
322 Follower
Die wilde Jagd nach der monströsen Dame ist ein ambitionierter, thematisch dichter Roman, der viel zu sagen hat – sich dabei aber nicht immer selbst im Zaum hält. Mit rund 750 Seiten ist das Buch deutlich länger, als es für seine eigentliche Handlung nötig wäre. Zwar entfaltet Theodora Goss ein vielschichtiges Figurenensemble und starke Motive rund um Verrat, patriarchale Wissenschaft und weibliche Selbstbestimmung, doch leidet der Roman spürbar unter seiner ausufernden Erzählweise. Die Geschichte wird in mehreren Handlungssträngen erzählt, von denen nicht alle gleichermaßen tragen. Während der Hauptplot um Mary Jekyll, den Athena-Club und die Aufarbeitung der „Schöpfungen“ ihrer Väter gut verständlich und in sich geschlossen bleibt, wirkt der Nebenstrang – insbesondere um Beatrice und Catherine – für die Haupthandlung verzichtbar. Selbst stark gekürzt oder weitgehend ausgelassen, geht dem Roman wenig Substanz verloren. Der Eindruck drängt sich auf, dass hier mehr erzählt wird, als dramaturgisch notwendig ist. Hinzu kommt eine bewusst altmodische, stark kommentierende Erzählweise: Die fünf Frauen unterbrechen die Handlung immer wieder mit Einschüben, Reflexionen und gegenseitigen Kommentaren. Diese Mehrstimmigkeit ist als Idee interessant, reißt aber häufig aus der Erzählung heraus und verliert über die Länge des Romans an Wirkung. Was im ersten Teil noch originell erscheint, wird mit der Zeit ermüdend. Stark bleibt der Roman dort, wo er sich auf seine Figuren konzentriert. Besonders Mary Jekyll und Diana Hyde bilden das emotionale Zentrum der Geschichte. Als Schwestern – erschaffen von demselben Vater in zwei Gestalten – stehen sie für zwei Extreme desselben Experiments: Kontrolle und Impuls, Anpassung und Widerstand. Ihre Beziehung wirkt trotz aller Künstlichkeit der Ausgangslage erstaunlich natürlich und glaubwürdig. Auch die anderen Mitglieder des Athena-Clubs überzeugen in ihren tragischen Grundkonstellationen: Beatrices erzwungene Einsamkeit, Catherines ewiges Dazwischensein und Justines Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung gehören zu den stärksten Aspekten des Buches. Der Athena-Club selbst ist kein Ort der Heilung, sondern eine gefundene Familie – ein pragmatisches Überlebensmodell für Frauen, die von ihren Vätern bewusst geopfert wurden, nicht aus echtem Fortschrittswillen, sondern aus Eitelkeit und Geltungsdrang. Diese Idee trägt den Roman und verleiht ihm emotionale Tiefe. Insgesamt ist Die wilde Jagd nach der monströsen Dame kein schlechtes Buch, aber eines, das stark von persönlichem Geschmack abhängt. Wer klare, stringente Erzählungen bevorzugt, wird sich an Länge und Struktur reiben. Wer jedoch bereit ist, sich auf Unvollständigkeit, Ambivalenz und leise Tragik einzulassen, findet hier einen inhaltlich lohnenden, wenn auch erzählerisch überladenen Roman.
23. Dez. 2025
Die wilde Jagd nach der monströsen Dame ist ein ambitionierter, thematisch dichter Roman, der viel zu sagen hat – sich dabei aber nicht immer selbst im Zaum hält. Mit rund 750 Seiten ist das Buch deutlich länger, als es für seine eigentliche Handlung nötig wäre. Zwar entfaltet Theodora Goss ein vielschichtiges Figurenensemble und starke Motive rund um Verrat, patriarchale Wissenschaft und weibliche Selbstbestimmung, doch leidet der Roman spürbar unter seiner ausufernden Erzählweise. Die Geschichte wird in mehreren Handlungssträngen erzählt, von denen nicht alle gleichermaßen tragen. Während der Hauptplot um Mary Jekyll, den Athena-Club und die Aufarbeitung der „Schöpfungen“ ihrer Väter gut verständlich und in sich geschlossen bleibt, wirkt der Nebenstrang – insbesondere um Beatrice und Catherine – für die Haupthandlung verzichtbar. Selbst stark gekürzt oder weitgehend ausgelassen, geht dem Roman wenig Substanz verloren. Der Eindruck drängt sich auf, dass hier mehr erzählt wird, als dramaturgisch notwendig ist. Hinzu kommt eine bewusst altmodische, stark kommentierende Erzählweise: Die fünf Frauen unterbrechen die Handlung immer wieder mit Einschüben, Reflexionen und gegenseitigen Kommentaren. Diese Mehrstimmigkeit ist als Idee interessant, reißt aber häufig aus der Erzählung heraus und verliert über die Länge des Romans an Wirkung. Was im ersten Teil noch originell erscheint, wird mit der Zeit ermüdend. Stark bleibt der Roman dort, wo er sich auf seine Figuren konzentriert. Besonders Mary Jekyll und Diana Hyde bilden das emotionale Zentrum der Geschichte. Als Schwestern – erschaffen von demselben Vater in zwei Gestalten – stehen sie für zwei Extreme desselben Experiments: Kontrolle und Impuls, Anpassung und Widerstand. Ihre Beziehung wirkt trotz aller Künstlichkeit der Ausgangslage erstaunlich natürlich und glaubwürdig. Auch die anderen Mitglieder des Athena-Clubs überzeugen in ihren tragischen Grundkonstellationen: Beatrices erzwungene Einsamkeit, Catherines ewiges Dazwischensein und Justines Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung gehören zu den stärksten Aspekten des Buches. Der Athena-Club selbst ist kein Ort der Heilung, sondern eine gefundene Familie – ein pragmatisches Überlebensmodell für Frauen, die von ihren Vätern bewusst geopfert wurden, nicht aus echtem Fortschrittswillen, sondern aus Eitelkeit und Geltungsdrang. Diese Idee trägt den Roman und verleiht ihm emotionale Tiefe. Insgesamt ist Die wilde Jagd nach der monströsen Dame kein schlechtes Buch, aber eines, das stark von persönlichem Geschmack abhängt. Wer klare, stringente Erzählungen bevorzugt, wird sich an Länge und Struktur reiben. Wer jedoch bereit ist, sich auf Unvollständigkeit, Ambivalenz und leise Tragik einzulassen, findet hier einen inhaltlich lohnenden, wenn auch erzählerisch überladenen Roman.
23. Dez. 2025






