Die Geschichte vom Kaufmannssohn Wilhelm Meister, der aus der bürgerlichen Enge seines Elternhauses ausbricht, um seine künstlerischen Talente zu erproben, gilt als der berühmteste Bildungsroman der deutschen Literatur. Während der junge Mann mit einer Theatergruppe durch die Lande zieht, lernt er allmählich, daß die Kunst nur ein Teil des Lebens ist, daß erst in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, durch schmerzliche Erfahrungen und bedeutsame Begegnungen, die wahre Lebenskunst erworben wird. Bewußt wählte Goethe als Titelhelden für sein 1795/96 in vier Bänden erschienenes Werk einen ganz normalen Menschen, der nur das eine Ziel hat, sich selbst, »ganz wie ich da bin, auszubilden« und erst »durch das Irren geheilt« wird. Der berühmte Roman wurde zu einem Plädoyer für die Jugend, der eine Zeit der Entwicklung, des Versuchs und Irrtums zugestanden werden muß. Darin ist seine Zeitlosigkeit und seine Modernität begründet.
»Wilhelm ist freilich ein armer Hund, aber nur an solchem läßt sich das Wechselspiel des Lebens und die tausend verschiedenen Lebensaufgaben recht deutlich zeigen, nicht an schon abgeschlossenen Charakteren.«
Es ist wirklich schade, einen Goethe abzubrechen - aber nur weil es Goethe ist, heisst das noch lange nicht, dass ich ein Buch, das mir nicht zusagt, auch beenden muss. Schliesslich lese ich es nicht für die Schule, sondern wenn, dann für mich. Oder für eine Challenge...
In Wilhelms Geschichte fand ich leider absolut nicht rein, obwohl ich es über längere Zeit versucht habe. Wir passen scheinbar einfach nicht zusammen. Also lasse ich ihn ziehen. Vielleicht treffen wir uns ja später wieder und dann könnte es ja klappen zwischen uns? Wer weiss, was die Zukunft bringen mag.
Aber momentan lese ich lieber etwas Anderes...
21. Dez. 2024
1,0
Es ist wirklich schade, einen Goethe abzubrechen - aber nur weil es Goethe ist, heisst das noch lange nicht, dass ich ein Buch, das mir nicht zusagt, auch beenden muss. Schliesslich lese ich es nicht für die Schule, sondern wenn, dann für mich. Oder für eine Challenge...
In Wilhelms Geschichte fand ich leider absolut nicht rein, obwohl ich es über längere Zeit versucht habe. Wir passen scheinbar einfach nicht zusammen. Also lasse ich ihn ziehen. Vielleicht treffen wir uns ja später wieder und dann könnte es ja klappen zwischen uns? Wer weiss, was die Zukunft bringen mag.
Aber momentan lese ich lieber etwas Anderes...
Nur etwas für Theaterbegeisterte oder eingelesene Fans!
"Wilhelm Meisters Lehrjahre" hätte sich auch gut "Goethes Lobhymnen auf Shakespeare" nennen können, denn das Buch handelt die meiste Zeit von einer ausführlichen Analyse und Interpretation des Stückes Hamlet. Dabei trifft man auf Wilhelm, ein gefühlstrotteliges, verwöhntes Sensibelchen, nach dem der Roman benannt ist, das bald dem Elternhaus entflieht und sich einer Schauspieltruppe anschließt. Es folgen endlose, gestelzte Dialoge, Seiten über Seiten von Geschwafel, die lustigstes und grotesken Charaktere werden vorgestellt.
Das Buch endet auch umso lustiger und grotesker, obwohl es nie versucht lustig zu sein, sondern stets tragisch und ernst daher kommt, wie sich anhand einigen Szenen leicht erkennen lässt: "Glauben Sie nicht, fuhr sie fort, dass ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlid, man hat sie mir abgebunden, aber das Auge ist seit der Zeit immer schwach geblieben, der geringste Anlass drängt mir eine Träne hervor."
Auch der Tod Mignons, Wilhelms Ziehtochter, kommt eher komisch als tragisch daher: "Mignon fuhr auf einmal mit der linken Hand nach dem Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Füßen tot nieder."
Die Dramatik ist vollkommen überzogen, lässt das Buch oft lächerlich erscheinen und wirkt auf den modernen Leser weitaus häufiger als eine Form der Satire. Das Buch ist kitschig und melodramatisch, zeitweilen geschrieben wie eine Art Seifenoper.
Mutmaßlich soll es einen Bildungsroman darstellen, weshalb ständig Meinungen und Phrasen über alles und jenes von unwichtigen, komischen Figuren eingebaut werden und sich Dialoge oft über Seiten hinweg halten, die zu keinem wirklichen Schluss führen: "Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den Vorzug verdiene?" Positionen und Meinungen werden lange erläutert und langweilen den Leser eher, interessieren vielleicht nur ein beschränktes Publikum. Auch Hamlet von Shakespeare wird ständig aufgegriffen und erläutert, der Autor selbst in den Himmel gelobt und verehrt, obwohl die Aufführung des Stückes letztendlich zu nichts führt. Dieser Teil der Handlung wirkt überzogen und unnötig dramatisch. Dem ganzen wird etwas Philosophisches angehängt, aber es verliert seine Bedeutung hinter all der Dramatik
Wilhelm bildet sich im Laufe des Romanes weder weiter noch wird er in irgendeiner Weise gelehrt, stets verliebt er sich in Frauen, obwohl sein Herz Mariane gehören soll, wie ständig in höchst seltsamer Weise betont wird. Statt es mit Enthaltsamkeit enden zu lassen, entscheidet Goethe sich, alles in einem nichtssagenden, kitschigen Ende aufzulösen, indem Wilhelm doch noch eine hübsche Frau findet und Mariane vergessen zu haben scheint. Am Ende wirkt Wilhelm noch genauso wie das verwöhnte, reiche Bürschchen, das er vorher war, nur darum belehrt, dass er ein schlechter Schauspieler ist und einen kleinen Sohn hat, der zu doof ist, um aus dem Glas zu trinken und sich die Flasche nimmt. (Beiseite genommen, dass er sich damit das Leben rettet.)
