Michael Köhlmeiers »Matou« ist eine Liebeserklärung an Mensch und Tier, voller Sprachwitz und Ironie
Die großen Fragen der Menschheit – betrachtet von einem einzigartigen Kater: Matou. Sein Leben ist ein Sieben-Leben-Leben, es reicht von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. Seine Leidenschaft ist es, den Menschen verstehen zu lernen.
Ein Kater sitzt auf einem Dachboden im 9. Bezirk in Wien und schreibt seine Memoiren. E.T.A Hoffmann und Andy Warhol kannte er persönlich, auf der Katzeninsel Hydra führte er einst einen autokratischen Staat und kämpfte im Kongo gegen die Kolonialherren. Seine Leben sind voller großer Abenteuer. Matou ist nicht irgendein Kater, er ist ein wilder Geschichtenerzähler und ein noch größerer Philosoph. Er ist der Homer der Katzen.
Du denkst bei "Matou" an schnurrende Katzen auf Fensterbänken? Falsch gedacht. Dieses Buch ist kein fluffiger Katzenroman, sondern ein 900-Seiten-Brocken voller Philosophie, Literatur, Geschichte – und ja, auch ziemlich viel Blut.
Michael Köhlmeiers "Matou" sind die fiktive Memoiren eines philosophierenden Katers, der über mehrere Leben hinweg die Menschheit und vorallem ihre Sprache seziert.
"Ich kann nicht verstehen, dass ihr, die ihr jederzeit Zugang zu Schreibwerkzeug und Bibliotheken habt, diese Kunst so wenig pflegt. Ich an eurer Stelle würde nichts anderes tun als lesen und schreiben – neben jagen, quälen und morden." (Zitat)
Matou tötet. Und zwar nicht nur mit Worten. Die Beschreibung, wie er mit Mäusen umgeht oder in einem seiner Leben auch Menschen tötet, ist alles andere als harmlos. Seine sieben Leben führen ihn durch Zeiten, Kontinente und menschliche Abgründe – immer mit scharfem Blick und bissiger Analyse.
Schon in seinem ersten Leben in Paris lernt Matou die menschliche Sprache – warum er in den folgenden Leben plötzlich jede neue Sprache einfach so versteht, bleibt etwas vage. Vielleicht ein kleiner Logikbug im sonst so brillanten Geflecht. Vielleicht aber auch: Matou ist einfach ein verdammtes Genie.
Matou liest. Und wie! Tolstoi, Nietzsche, Dostojewski – du bekommst einen kostenlosen Crashkurs in Weltliteratur, ganz nebenbei. Und wer sich für Sprachkritik interessiert, wird an Matous sezierenden Gedanken zur Sprache seine wahre Freude haben.
"Was ihr unter Natur versteht, das hingegen habe ich in meinem kurzen Franzosenleben erfahren: etwas, das unter allen Umständen besiegt werden muss, weil es euch, die ihr zu den Engeln strebt, wie euer dichter, Dante Alighieri sagt, hinunter zieht zu uns Tieren, die wir, wie euer Theologe Thomas von Aquino sagt, kein eigenes Leben haben, insofern als unser Leben nur entlang der verständnislosen Natur verläuft, während ihr, wie euer Romancier Thomas Mann sagt, aus dem Geist der Erzählung eures eigenen Lebens erst schafft." (Zitat)
Im dritten Leben lässt er dich sogar lernen, wie man eine (Katzen-)Diktatur aufbaut (bitte nicht nachmachen). Es wird also nicht langweilig. Und wenn du Lyrik magst: Ja, Matou dichtet auch. Singt sogar. Zum Glück dezent und ohne kitschigen Fremdschamfaktor.
"Matou" ist vieles: historischer Roman, literarischer Reiseführer, Sprachspielplatz, Philosophie-Exkurs, Tiermemoir mit Abgründen. Köhlmeier vermischt reale Figuren mit Fiktion, Ernst mit Absurdität. Es ist kein Buch, das man verschenkt, weil jemand Katzen mag. Es ist ein Buch für Menschen, die Sprache lieben, die denken wollen, die lesen wollen.
Einziger Kritikpunkt? Die Frauenrollen. Leider oft eindimensional, schwach oder negativ gezeichnet. Fast alle wichtigen Figuren sind Männer. Hier hätte ich mir deutlich mehr Diversität gewünscht.
Und trotzdem: fünf Sterne. Ohne Zweifel. Ich werde es wieder lesen. Vielleicht nicht sofort. Aber ganz sicher oder als Hörbuch hören.
Und zum Schluss:
"Was ist Freiheit anderes als eine Garantie für unsere Gewohnheiten?" (Zitat)
Tja. Denk mal drüber nach.
