
Holt die Fakeln und Mistgabeln raus! The Sword of Kaigen“ wird meiner Meinung nach nicht dem Hype gerecht. 🤷♂️
Manche Bücher werden so häufig empfohlen – in YouTube-Videos, Reddit-Threads, in jeder Fantasy-Ecke des Internets – dass der Hype irgendwann zur größten Bürde wird. The Sword of Kaigen war für mich so ein Buch. Bevor jetzt alle ihre Fackeln und Mistgabeln rausholen: bitte erst weiterlesen. Fangen wir mit dem an, was Wang wirklich gut macht – denn davon gibt es einiges! Das Setting ist anders als alles, was ich bisher gelesen habe: ein abgeschottetes, durch und durch traditionelles Dorf voller übermenschlicher Kämpfer, das sich bewusst von einer ansonsten industriellen, technologisch fortgeschrittenen Welt abschottet. Der geopolitische Konflikt, der dem „Meta-Plot“ zugrunde liegt, ist fesselnd und mal echt was anderes. Die Kampfszenen (wenn sie dann irgendwann schließlich kommen) sind lebendig und mitreißend und so visuell, dass man sich eher in einer Anime-Episode wähnt als vor einem Buch. Und dann ist da Misaki. Sie ist ohne Zweifel eine der stärksten weiblichen Figuren, die ich je in einem Fantasyroman erlebt habe: vielschichtig, zerrissen, auf eine spezielle „leise Art“ verheerend. Ihr innerer Kampf zwischen Pflicht und der bedingungslosen Liebe zu ihren Kindern hat mich persönlich als Vater tief getroffen. Diese emotionalen Momente sitzen – wenn sie sitzen, dann richtig. Das Problem ist der Weg dorthin. Das erste Drittel ist zäh. Schwere, langgezogene Dialoge, eine Flut an Namen, Titeln und Bezeichnungen, die sich bis zum Ende nie wirklich einprägen. Misaki‘s Ehemann, Takeru, ist in seiner Strenge so konsequent überzeichnet, dass er manchmal mehr Karikatur als Charakter wirkt – und damit genau die Themen untergräbt, die das Buch eigentlich erkunden will. Dann kommt nach über 500 Seiten endlich der Höhepunkt des zentralen Konflikts – und er ist wirklich mitreißend. Doch kaum hat die Geschichte Fahrt aufgenommen, verliert sie sie wieder. Das letzte Viertel plätschert dann nur so vor sich hin, wo es doch eigentlich richtig abgehen sollte. Das Finale lässt die Luft raus, statt sie zu verdichten. Zu vieles bleibt offen, zu vieles unaufgelöst – als wäre das Buch ursprünglich als Auftakt einer Reihe gedacht gewesen und musste dann doch irgendwie als Standalone enden. Schade! The Sword of Kaigen ist ein besonderes, fehlerhaftes, emotional aufwühlendes Buch. Wang hat echtes Talent, und Misaki allein macht es lesenswert. Für mich bleibt das Fazit gemischt: zu viel Anlauf, zu wenig Landung – und ein Wandlungsbogen, der mehr Überzeugungskraft gebraucht hätte. Der Hype hatte die Messlatte einfach zu hoch gelegt. Gut – aber nicht das Meisterwerk, das mir versprochen wurde. Ich bin jetzt trotzdem sehr gespannt auf Wangs neustes Werk „Blood Over Bright Haven“.