Grotesk wirkte außerdem die Geschichte Mignons, deren Eltern Geschwister waren. Der Inzest in ihrer Herkunft wurde so wenig beachtet, sie schien ein äußerst talentiertes Kind zu sein, dass man sich wirklich ernsthafte Sorgen um die deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts machen musste.
Goethe verdankt den Erfolg dieses Romanes wohl nur seinem eigenen Ruhm. Ich schließe mit einem Zitat Novalis, der die Lehrjahre als „ein fatales und albernes Buch." bezeichnete.
"Die Freude, daß es nun aus ist, empfindet man am Schlusse im vollen Maße."
29. Juni 2015
1,0
Nur etwas für Theaterbegeisterte oder eingelesene Fans!
"Wilhelm Meisters Lehrjahre" hätte sich auch gut "Goethes Lobhymnen auf Shakespeare" nennen können, denn das Buch handelt die meiste Zeit von einer ausführlichen Analyse und Interpretation des Stückes Hamlet. Dabei trifft man auf Wilhelm, ein gefühlstrotteliges, verwöhntes Sensibelchen, nach dem der Roman benannt ist, das bald dem Elternhaus entflieht und sich einer Schauspieltruppe anschließt. Es folgen endlose, gestelzte Dialoge, Seiten über Seiten von Geschwafel, die lustigstes und grotesken Charaktere werden vorgestellt.
Das Buch endet auch umso lustiger und grotesker, obwohl es nie versucht lustig zu sein, sondern stets tragisch und ernst daher kommt, wie sich anhand einigen Szenen leicht erkennen lässt: "Glauben Sie nicht, fuhr sie fort, dass ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlid, man hat sie mir abgebunden, aber das Auge ist seit der Zeit immer schwach geblieben, der geringste Anlass drängt mir eine Träne hervor."
Auch der Tod Mignons, Wilhelms Ziehtochter, kommt eher komisch als tragisch daher: "Mignon fuhr auf einmal mit der linken Hand nach dem Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Füßen tot nieder."
Die Dramatik ist vollkommen überzogen, lässt das Buch oft lächerlich erscheinen und wirkt auf den modernen Leser weitaus häufiger als eine Form der Satire. Das Buch ist kitschig und melodramatisch, zeitweilen geschrieben wie eine Art Seifenoper.
Mutmaßlich soll es einen Bildungsroman darstellen, weshalb ständig Meinungen und Phrasen über alles und jenes von unwichtigen, komischen Figuren eingebaut werden und sich Dialoge oft über Seiten hinweg halten, die zu keinem wirklichen Schluss führen: "Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den Vorzug verdiene?" Positionen und Meinungen werden lange erläutert und langweilen den Leser eher, interessieren vielleicht nur ein beschränktes Publikum. Auch Hamlet von Shakespeare wird ständig aufgegriffen und erläutert, der Autor selbst in den Himmel gelobt und verehrt, obwohl die Aufführung des Stückes letztendlich zu nichts führt. Dieser Teil der Handlung wirkt überzogen und unnötig dramatisch. Dem ganzen wird etwas Philosophisches angehängt, aber es verliert seine Bedeutung hinter all der Dramatik
Wilhelm bildet sich im Laufe des Romanes weder weiter noch wird er in irgendeiner Weise gelehrt, stets verliebt er sich in Frauen, obwohl sein Herz Mariane gehören soll, wie ständig in höchst seltsamer Weise betont wird. Statt es mit Enthaltsamkeit enden zu lassen, entscheidet Goethe sich, alles in einem nichtssagenden, kitschigen Ende aufzulösen, indem Wilhelm doch noch eine hübsche Frau findet und Mariane vergessen zu haben scheint. Am Ende wirkt Wilhelm noch genauso wie das verwöhnte, reiche Bürschchen, das er vorher war, nur darum belehrt, dass er ein schlechter Schauspieler ist und einen kleinen Sohn hat, der zu doof ist, um aus dem Glas zu trinken und sich die Flasche nimmt. (Beiseite genommen, dass er sich damit das Leben rettet.)
Grotesk wirkte außerdem die Geschichte Mignons, deren Eltern Geschwister waren. Der Inzest in ihrer Herkunft wurde so wenig beachtet, sie schien ein äußerst talentiertes Kind zu sein, dass man sich wirklich ernsthafte Sorgen um die deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts machen musste.
Goethe verdankt den Erfolg dieses Romanes wohl nur seinem eigenen Ruhm. Ich schließe mit einem Zitat Novalis, der die Lehrjahre als „ein fatales und albernes Buch." bezeichnete.
"Die Freude, daß es nun aus ist, empfindet man am Schlusse im vollen Maße."
29. Juni 2015
Autorin / Autor
Über Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang Goethe (geadelt 1782) wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und starb am 22. März 1832 in Weimar. Sein Werk prägte die Epochen des »Sturm und Drang« und der »deutschen Klassik«. Es umfasst sämtliche literarischen Gattungen, dazu autobiographische Schriften und naturwissenschaftliche Studien. Goethe stand in regem Kontakt zu allen geistigen Größen seiner Zeit und seine Wirkung auf die Literatur ist bis heute ungebrochen. Nicht nur im eigenen Land gilt er als größter Dichter der Deutschen.