3. Mai 2025
5,0
Memoiren eines mörderisch klugen Katers
Du denkst bei "Matou" an schnurrende Katzen auf Fensterbänken? Falsch gedacht. Dieses Buch ist kein fluffiger Katzenroman, sondern ein 900-Seiten-Brocken voller Philosophie, Literatur, Geschichte – und ja, auch ziemlich viel Blut.
Michael Köhlmeiers "Matou" sind die fiktive Memoiren eines philosophierenden Katers, der über mehrere Leben hinweg die Menschheit und vorallem ihre Sprache seziert.
"Ich kann nicht verstehen, dass ihr, die ihr jederzeit Zugang zu Schreibwerkzeug und Bibliotheken habt, diese Kunst so wenig pflegt. Ich an eurer Stelle würde nichts anderes tun als lesen und schreiben – neben jagen, quälen und morden." (Zitat)
Matou tötet. Und zwar nicht nur mit Worten. Die Beschreibung, wie er mit Mäusen umgeht oder in einem seiner Leben auch Menschen tötet, ist alles andere als harmlos. Seine sieben Leben führen ihn durch Zeiten, Kontinente und menschliche Abgründe – immer mit scharfem Blick und bissiger Analyse.
Schon in seinem ersten Leben in Paris lernt Matou die menschliche Sprache – warum er in den folgenden Leben plötzlich jede neue Sprache einfach so versteht, bleibt etwas vage. Vielleicht ein kleiner Logikbug im sonst so brillanten Geflecht. Vielleicht aber auch: Matou ist einfach ein verdammtes Genie.
Matou liest. Und wie! Tolstoi, Nietzsche, Dostojewski – du bekommst einen kostenlosen Crashkurs in Weltliteratur, ganz nebenbei. Und wer sich für Sprachkritik interessiert, wird an Matous sezierenden Gedanken zur Sprache seine wahre Freude haben.
"Was ihr unter Natur versteht, das hingegen habe ich in meinem kurzen Franzosenleben erfahren: etwas, das unter allen Umständen besiegt werden muss, weil es euch, die ihr zu den Engeln strebt, wie euer dichter, Dante Alighieri sagt, hinunter zieht zu uns Tieren, die wir, wie euer Theologe Thomas von Aquino sagt, kein eigenes Leben haben, insofern als unser Leben nur entlang der verständnislosen Natur verläuft, während ihr, wie euer Romancier Thomas Mann sagt, aus dem Geist der Erzählung eures eigenen Lebens erst schafft." (Zitat)
Im dritten Leben lässt er dich sogar lernen, wie man eine (Katzen-)Diktatur aufbaut (bitte nicht nachmachen). Es wird also nicht langweilig. Und wenn du Lyrik magst: Ja, Matou dichtet auch. Singt sogar. Zum Glück dezent und ohne kitschigen Fremdschamfaktor.
"Matou" ist vieles: historischer Roman, literarischer Reiseführer, Sprachspielplatz, Philosophie-Exkurs, Tiermemoir mit Abgründen. Köhlmeier vermischt reale Figuren mit Fiktion, Ernst mit Absurdität. Es ist kein Buch, das man verschenkt, weil jemand Katzen mag. Es ist ein Buch für Menschen, die Sprache lieben, die denken wollen, die lesen wollen.
Einziger Kritikpunkt? Die Frauenrollen. Leider oft eindimensional, schwach oder negativ gezeichnet. Fast alle wichtigen Figuren sind Männer. Hier hätte ich mir deutlich mehr Diversität gewünscht.
Und trotzdem: fünf Sterne. Ohne Zweifel. Ich werde es wieder lesen. Vielleicht nicht sofort. Aber ganz sicher oder als Hörbuch hören.
Und zum Schluss:
"Was ist Freiheit anderes als eine Garantie für unsere Gewohnheiten?" (Zitat)
Tja. Denk mal drüber nach.
Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard in Vorarlberg, studierte Germanistik, Politologie, Mathematik und Philosophie. Sein literarisches Werk machte ihn zum Bestsellerautor, zu seinen erfolgreichen Veröffentlichungen zählen die Romane »Abendland« (2007) und »Die Abenteuer des Joel Spazierer« (2013). Mit »Abendland« war der Österreicher 2007 Finalist beim Deutschen Buchpreis und erhielt ein Jahr später den Bodensee-Literaturpreis. 2017 folgten der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Marie Luise Kaschnitz-Preis. Aber auch Hörspiele aus Köhlmeiers Feder standen bereits auf Bestenlisten, für »Theorie der völligen Hilflosigkeit« erhielt der Autor 1993 den ORF-Hörspielpreis. Durch die 80-teilige Sendereihe »Mythen – Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums« bei BR-alpha ist sein Gesicht einem breiten Publikum bekannt. Michael Köhlmeier lebt in Hohenems und Wien.