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Lyrik & Dramen

Leutnant Gustl

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Klassiker aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, , Sprache: Deutsch, Abstract: Wie lange wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen ... schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht's denn? Wenn's einer sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren ... Erst viertel auf zehn? ... Mir kommt vor, ich sitz' schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin's halt nicht gewohnt ... Was ist es denn eigentlich? Ich muß das Programm anschauen ... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab' gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, daß man jeden Augenblick fortgehen kann. - Wenn ich wenigstens einen Ecksitz hätt'! - Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End'! Vielleicht ist es sehr schön, und ich bin nur nicht in der Laune. Woher sollt' mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke, daß ich hergekommen bin, um mich zu zerstreuen ... Hätt' ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er spielt ja selber Violine. Aber da wär' der Kopetzky beleidigt gewesen. Es war ja sehr lieb von ihm, wenigstens gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann ... Seine Schwester singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen, alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt, der Kopetzky ... Warum ist er denn nicht selber gegangen? - Sie singen übrigens sehr schön. Es ist sehr erhebend - sicher! Bravo! Bravo! ... Ja, applaudieren wir mit. Der neben mir klatscht wie verrückt. Ob's ihm wirklich so gut gefällt? - Das Mädel drüben in der Loge ist sehr hübsch. Sieht sie mich an oder den Herrn dort mit dem blonden Vollbart? ... Ah, ein Solo! Wer ist das? Alt: Fräulein Walker, Sopran: Fräulein Michalek ... das ist wahrscheinlich Sopran ... Lang' war ich schon nicht in der Oper. [...]

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ISBN9783640252206
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsdatum23.01.09
Seitenzahl40

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  • bookswithbue
    bookswithbue

