Das deutsche Alibi

Das deutsche Alibi

Hardcover
4.810

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Beschreibung

Ein Datum im Dienst der Politik

Zum 20. Juli 1944 scheint alles gesagt. Wir wissen, wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg die Bombe platzierte, warum der Anschlag misslang und dass es trotzdem aller Ehren wert ist. Dass aber in Wirklichkeit rund 200 Personen, ein breites Bündnis von Menschen aller sozialer Schichten und unterschiedlichster politischer Couleur am sogenannten »Stauffenberg-Attentat« beteiligt waren, ist nur wenigen bewusst. Noch heute gilt der 20. Juli 1944 als »Aufstand des Gewissens« einer kleinen Gruppe konservativer Militärs, noch heute verstellt diese legendenhafte Überhöhung unseren Blick auf die Ereignisse und die gesellschaftliche Vielfalt der Verschwörung. Die Journalistin Ruth Hoffmann unternimmt eine umfassende und längst überfällige Dekonstruktion des Mythos »Stauffenberg-Attentat« und zeichnet nach, wie der 20. Juli seit Gründung der Bundesrepublik politisch instrumentalisiert wird: mal um sich gegen die DDR abzusetzen und kommunistische Widerständler zu diffamieren; mal um Politikern, die mit dem NS-Regime kollaboriert hatten, eine Nähe zum Widerstand anzudichten; oder, wie die AfD, um die eigene Demokratiefeindlichkeit mit einem angeblichen Widerstandsgeist in der Tradition Stauffenbergs zu kaschieren.

Das deutsche Alibi ist der profund recherchierte Beitrag zu einem schicksalhaften Datum, in dem sich bis heute das schwierige Verhältnis zu unserer eigenen Geschichte spiegelt.

ausgezeichnet mit dem Sachbuchpreis der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS 2024
Deutscher Sachbuchpreis 2024 (nominiert)
NDR Sachbuchpreis 2024 (Longlist)

Buchinformationen

Haupt-Genre
Fachbücher
Sub-Genre
Geschichte & Archäologie
Format
Hardcover
Seitenzahl
400
Preis
24.70 €

Autorenbeschreibung

Die Historikerin und Journalistin Ruth Hoffmann schreibt für verschiedene Medien, darunter Spiegel, Geo und Stern, über jüngere deutsche Geschichte, ihre Aufarbeitung und Verdrängung – und ihren anhaltenden Nachhall in unserer Gesell-schaft. In ihrem 2024 erschienenen Buch Das deutsche Alibi setzt sie sich kritisch mit der politischen Instrumentalisierung des Stauffenberg-Attentats, auch durch die Neue Rechte, auseinander. Es wurde für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert und mit dem Sachbuchpreis der Zeit Stiftung Bucerius ausgezeichnet. Ruth Hoffmann lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Beiträge

5
Alle
4

Ein Sieg des Konservativen

Ruth Hoffmann verfolgt quellennah den Weg des Narrativs um den 20. Juni 1944 durch die Geschichte der Bundesrepublik. Es ist -trotz der Quellennähe- weniger historisches Sachbuch als Lesebuch für den interessierten Laien und thematisiert zentral nicht den Putschversuch des 20. Juni, sondern die deutsche Nachkriegsgeschichte als Mentalitätsgeschichte und die Versuche einer Entnazifizierung. Drei Erkenntnisse bleiben dabei maßgeblich bestehen: - viel zu lang wurden Opfer verurteilt und Täter geschützt - am Ende setzt sich das konservative Narrativ durch - im Zentrum dieses Basisnarrativs steht noch immer der militärische Widerstand einer kleinen Gruppe Adliger, während der zivile Anteil zu wenig Berücksichtigung findet. Hoffmanns Ziel war zwar nicht die Darstellung des Putschversuchs, sondern die politische Instrumentalisierung; dennoch hätte es mir persönlich zumindest geholfen, wenn sie dieser Verklärung einen Teil vorangestellt hätte, in dem sie noch expliziter auf den geplanten Putsch eingeht. Denn sie zeigt mE zwar anschaulich auf, wie Narrative entstehen bzw. für die eigene Politik erstellt werden, verlangt allerdings vom Leser, entweder über die spezifischen Vorkenntnisse zu verfügen, um die Gewichtung des jeweiligen Narrativs zu überprüfen, oder sich nicht für Spitzfindigkeiten zu interessieren. Insgesamt gebe ich 4/5 Sternen, weil meine Voraussetzungen, gekoppelt an die Erwartungen, ungeschickt waren und ich mir mehr Breite zum Putschversuch selbst gewünscht hätte.

5

Dieses Buch ist ein Beispiel dafür, wie Geschichte über die Jahrzehnte verfälscht und verändert wird. Dazu zeigt es, wie nach dem 2. Weltkrieg mit diesem schweren Erbe umgegangen wurde. Ich war so oft wütend, sauer und entsetzt. Ich habe ziemlich lange für diese 400 Seiten gebraucht, weil ich immer wieder pausieren musste. Die Autorin hat sehr gute Recherche geleistet, so empfinde ich es und sowohl die BRD als auch die DDR unter die Lupe genommen. Die Frauen und Männer hinter dem Attentat des 20. Juli 1944 haben lange Zeit nicht den Respekt erhalten, den sie verdienen. Sie sind diffamiert worden als Verräter beschimpft. Den Angehörigen wurden Sozialleistungen nicht zugestanden und die Kinder und Enkelkinder wurden angefeindet. Ein Sachbuch, das schwer zu lesen und noch schwere zu ertragen ist.

