10. Mai
Keine leichte Romance, sondern eine ehrliche Geschichte über Trauma, Vertrauen und die Frage, ob Liebe allein reicht.
Rating:5

Keine leichte Romance, sondern eine ehrliche Geschichte über Trauma, Vertrauen und die Frage, ob Liebe allein reicht.

Manchmal ist es nicht die Liebe, die scheitert, sondern das, was Menschen mit in eine Beziehung bringen. Nick möchte sich mit Klavierunterricht etwas dazuverdienen und landet dabei in einer betreuten Wohngruppe. Dort trifft er unerwartet auf Eric, den Mann, mit dem er vor Wochen eine Nacht verbracht hat. Die Anziehung ist sofort wieder da, doch während sich ihre Beziehung langsam vertieft, wird deutlich, dass Eric von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Geschichte setzt bewusst auf ein ruhiges, schrittweises Erzählen. Trotz ihrer Vorgeschichte entwickelt sich die Beziehung nicht überstürzt, sondern nachvollziehbar. Gefühle entstehen nicht aus dem Nichts, sondern bauen sich über Zeit und gemeinsame Erfahrungen auf. 
Nick ist eine sehr zugängliche Figur. Seine Gedanken und Emotionen sind klar nachvollziehbar, wodurch man schnell eine Verbindung zu ihm aufbaut. Besonders überzeugend ist die Entwicklung seiner Gefühle, die nicht abrupt, sondern prozesshaft dargestellt wird. Ich mochte ihn wirklich sehr. Eric hingegen bleibt lange schwer greifbar. Sein widersprüchliches Verhalten erzeugt Distanz und kann stellenweise frustrierend wirken, vor allem, weil es Nick sichtbar verletzt und manchmal hat er mich etwas genervt. Genau diese Ambivalenz macht seine Figur jedoch auch interessant. Mit der Auflösung seiner Hintergründe erhält sein Verhalten eine nachvollziehbare Grundlage, ohne dabei vollständig relativiert zu werden. Mein Bild hat sich danach aber drastisch verändert. Die Nebenfiguren, insbesondere im Kontext der Wohngruppe, erweitern die Geschichte sinnvoll und verleihen ihr zusätzliche Tiefe. Sie sind mehr als reine Kulisse und tragen zur thematischen Vielschichtigkeit bei, was mir wirklich sehr gefallen hat. 
Der Schreibstil ist flüssig und angenehm zu lesen. Die personale Erzählweise schafft eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz, insbesondere im Umgang mit Eric als Figur. Atmosphärisch profitiert die Geschichte stark vom Setting. London wird nicht nur erwähnt, sondern in einzelnen Momenten spürbar gemacht, durch Straßenszenen, Lichtstimmungen und ruhige Alltagsbilder. Diese Elemente verleihen der Handlung eine zusätzliche emotionale Ebene und empfand ich als sehr angenehm. 
Für mich war dies das erste Buch der Autorin, und es hat definitiv Interesse an weiteren Bänden geweckt. Besonders hervorzuheben ist die thematische Tiefe. Das Buch greift Aspekte auf, die im Alltag oft unterschätzt werden. Familiäre Prägung, schwierige Lebensumstände und die Frage, wie sehr Vergangenheit gegenwärtige Beziehungen beeinflusst. Ein zentrales Motiv ist dabei die Bedeutung von stabilen Bezugspersonen, Menschen, die Halt geben, wenn Situationen kippen. Gleichzeitig zeigt die Geschichte auch, wie schnell Vertrauen erschüttert werden kann und wie schwer es ist, zwischen Schein und Realität zu unterscheiden. Die Beziehung zwischen Nick und Eric lebt genau von diesem Spannungsfeld. Gefühle sind vorhanden, reichen aber nicht automatisch aus. Entwicklung, Timing und persönliche Aufarbeitung spielen eine ebenso große Rolle, was ich sehr gut umgesetzt finde. Insgesamt überzeugt der Roman durch seine gelungene Verbindung aus emotionaler Intensität und gesellschaftlicher Relevanz. Er zeigt, wie wichtig stabile Bezugspersonen, Vertrauen und zwischenmenschliche Verbindungen sind, insbesondere in schwierigen Lebenssituationen. Gleichzeitig wird deutlich, dass Heilung kein einfacher oder geradliniger Prozess ist, sondern Zeit, Verständnis und oft auch äußere Unterstützung benötigt. London Lights – Nick & Eric ist keine leichte, „cozy“ Liebesgeschichte, sondern ein Werk, das sich bewusst mit toxischen Dynamiken, persönlichen Abgründen und emotionalen Herausforderungen auseinandersetzt. Für Leserinnen und Leser, die sich auf intensive Themen einlassen können und eine tiefgründige, realitätsnahe Romance suchen, ist dieser Band eine klare Empfehlung, unabhängig davon, ob man die restliche Reihe bereits kennt oder nicht.

London Lights: Nick & Eric: Gay Romance
London Lights: Nick & Eric: Gay Romanceby Val Turner