Das meschuggene Jahr

Das meschuggene Jahr

Hardcover
4.51
Jüdische GeschichteSephardenLateinamerikanische KulturJudentum

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Beschreibung

Schauplatz ist die kolumbianische Großstadt Medellín, aber nicht das Medellín der Drogenkartelle und der Gewalt, das wir aus den Medien kennen. Der Autor zeigt uns, dass hier, im jüdischen Stadtteil Prado, hauptsächlich gelebt wird – gelebt, geträumt, geliebt, gewerkelt, erzählt, erfunden, gesponnen, getanzt, gefeiert, gesündigt, verstoßen und vergeben. Mit den Augen eines 13-jährigen Jungen erleben wir die täglichen Glücksmomente und häuslichen Katastrophen einer zehnköpfigen sephardischen Familie und ihrer Gäste, das Wechselspiel von Erwartungen, Enttäuschungen und Erfüllung rund um einen großen Traum: eine Reise in die Stadt aus Gold, Jerusalem. In der Synagoge ist diese Familie nicht oft anzutreffen, sie gelten als Ketzer. Der Vater, ein Erfinder, hat seinen eigenen Glauben: Gott gibt dir das Werkzeug, das Wunder musst du selbst vollbringen. Doch nur Onkel Chaim produziert etwas: einen Skandal nach dem anderen. Zum Glück hält die Mutter, vom schwarzen Dienstmädchen Zoila unterstützt, das Chaos zusammen: der Esstisch als Nabel der Welt. Memo Anjel erzählt mit feinem Humor und kraftvollen Bildern und zeichnet seine Figuren mit liebevoller Hand. So entstand ein ganz und gar ungewöhnliches Werk lateinamerikanischer Literatur.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Romane
Sub-Genre
Zeitgenössische Romane
Format
Hardcover
Seitenzahl
200
Preis
22.10 €

Beiträge

1
Alle
4.5

Ich habe selten ein Buch gelesen, das das Verrücktsein so zärtlich behandelt.

Der erste Satz von Das meschuggene Jahr verrät die ganze Weltanschauung, die danach folgt: Die Reise nach Jerusalem wird auch in diesem Jahr wieder nichts – das Geld fehlt. Kein Drama, kein Aufschrei. Nur das leise Schulterzucken einer Familie, die gelernt hat, mit aufgeschobenen Träumen zu leben. So beginnt Memo Anjels Buch im Medellín der 1950er-Jahre und wer sich einmal in diesen Rhythmus eingefunden hat, verlässt ihn so schnell nicht wieder. Die Erzählstimme gehört einem 13-Jährigen, und ich finde diese Wahl schlicht genial. Er beobachtet die Erwachsenen mit einer Mischung aus kindlichem Staunen und messerscharfer Sachlichkeit, die mir beim Lesen immer wieder ein stilles Lächeln abgerungen hat. Er nimmt dem Buch jede Schwere und das ist bemerkenswert, denn eigentlich verhandelt Anjel hier Themen wie Identität, Diaspora-Sehnsucht und kulturelle Anpassung. Was in anderen Händen zur Bürde werden könnte, trägt dieser Junge mit der Leichtigkeit eines Flaneurs. Ich habe mich beim Lesen nicht als Beobachter diese Familie gefühlt, ich saß bei ihr. Zwei Figuren haben mir dabei besonders gefallen. Der Vater mit seinem Erfindergeist, ich mochte ihn unheimlich gerne, weil er für mich diesen unerschütterlichen Optimismus verkörpert, den es braucht, um in einer fremden Welt nicht nur anzukommen, sondern wirklich mitzumachen. Und dann die lesende Schwester. Sie schafft sich durch Bücher eigene Räume, während draußen das „Meschuggene” seinen Lauf nimmt. Ich finde diese Dynamik zwischen dem Tatendrang des Vaters und ihrer stillen Innenwelt so menschlich und warm, dass sie mir noch lange nach dem Lesen in Erinnerung geblieben ist. Was Anjel dabei mit einer Unaufgeregtheit hinbekommt, die ich sehr bewundere, ist diese Verbindung zweier Welten, das sephardische Judentum mit seinem jahrtausendealten Gepäck aus Tradition, Sprachwitz und Melancholie und das laute, tropisch-warme Medellín. Ich habe beim Lesen manchmal an Isaac B. Singer gedacht, manchmal an den magischen Realismus, aber Anjel ist keiner von beiden. Das „Verrückte” des Titels ist bei ihm kein literarisches Stilmittel. Es ist einfach das Leben. Ich denke aber auch, dass das Buch nicht jedem jedem gefallen wird. Wer dramatische Zuspitzungen erwartet, wird sie hier nicht finden. Der Roman entwickelt sich in kleinen Szenen, fast episodisch. Ich habe das als Stärke empfunden, aber ich kann mir vorstellen, dass jemand mit anderen Erwartungen am Rand der Geschichte stehen bleibt. Was mir nach dem Lesen geblieben ist, ist das Bild dieser Familie, die das Verrücktsein nicht trotz allem kultiviert, sondern wegen allem. Und der Gedanke, den das Buch mir sehr leise mitgegeben hat, „Normalität ist Ansichtssache“. Vielleicht muss man ein bisschen meschugge sein, um in dieser Welt seinen Platz zu finden.

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