Den würde ich auch nicht reinlassen
Nachdem Paddy Swann auf grausame Weise ums Leben gekommen ist, stehen seine Frau Nina und Tochter Ash plötzlich vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens. Während Ash den Verlust noch nicht verwunden hat, taucht Nick Radcliffe auf und behauptet, ein alter Freund von Paddy gewesen zu sein. Besonders Nina findet Trost in seinen Erinnerungen und seiner Unterstützung, doch Ash begegnet dem neuen Mann im Leben ihrer Mutter von Anfang an mit Misstrauen. Irgendetwas an Nick fühlt sich falsch an. Parallel lernen wir Martha kennen, die mit ihrem Mann Al und ihren Kindern eigentlich ein ruhiges Familienleben führen müsste. Doch Al entfernt sich zunehmend von ihr, ist ständig unterwegs und wirkt immer abwesender… Von Lisa Jewell habe ich tatsächlich einige Bücher auf meiner Leseliste, die unter Thrillerfans regelrecht gehypt werden und fast durchweg großartige Bewertungen bekommen. Bisher habe ich mit ihren Büchern gute Erfahrungen gemacht und habe mich spontan für „Don’t Let Him In“ entschieden. Die Geschichte lebt von den verschiedenen Perspektiven, allen voran von den Frauen, die auf unterschiedliche Weise mit Nick Radcliffe verbunden sind. Gerade Ash nimmt zu Beginn viel Raum ein und ihre Kapitel haben bei mir sofort dieses unterschwellige Unbehagen ausgelöst. Man merkt schnell, wie sehr sie der Tod ihres Vaters getroffen hat und wie eng ihre Bindung zu ihm gewesen sein muss. Gleichzeitig stößt ihr die plötzliche Nähe zwischen ihrer Mutter und Nick unangenehm auf. Während Nina seine Unterstützung dankbar annimmt, schrillen bei Ash die Alarmglocken, auch wenn sie selbst zunächst nicht genau greifen kann, warum. Leider werden ihre Sorgen aufgrund von Ereignissen aus ihrer Vergangenheit nicht wirklich ernst genommen. Mit Martha kommt dann noch eine weitere Perspektive hinzu, die zunächst fast unabhängig wirkt, sich aber Stück für Stück immer stärker mit dem anderen Handlungsstrang verbindet. Und dann war da natürlich noch Nick selbst. Selten hat mich ein männlicher Charakter in einem Thriller wirklich so aufgeregt wie er. Dieser Mann hat meinen Puls regelmäßig hochtreiben lassen. Was Lisa Jewell hier unglaublich stark gelungen ist, ist die Diskrepanz zwischen dem, was die Frauen erleben und empfinden, und dem, wie Nick selbst die Situationen wahrnimmt und bewertet. Seine Gedanken und Rechtfertigungen haben mich teilweise einfach nur sprachlos gemacht. Gerade dadurch wirkte vieles erschreckend realistisch, weil man genau weiß, dass es solche Männer in unterschiedlichsten Abstufungen eben tatsächlich gibt. Gleichzeitig gab es aber auch Momente, in denen ich manche der Frauen am liebsten einmal kräftig geschüttelt hätte. Die Spannung entsteht vor allem durch dieses langsame Entblättern der Wahrheit. Man spürt früh, dass etwas nicht stimmt, kennt die Zusammenhänge aber noch nicht vollständig. An einigen Stellen hätte die Geschichte für meinen Geschmack etwas straffer erzählt werden können, weil sich manche Passagen leicht gezogen haben. Und auch das Ende war für mich nicht komplett rund. Gewisse Aspekte hatte ich tatsächlich schon relativ früh geahnt und gleichzeitig hätte ich mir manche Entwicklungen bzw. die Auflösung insgesamt etwas anders gewünscht. Nichtsdestotrotz war „Don’t Let Him In“ für mich eine absolut unterhaltsame Geschichte, die mich mehrfach einfach nur den Kopf hat schütteln lassen. Ich habe mich beim Lesen oft aufgeregt, an Entscheidungen gezweifelt und mit den Figuren gehadert. Aber genau das ist für mich meist ein Zeichen dafür, dass ein Thriller funktioniert. Wenn ein Buch es schafft, solche Emotionen in mir auszulösen, dann hat es mich gepackt. Und dieses Buch hat mich definitiv gepackt. Es hat mich im positivsten Sinne wütend gemacht und genau solche Bücher bleiben bei mir oft besonders hängen. Vielleicht nicht mein bisheriges Highlight von Lisa Jewell, aber trotzdem ein Thriller, den ich wirklich gerne gelesen habe.






















