Die Tagesordnung

Die Tagesordnung

Paperback
3.621
SiemensHitlerNationalsozialismusKrupp

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Beschreibung

20. Februar 1933: Auf Einladung des Reichstagspräsidenten Hermann Göring finden sich 24 hochrangige Vertreter der Industrie zu einem Treffen mit Adolf Hitler ein, um über mögliche Unterstützungen für die nationalsozialistische Politik zu beraten: Krupp, Opel, BASF, Bayer, Siemens, Allianz – kaum ein Name von Rang und Würden fehlt an den glamourösen runden Tischen der Vermählung von Geld und Politik. So beginnt der Lauf einer Geschichte, die Vuillard fünf Jahre später in die Annexion Österreichs münden lässt. Bild- und wortgewaltig führt er den Leser in die Hinterzimmer der Macht, wo in erschreckender Beiläufigkeit Geschichte geschrieben wird. Dabei erzählt er eine andere als die uns bekannte Geschichte: Er zeigt den Panzerstau an der deutschen Grenze zu Österreich, er entlarvt Schuschniggs kleinliches Festhalten an der Macht, Hitlers abgründige Unberechenbarkeit und Chamberlains gleichgültige Schwäche. Mit der ihm eigenen virtuosen Eindringlichkeit und mit satirischem Biss seziert Vuillard die Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten und macht deutlich: Die Deals, die an den runden Tischen der Welt geschlossen werden, sind faul, unser Verständnis von Geschichte beruht auf Propagandabildern.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Romane
Sub-Genre
Zeitgenössische Romane
Format
Paperback
Seitenzahl
118
Preis
10.30 €

Autorenbeschreibung

Éric Vuillard, 1968 in Lyon geboren, ist Schriftsteller und Regisseur. Für seine Bücher, in denen er große Momente der Geschichte neu erzählt und damit ein eigenes Genre begründete, wurde er u. a. mit dem Prix de l’Inaperçu, dem Franz-Hessel-Preis und dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Beiträge

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Alle
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Eigentlich mag ich dieses Genre, in dem Eric Vuillard schreibt. Keine Ahnung, wie man es bezeichnen soll, diese Mischung aus Sachbuch und fiktionalen Elementen. Westermann, Illies, Binet, Wittstock. Es gibt viele Autoren, die ich mit großem Gewinn gelesen habe. Warum hat es bei Vuillard nicht funktioniert? Ich habe mich von Anfang gefragt, warum er dieses Buch geschrieben hat. Warum er? Warum diese Collage aus szenenhaften Betrachtungen? Warum diese Wertungen in Form von Sarkasmus und beissendem Spot? Was will er uns aufzeigen? Worin unterscheidet sich das Buch von den unzähligen anderen Büchern, die versuchen, den Aufstieg des Nationalsozialismus zu erklären? Die anderen genannten Autoren haben einen klar erkennbaren roten Faden in ihren Büchern. Sie picken sich einen Zeitabschnitt oder eine Person heraus und beleuchten genau. Vuillard fängt mit den deutschen Großindustriellen an, macht dann mit Schuschnigg und Hitler im Berchtesgaden weiter und kommt über Göring und Rippendrop in die Downing Street, um danach in Österreich einzumarschieren. Der Autor rauscht mit einem Affenzahn durch die Geschichte. Die Bilder der Collage fliegen einem wie eine Diaschau um die Ohren. Das Feuilleton meint, dass man durch dieses Meisterwerk eine neue Sicht auf die Dinge bekommt. Ich mag schon keine Collagen in der Kunst, keine Potpourris in der Musik und selten Kurzgeschichten in der Literatur. Daher bewirkt Vuillards Stil bei mir nur, dass ich mich beginne, mich für seine Themen stärker zu interessieren, und ich recherchiere. Und dann lese ich über den Anschluss Österreichs teilweise die exakten Beschreibungen von Vuillards auf der entsprechenden Wikipedia-Seite und bin noch stärker irritiert. Zudem mag Vuillard markante Sätze, die sein Geschildertes zusammenfassen. „Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“ So vereinfacht er die Politik der Nationalsozialisten bis zum Jahr 1938. Stimmt das? „Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“ Wirklich? Hitler hat geblufft. Ich empfand seine Einstellung von Anfang an klar und eindeutig. Die Gegner wussten um seine Intentionen und wollte es nicht wahrhaben oder versuchten das Spiel mitzuspielen. Aber ein Bluff in Form eines bewusstes Irre führen? Wenn ich das mit Wittstocks "Der Winter der Literatur" vergleiche, wo allen beschriebenen Intelektuellen bereits im ersten Monat nach der Machtergreifung klar war, in welche Richtung das Land steuert, dann kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass Champerlain, Halifax oder Daladier verblüfft waren von Deutschlands Machtanspruch und Drang nach territorialer Ausdehnung. Auch sind die Aufmärsche und Massenkundgebungen, das Geschrei, die Bücherverbrennung, die Masseninhaftierungen alles andere als ein Indiz für ein Vorgehen "auf leisen Sohlen." Sprachlich ist die Erzählung hervorragend, konzeptionell und inhaltlich aber für mich fragwürdig. Binets HHhH fand ich Wesentlich besser, um mal einen Vergleich mit einem anderen Franzosen zu wagen, der sich in die dunkle, deutsche Geschichte eingearbeitet hat.

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Nahaufnahmen zeigen trottelige Unsympathen, alte Gierhälse, grausame Kleingeister – ein Panoptikum bizarrer Gestalten. Man kann sich nach der Lektüre beruhigt zurücklehnen und sich mit Onkel Nolte zum eigenen Anderssein beglückwünschen. Mit dem Wissen des weiteren Fortgangs der Geschichte legt Vuillard – dabei gehörig psychologisierend – Täuschungen, Absonderlichkeiten und zunächst verdeckt bleibende Motive offen. Das erscheint mir nicht sonderlich originell und verdeckt oder relativiert die Wirkung in der damaligen Gegenwart. Goebbels hat die Wochenschaubilder manipuliert, Pannen unerwähnt gelassen und beim Jubeln nachgeholfen. Gut, aber was heißt das? Die berechtigte Anklage der deutschen Wirtschaft, die von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter profitierte und weder angemessene Entschädigung zahlte noch ihre Schuld bekannte – das wird in wenigen Sätzen abgehandelt, garniert mit einer Geistererscheinung des schlechten Gewissens beim alten Gustav Krupp. Mehr auf meinem Blog "Notizhefte" unter: https://notizhefte.com/2019/03/25/eric-vuillard-die-tagesordnung/

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