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    3,5

    Pionierwerk zum inneren Monolog 🧠🗣️

    Wien, um die Jahrhundertwende. Die Habsburgermonarchie strahlt nach außen hin noch immer den Glanz einer Weltmacht aus, doch innerlich brodelt es. Die Gesellschaft ist verkrustet, die Rollenbilder sind eng, und unter dem Lack des Anstands verbergen sich Angst, Gier und eine gähnende innere Leere. Arthur Schnitzler, sowohl Arzt als auch Literat, legt in seinen zwei Novellen, Leutnant Gustl (1900) und Fräulein Else (1924), das Innenleben seiner Zeit mit chirurgischer Präzision frei. Leutnant Gustl ist eine Novelle, die man kaum glauben kann: Ein junger Offizier wird nach einem Konzertabend von einem Bäcker beleidigt. Was sich vorerst nach einer Kleinigkeit anhört, bringt Gustls Welt jedoch gehörig aus den Fugen. Seine Ehre, die das einzige Kapital ist, über das er wirklich verfügt, scheint unwiederbringlich verloren zu sein. Er kann den Mann nicht zum Duell fordern, da dieser ein Zivilist und somit kein standesgemäßer Gegner ist. Daher beschließt Gustl, seinem nun nutzlosen Leben ein Ende zu setzen. Fräulein Else, das ein Vierteljahrhundert später entstanden ist, zeigt eine junge, gebildete Frau in einer anderen, aber nicht weniger erdrückenden Zwangslage. Ihr Vater, ein Wiener Rechtsanwalt, hat sich verspekuliert und droht ins Gefängnis zu kommen. Ihre Mutter hat aber sogleich eine Lösung ausgehandelt: Else soll sich einem älteren Herrn anbiedern und das Geld von ihm erbitten – koste es, was es wolle. Beide Texte Schnitzlers sind Meilensteine der deutschsprachigen Moderne; nicht zuletzt, weil Schnitzler hier erstmals in der deutschen Literatur den inneren Monolog als alleiniges Erzählmittel einsetzt. Eine Technik, die er zeitgleich mit James Joyce, und dennoch völlig unabhängig von diesem entwickelte. Freud nannte Schnitzler sein literarisches Doppelgänger-Ich. Das war kein Kompliment von oben herab — das war ehrliche Anerkennung unter Gleichgesinnten. Was Schnitzler in diesen beiden Texten tut, ist im Grunde ein Akt der Entlarvung — sanft, fast beiläufig, aber unerbittlich. Er hält seinen Figuren keinen Spiegel vor, sondern steckt uns mitten in sie hinein. Was wir dort schließlich vorfinden, ist kein Heldenstück oder ein klarer moralischer Kompass, sondern ein Gewirr aus Eitelkeit, Angst, halbgaren Gedanken und gesellschaftlich eingeübten Reflexen. Bei Gustl zeigt sich das besonders schonungslos. Der Mann ist kein Bösewicht oder Ähnliches, er ist lediglich banal. Seine Gedanken kreisen in dieser Schicksalsnacht nicht um Tiefe, Sinn oder Reue, sondern um Nichtigkeiten. Beispielsweise überlegt er, ob seine Schwestern weinen werden, ärgert sich über einen Konzertzettel oder er denkt an seine früheren Liebschaften. Schnitzler verabschiedet mit dieser Figur eine ganze Weltanschauung — die des kaiserlichen Militärs, das sich auf Ehre und Standesgefühl beruft, innerlich aber so hohl ist wie eine leere Uniform. Die Novelle erschien 1900 im Wiener Feuilleton und kostete Schnitzler seinen Rang als Offizier der Reserve — ein Beweis dafür, wie treffsicher die Satire saß. Else ist das weibliche Gegenstück zu Gustl und in gewisser Weise noch bedrückender zu lesen, weil ihr Käfig nicht aus aufgeblasenem Ehrgefühl besteht, sondern aus struktureller Ohnmacht. Sie ist jung, klug, voller Bewusstsein — und genau dieses Bewusstsein macht ihr Leiden unerträglich. Sie erkennt, was mit ihr geschieht und benennt dies mit messerscharfen Worten. Dennoch kann sie ihr Schicksal letztendlich nicht verhindern (zumindest glaubt sie das). Schnitzlers Brillanz liegt darin, dass er uns nie sagt, was Else tun soll. Er urteilt nicht. Er begleitet nur und überlässt uns schlussendlich die Bewertung. Dabei ist der innere Monolog nicht nur ein erzählerischer Kniff, sondern auch eine bewusste Entscheidung. Indem Schnitzler uns keine auktoriale Stimme gibt, kein Korrektiv von außen, keine ordnende Erzählerinstanz, setzt er uns der Gedankenwelt seiner Figuren schutzlos aus. Wir können nicht auf Abstand gehen. Wir müssen Gustls Feigheit mitdenken, Elses Demütigung mitfühlen. Das ist unbequem. Es soll unbequem sein. Was die beiden Novellen über den Wiener Kontext hinaus zeitlos macht, ist ihre Diagnose: Wie Menschen unter gesellschaftlichem Druck nicht zusammenbrechen, sondern sich anpassen — und dabei unmerklich sich selbst verlieren. Gustl wird am Ende nicht sterben. Eine Zufallsnachricht erspart ihm das. Er wird weitermachen wie zuvor. Das ist das eigentlich Grauenhafte. Else wird nicht weitermachen. Auch das lässt Schnitzler nicht als Tragödie heroisieren — es ist Scheitern, stilles, erschöpftes Scheitern.

    Pionierwerk zum inneren Monolog 🧠🗣️

    16. Apr. 2026

  • 3,0

    Der Schreibstil ist komplex. Da es sehr wenige Absätze gibt und diese Version des Buches zwar schon überarbeitet hat, hat man dennoch die Sprache auf einem schwierigen Level gelassen. Ein sehr interessantes und psychologisches Thema, zur Darstellung der Frau zu der Zeit, wo das Werk entstanden ist (1924). Wo wir heute für jeden (vermeintlich) Freiheit und Selbstbestimmung haben, wird hier sehr stark das Bild von damals von der Frau kritisiert. Ich hatte gehofft das Buch an einem Tag durchzubekommen, allerdings war es manchmal so komplex, dass es einen müde gemacht hat und man beim lesen mehrmals weggenickt ist.

    25. Juli 2024

3 von 26 Rezensionen

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