5

"Das deutsche Alibi" von Ruth Hoffmann war 2024 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. Ich fand es sehr spannend zu lesen. Es war eine Reise durch die Nachkriegszeit und die Bewältigung der NS-Vergangenheit. Hier ist das Thema Widerstand und insbesondere, wie das Attentat vom 20.07.1944 immer wieder politisch instrumentalisiert wurde, im Fokus. Es war interessant die Veränderung über die Jahrzehnte zu verfolgen. Dabei kommt Deutschland in Sachen Vergangenenheitsbewältigung und Aufarbeitung nicht gerade gut weg. Für mich mitgenommen habe ich den Einsatz der Personen, die sich für eine Anerkennung des Widerstandes in seiner gesamten Breite eingesetzt haben.

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5

Großartige Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik vor dem Hintergrund politischer Instrumentalisierung des sogenannten „Stauffenberg-Attentats“.

5

Wenn ich an die Attentäter vom Juli 1944 Denke, dann denke ich tatsächlich immer auch an das Netzwerk das damit einher geht. Allerdings ist mir sehr wohl klar, warum das so ist. Ich hatte ein ganzes Seminar zum deutschen Widerstand und ich hatte die Chance diese Seminare und Vorlesungen bei Peter Steinbach, der nicht nur die Gedenkstätte deutscher Widerstand leitete, sondern auch maßgeblich dazu beitrug, dass der dt. Widerstand im gesamten gewürdigt wird, unabhängig davon ob dieser aus Kommunistischem, Christlichen, militärischen Hintergründen kam. Mich interessiert die Frage nach Kontinuitäten der NS-Zeit in beiden deutsche Staaten und die Rezeption des Widerstands ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese Kontinuitäten funktioniert haben. Ruth Hoffmann führt an Hand des Beispiels aber auch aus, wie wir durch die Instrumentalisierung Verschleierung betrieben haben. Deutsches Alibi… das ist definitiv ein richtig gut gewählter Buchtitel. Denn die Widerstandskämpfer und das gesamte Netzwerk das damit zusammenhing, wurden in der Vergangenheit bis heute als Alibi verwendet um die Wahrheit zu verschleiern: Die Kontinuitäten die eben nicht durch das Ende der NS-Diktatur zerbrochen wurden, sondern nach wie vor weiter bestanden. Sei es in Justiz, Medizin, Beamtentum oder an anderen Stellen in der Gesellschaft. Gleichzeitig wurde in beiden Staaten dem Widerstand nur so weit gedacht, wie er in die eigene Politik passte. In beiden Staaten sorgte das auch für eine bestimmte, gelenkte Erinnerungskultur und für einen Gründungsmythos, der in der BRD bis heute anhält. Zwar hat sich der Umgang immer wieder verändert, aber die Autorin zeigt auch die verpassten Chancen auf. So hat etwas die SPD ihre Tradition im Widerstand lange nicht offen thematisiert. Auch an Stellen, an denen die die Möglichkeit gehabt hätte. An anderer Stelle haben Konservative Parteien (ausgerechnet…) Kontinuitäten betont, wo gar keine wahren. Und Jahrzehnte lang wurden die Verbrecher nicht belangt, lebten unbehelligt und bekamen ihre Pensionen ausgezahlt als ob nichts gewesen wäre – z.B. ein gewisser Freisler, Globke, Filbinger, Kissinger und und und .... Kohl proklamierte die Gnade der Späten Geburt, und griff Historiker wie Peter Steinbach an, es zu wagen, auch Widerstand gerade auch von Kommunisten zu würdigen. Bzw. generell von allem was er als links einstufte. Das deutsche Alibi, die Erinnerungskultur auf die die BRD so stolz ist oftmals vor allem eines: die Verschleierung der eigentlichen Tatsachen, die Möglichkeit Menschen von ihrer Täterschaft frei zu sprechen und das Teilweise sogar mit Hilfe der Nachfahren der Widerstandskämpfer. Oftmals unter Ausschluss all derer die ebenfalls zu dem Netzwerk gehörten vor allem dann, wenn sie Sozialdemokraten oder Kommunisten gewesen waren. Eines der besten Sachbücher die ich bisher gelesen habe. Eines das mich einerseits wütend gemacht hat, aber andererseits auch sehr nachdenklich, vor allem im Hinblick auf viele viele Parallelen, die momentan wieder sichtbar werden. Die Frage kommt auf, wo man selbst steht. Wie man sich selbst im Hinblick dessen verhalten möchte. Die Nachfahren vieler Widerstandskämpfer haben es in diesem Jahr mit einem offenen Brief gegen rechts vor gemacht. Langfristig müssen wir mehr Mut beweisen, uns aktiver gegen all jene stellen, die unsere Demokratie angreifen. Nie wieder ist jetzt!!!

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