29. Apr.
Bewertung:4.5

Ich habe selten ein Buch gelesen, das das Verrücktsein so zärtlich behandelt.

Der erste Satz von Das meschuggene Jahr verrät die ganze Weltanschauung, die danach folgt: Die Reise nach Jerusalem wird auch in diesem Jahr wieder nichts – das Geld fehlt. Kein Drama, kein Aufschrei. Nur das leise Schulterzucken einer Familie, die gelernt hat, mit aufgeschobenen Träumen zu leben. So beginnt Memo Anjels Buch im Medellín der 1950er-Jahre und wer sich einmal in diesen Rhythmus eingefunden hat, verlässt ihn so schnell nicht wieder. Die Erzählstimme gehört einem 13-Jährigen, und ich finde diese Wahl schlicht genial. Er beobachtet die Erwachsenen mit einer Mischung aus kindlichem Staunen und messerscharfer Sachlichkeit, die mir beim Lesen immer wieder ein stilles Lächeln abgerungen hat. Er nimmt dem Buch jede Schwere und das ist bemerkenswert, denn eigentlich verhandelt Anjel hier Themen wie Identität, Diaspora-Sehnsucht und kulturelle Anpassung. Was in anderen Händen zur Bürde werden könnte, trägt dieser Junge mit der Leichtigkeit eines Flaneurs. Ich habe mich beim Lesen nicht als Beobachter diese Familie gefühlt, ich saß bei ihr. Zwei Figuren haben mir dabei besonders gefallen. Der Vater mit seinem Erfindergeist, ich mochte ihn unheimlich gerne, weil er für mich diesen unerschütterlichen Optimismus verkörpert, den es braucht, um in einer fremden Welt nicht nur anzukommen, sondern wirklich mitzumachen. Und dann die lesende Schwester. Sie schafft sich durch Bücher eigene Räume, während draußen das „Meschuggene” seinen Lauf nimmt. Ich finde diese Dynamik zwischen dem Tatendrang des Vaters und ihrer stillen Innenwelt so menschlich und warm, dass sie mir noch lange nach dem Lesen in Erinnerung geblieben ist. Was Anjel dabei mit einer Unaufgeregtheit hinbekommt, die ich sehr bewundere, ist diese Verbindung zweier Welten, das sephardische Judentum mit seinem jahrtausendealten Gepäck aus Tradition, Sprachwitz und Melancholie und das laute, tropisch-warme Medellín. Ich habe beim Lesen manchmal an Isaac B. Singer gedacht, manchmal an den magischen Realismus, aber Anjel ist keiner von beiden. Das „Verrückte” des Titels ist bei ihm kein literarisches Stilmittel. Es ist einfach das Leben. Ich denke aber auch, dass das Buch nicht jedem jedem gefallen wird. Wer dramatische Zuspitzungen erwartet, wird sie hier nicht finden. Der Roman entwickelt sich in kleinen Szenen, fast episodisch. Ich habe das als Stärke empfunden, aber ich kann mir vorstellen, dass jemand mit anderen Erwartungen am Rand der Geschichte stehen bleibt. Was mir nach dem Lesen geblieben ist, ist das Bild dieser Familie, die das Verrücktsein nicht trotz allem kultiviert, sondern wegen allem. Und der Gedanke, den das Buch mir sehr leise mitgegeben hat, „Normalität ist Ansichtssache“. Vielleicht muss man ein bisschen meschugge sein, um in dieser Welt seinen Platz zu finden.

Das meschuggene Jahr
Das meschuggene Jahrvon Memo AnjelRotpunktverlag