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"Der Gott des Gemetzels"

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Über das Buch

Zwei 11jährige Jungen prügeln sich auf dem Schulhof, der eine schlägt mit dem Stock zu, der andere verliert zwei Schneidezähne. Unter zivilisierten Leuten, wie es die Eltern sind, spricht man die Sache gemeinsam durch, schließlich ist man nicht in der Banlieu, wo die Autos brennen. Daraus entwickelt sich ein Elternabend mit furiosem Verlauf, in dem die dünne Haut bürgerlicher Kultiviertheit erst sichtbar wird und dann auch auf erhellende Weise platzt.

Editionen (7)

ISBN9783905707151
VerlagLibelle
Erscheinungsdatum30.04.16
Seitenzahl96

Rezensionen & Bewertungen

62 Bewertungen

6 Rezensionen

3,3

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  • fraumarsupilami
    fraumarsupilami

    187 Follower

    5,0

    Ein Kammerspiel der gepflegten Eskalation 🍷🪑🧠

    Zwei elfjährige Jungs geraten aneinander, einer schlägt dem anderen mit einem Stock zwei Schneidezähne aus. Ein Vorfall, der heute auf keinen Fall einfach unter „Jungenkram“ abgehakt werden darf. Also treffen sich die beiden Elternpaare zu einem klärenden Gespräch. Man will das Ganze vernünftig lösen — schließlich sind wir ja erwachsen, gebildet, zivilisiert. Im Wohnzimmer der einen Familie sitzt man sich gegenüber, serviert Espresso und Kuchen, redet sachlich. Anfangs. Was als höfliches Sitzen im Wohnzimmer beginnt, kippt schnell. Zwischen Coffee Table Books und Geplänker werden aus diplomatischen Phrasen bissige Spitzen, aus passiv-aggressiven Lächeln offene Vorwürfe. Am Ende ist klar: Nicht die Kinder sind das Problem – sondern die Erwachsenen, die längst nicht so über den Dingen stehen, wie sie glauben. Und die eigentlichen Streithähne, die Kinder? Spielen am Ende längst wieder gemeinsam mit dem Handy. „Der Gott des Gemetzels“ ist Yasmina Reza in Höchstform. Kein Wort zu viel, kein Satz zu wenig. Die Dialoge sind messerscharf, die Eskalation choreografiert wie ein Tanz – nur dass sich hier niemand wirklich elegant bewegt. Man erkennt sich wieder (leider), lacht (oft erschrocken) und fragt sich am Ende: Wie dünn ist eigentlich die Schicht, die uns von der Barbarei trennt? Genau: Sehr. Und dann eskaliert es: Es wird sich angeschrien, beschimpft, Alkohol fließt, Egos prallen frontal aufeinander. Eine Frau übergibt sich – stilecht auf einen sündhaft teuren Kunstband. Ein Mann föhnt sich panisch seine Hose trocken. Und mit jeder Szene fällt mehr Lack von der vermeintlich zivilisierten Fassade. Die bürgerliche Wohlanständigkeit bröckelt, bis nichts mehr übrig bleibt als vier Erwachsene, die sich aufführen wie die Kinder, über die sie sich eben noch moralisch erhoben haben. Und man denkt die ganze Zeit: Irgendwie kennt man diese Leute. Vielleicht aus dem Elternbeirat. Vielleicht vom letzten Abendessen mit Bekannten. Ich liebe diesen zwischenzeiligen, sarkastischen Humor, der gnadenlos alles entlarvt, was wir uns im Alltag selbst schönreden. Diese vier Figuren sind Prototypen unserer Gesellschaft: aufgeklärt, leistungsorientiert, rhetorisch geübt – und doch jederzeit bereit, in den Rückwärtsgang zu schalten, sobald das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Es macht einfach Spaß, dieser Eskalation in Zeitlupe beizuwohnen. Herrlich unangenehm, wunderbar treffend. Ich kannte den Film mit Christoph Waltz schon vorher – den mochte ich sehr, und das Drama steht dem in nichts nach. Es lebt von seiner Reduktion: vier Stühle, vier Menschen, null Filter. Yasmina Reza braucht keine Effekte, keine große Bühne – sie lässt einfach Menschen sprechen. Und genau das macht dieses Stück so stark. Fazit: Bissig, böse, herrlich entlarvend – ein kleiner, feiner Höllentrip im besten Sinne. Wer Dialoge liebt, Gesellschaftssatire schätzt und sich nicht davor scheut, eigene Verhaltensmuster im Theater mit einem Spiegel direkt unter die Nase gerieben zu bekommen, sollte das Stück definitiv gelesen (oder gesehen) haben. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

    18. Apr. 2025

  • frl.pwl
    frl.pwl

    75 Follower

    3,5

    Konfliktbewältigung ohne Lösung

    Das Drama "Gott des Gemetzels" wurde mir für meinen Deutschunterricht empfohlen. Ich habe es gelesen, gemocht, aber werde es dennoch nicht als Lektüre einsetzen. Die Geschichte dreht sich um zwei Ehepaare, die zusammensitzen, weil der Sohn des einen den anderen geschlagen hat. Über die eigentliche Intention eine Lösung für den Konflikt zu finden, eskaliert die Situation. Mit 56 Seiten ist das Drama kurzweilig, aber in seiner Komplexität nicht zu unterschätzen. Thematisch wird sehr viel aufgegriffen, einfache Eheprobleme, Erziehungsfragen, Work-Relationship-Balance - unter Oberstufe würde ich es nicht empfehlen, auch sprachlich ist es gehoben. Die Geschichte hatte sehr amüsante Parts, die mich an Loriot erinnerten. Ich werde mir demnächst mal den Film dazu ansehen, aber für den Unterricht bleibe ich auf der Suche nach lebensnäheren, modernen Stücken.

    5. Jan. 2025

  • buchstabe
    buchstabe

    23 Follower

    3,0

    Mir fehlt es am letzten Biss

    Dieses dramatische Werk ist aktuell - ja. Es behandelt eine ethisch-moralische Frage - auf jeden Fall. Doch es fehlt mir am letzten Biss ( vielleicht auf der Bühne zu erleben). Zwei Elternpaare suchen ein klärendes Gespräch - mehr oder weniger - bezüglich einer körperlichen Auseinandersetzung ihrer beiden Söhne. Ein gepflegtes Abendessen mit augenscheinlicher Höflichkeit und ähnlichen moralischen Ansichten. Doch innerhalb weniger Wechsel kehren sich innere „Abgründe“ heraus. Parteien wechseln und Sympathien sowie Antipathien hüpfen hin und her. Man muss und sollte wohl niemanden mögen oder bevorzugen - zumindest ist dies meiner Meinung nach für den nachhaltigen Umgang mit diesem Werk als Leser/in unabdingbar. Wer ist wirklich Täter? Wie definiert dies jeder? Was sind die graduellen Unterschiede? Was ist tief in unserer westlichen Kultur verankert, ohne unser Wissen oder mit unserer versteckten Akzeptanz? Dennoch hat mir am Ende der anfangs aufkommende Biss gefehlt.

    18. Okt. 2025

3 von 6 Rezensionen

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