haust Mile, ein von Mussolini trainierter Ustascha der ersten Stunde, schließlich das Findelkind Anđa Berilo in der Dachkammer, das sich als Dienstmädchen verdingt und zur Partisanin und gemeinsam mit dem Haus selbst zur Erzählerin eines ganzen Jahrhunderts wird. »Engel des Verschwindens« zeigt Mitteleuropa als Geschichts- und Geschichtenpanorama einer Welt, die im Großen wie im Kleinen aus den Fugen gerät.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Romane
Sub-Genre
Zeitgenössische Romane
Format
Hardcover
Seitenzahl
496
Preis
28.80 €

Autorenbeschreibung

Slobodan Šnajder, geboren 1948 in Zagreb, wurde bekannt durch sein Stück »Der kroatische Faust«. Er war politischer Kolumnist und Theaterintendant in Zagreb. Sein 2019 bei Zsolnay erschienener Roman »Die Reparatur der Welt« wurde in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. 2026 erschien bei Zsolnay »Engel des Verschwindens«.

Beiträge

1
Alle
3.5

Ein Land im Wandel

Als Josip Broz Tito Anfang der 80er Jahre verstarb, weinte meine Baba (Oma) bittere Tränen. Obwohl ihn in Kroatien fast niemand mehr wirklich leiden konnte, war allen klar, dass sich jetzt viel verändern würde. Ohne den Mann, der im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Partisanen kämpfte und den Vielvölkerstaat Jugoslawien quasi (neu) gründete, würden alle Konflikte an die Oberfläche gespült werden. Und so kam was kommen musste. Das Vorzeigeprojekt der Südslawen zerfiel nach einem blutigen Krieg in aller Einzelteile. Slobodan Šnajder hat, wie schon viele Autoren vor ihm, versucht, die Geschichte dieses Landes in einem umfangreichen Roman anschaulich wiederzugeben und auch er webt Elemente ein, wie schon Jergović im „Walnusshaus“ und Ferić in der „Wanderbühne“ die ein bisschen skurril wirken. Er lässt ein Haus in Zagreb sprechen, das 1911 errichtet wurde und alle seine Bewohner sehr gut kennt. Es wurde von einem jüdischen Großhändler erbaut und steht an der Nordseite der Ilica. es geht durch den Wandel der Zeiten, wird arisiert und erlebt am Ende denselben Zusammenbruch wie das Land, in dem es steht. Eine zentrale Bewohnerin ist Anda ( das D mit dem Strich durch den Balken gibt mein Phone nicht her– ausgesprochen wird es Andscha mit einem weichen SCH wie bei Gelee). Ihr Name bedeutet übersetzt Engel, was den Titel erklärt. Das Dienstmädchen begleiten wir durch die Jahrzehnte, schauen wir dabei zu, wie sie zu einer kommunistischen Kämpferin ausgebildet und später zur Sozialistin umerzogen wird, liebt, verliert und verschwindet. Doch auch weitere Bewohner tauchen immer wieder auf. In kurzen Kapiteln sind wir in drei zentralen Zeiten unterwegs. 1941 während des Regimes der Ustascha, der kroatischen Nationalsozialisten, dann während der Gründung des Staates Jugoslawien, bei der sogar Tito einen sehr nudistischen Auftritt hat, und enden wird der Roman mit dem Zerfall des Staates. Anda agiert dabei nicht wie eine klassische Romanheldin, sondern wird uns fragmentarisch, in kurzen Kapiteln immer mal wieder als Figur im Wandel der Zeiten präsentiert. Überhaupt sind die Passagen relativ knapp. Manchmal schließen sie direkt aneinander an, dann wiederum gibt es Zeitsprünge. Stück für Stück werden uns so wichtige Meilensteine in der Historie Kroatiens - und deshalb zwangsläufig auch Jugoslawiens - vermittelt. Im Großen und Ganzen verläuft der Zeltstrang chronologisch, doch ab und an erlaubt sich der Autor Ausflüge in die Vergangenheit, um uns die ein oder andere Entwicklung zu erklären. Und dann gibt es da noch Magus, einen metaphorisch auftretenden Jungen, der uns einerseits in die Geschichte einweist, indem er unter anderem interessantes Wissen zur Entstehung der Stadt Zagreb beiträgt und andererseits dies von außen tut und damit die Sicht des Hauses ein wenig aufbricht. Bisweilen ist das sehr kurzweilig zu lesen und meistens sehr konzentriert und auf dem Punkt. Ab und an wurde es mir aber dennoch ein bisschen zu abschweifend und es wiederholte sich auch immer mal wieder etwas, wenn z.B. Anda erzählte, wie ihr Werdegang war. Stilistisch liest es sich dennoch abwechslungsreich. Die kurzen Episoden tragen dazu bei, das Buch immer mal wieder zur Hand nehmen zu wollen, so nach dem Motto – „nur noch ein Kapitel“. Historische Fakten werden mit Fußnoten untermauert, die nicht überhand nehmen. Die Grenze zum Sachbuch verschwimmt in diesem Roman manchmal, doch ich finde das Šnajder es mit seiner Art Literatur zu komponieren, gut gelöst hat. Man ist sich schon jederzeit bewusst, hier in einer fiktiven Geschichte zu stecken, die allerdings mit einer Menge an realen Ereignissen und Namen gefüllt ist. Ich hätte mir trotzdem ein Glossar gewünscht. Ich selber bin der kroatischen Sprache mächtig und dadurch erklärt sich mir so einiges, ich stelle es mir aber schwer vor dieses Buch in seiner Gänze zu erfassen, wenn man kein Hintergrundwissen hat. Das ist dann etwas für Leser*innen, die gerne mit einem Text arbeiten. Wenn ihr also ein gut lesbares, aber umfangreiches Werk zur Geschichte des Süd öeuropäischen Landes lesen möchtet und außergewöhnliche Konstruktionen schätzt, dann empfehle ich euch dieses Buch sehr, denn hier bekommt ihr großartige Literatur.

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