22. Apr.
Ein Kaleidoskop des Be-/ Zer- und Verarbeitens
Rating:5

Ein Kaleidoskop des Be-/ Zer- und Verarbeitens

Wie schreibt man über ein kollektives Trauma, ohne „in anderen Töpfen zu rühren“, ohne ein „Wundenaufreisser“ zu sein. Kaleb Erdmann nähert sich in diesem Text an seiner Erfahrung mit dem Amoklauf in Erfurt 2002 an. Betrachtet Erinnerungen, Tatsachen, Zugänge und Emotionen von allen Seiten und schenkt uns damit einen kleinen Einblick in einen sehr warmen, reflektierten, unbekümmerten und bekümmerten Geist. Es ist wie ein vorsichtiges antasten, ein umkreisen, ein anfassen und wieder fallen lassen, eine Winkelsuche im Kopf. Ein schönes, ernstes und leichtes Buch.

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks
23. Feb.
"Das Unsagbare“, die Folgen eines Amoklaufes und dessen Miterleben in nächster Nähe in Worte zu fassen gelingt Kaleb Erdmann sehr gut.
Rating:3.5

"Das Unsagbare“, die Folgen eines Amoklaufes und dessen Miterleben in nächster Nähe in Worte zu fassen gelingt Kaleb Erdmann sehr gut.

Die Ausweichschule ist ein literarischer Roman von Kaleb Erdmann in dem der Autor seine eigenen Erfahrungen mit dem Schul-Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 verarbeitet — er selbst war damals elf Jahre alt. Der damalige Täter, Robert Steinhäuser, musste Monate zuvor seine Schule verlassen, baute sich von Eltern und Freunden unbemerkt seine Parallelwelt auf und tötete im April 2002 sich und 16 weitere Personen, darunter Schüler*Innen, Lehrer*Innen, einen Polizisten. Kaleb Erdmann, eigenen Aussagen nach kein Zeuge der Bluttaten, berichtet hier eindrucksvoll, pointiert aber auch stark sich und sein Erleben selbst hinterfragend über das damalige Geschehen, seinen eigenen Umgang im direkten Nachhinein und die Erinnerung im Hier und Heute. "Das Unsagbare“ in Worte zu fassen gelingt ihm hier sehr gut und lässt mich ihn plausibel und authentisch auf einer schweren Reise begleiten die ihn, physisch, mit dem Tatort und der damaligen Ausweichschule, als auch psychisch mit Gesprächen über die Konsequenzen des Amoklaufes konfrontiert. Dabei spüren sowohl Leser als auch Autor eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen von Erwachsenen und Kindern seien können.

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks
13. Nov.
Rating:2

Konnte mich nicht überzeugen

Robert Steinhäuser entschließt sich am 26.04.2002 dazu, das Leben vieler Menschen nachhaltig zu verändern. Er vollzieht einen Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Er erschießt 16 Menschen und im Anschluss sich selbst. Der damals elfjährige Autor Kaleb Erdmann war zu diesem Zeitpunkt auf der Schule. Erlebte die grauenvolle Tat mit. Zwei Jahrzehnte hardert er mit sich, das Attentat literarisch umzusetzen. Es kommt ihm falsch vor, voyeuristisch sogar, darüber zu schreiben und greift zu einem distanzierten Kniff, diese seelische Gräuel aufzuarbeiten, deren Umsetzung ihn lange hat grübeln lassen. Ein Meta-Roman entsteht; eine Geschichte über einen Schreibenden, der sich dieser Thematik annimmt. Fragen stellt. Das Trauma aufarbeitet. Wer in diesem Buch eine Art Thriller erwartet, eine reißerische Story, die den Leser mit zu den Vollzügen nimmt, wird sich hier im falschen Regalfach wiederfinden. Denn ein klares Genre gibt es nicht. Das Buch ist eine Mischung aus Aufarbeitung und Berichterstattung. Wir werden selbst zu recherchierenden Personen und wählen nie den anklagenden Ton. Dieses eigenwillige, autofiktionale Werk stellt zudem die zentrale Frage in den Vordergrund, mit welchen Begründungen es gestattet ist, solche Szenarien zu Papier zu bringen. Was bleibt am Ende, wenn die Tat auserzählt wurde? Desweiteren, wenn wir beim Erörtern sind, möchte ich so ehrlich sein und fragen: Muss ich dieses eigenwillige Buch ausnahmslos gut finden, ob des ganzen realen Leides zwischen den Seiten? Lass mal drüber reden.

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks
29. Okt.
Rating:3

Leider war es nicht ganz so meins. Ich finde den Ansatz wahnsinnig gut das selbst erlebte aufzuarbeiten und sich die Frage zu stellen „Was war meine Wahrnehmung und was war Realität“. Es war für mich ein bisschen schwer zu lesen, weil es für mich zu sprunghaft war und es für mich den Lesefluss ein bisschen spärlich gemacht hat

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks
6. Okt.
Rating:4.5

Das Grauen an deutschen Schulen - est. 2002 Die Stichworte Erfurt, 2002, Gutenberg und Steinhäuser sind Punkte, die vielen etwas sagen werden und etwas in einem Auslösen . Es geht bei diesen Stichpunkten um den Amoklauf an dem Erfurter Gutenberg Gymnasium im April 2002, was auch in diesem Roman thematisiert wird. Der Autor war ebenfalls bei diesem Amoklauf am Gutenberg Gymnasium und hat diesen Tag aus nächster Nähe erlebt. Das Buch behandelt einen namenlosen Erzähler, der den Amoklauf von Erfurt als Elfjähriger selbst erlebt hat und der über 20 Jahre nach dieser Tat sich wieder damit auseinander setzen musste. Er dachte, er hätte es alles überstanden und hinter sich gelassen, aber eine abendliche Auseinandersetzung über dieses Thema mit anschließendem Nasenbeinbruch reißt alte seelische Wunden wieder auf. Dabei hat der Erzähler kaum etwas von dem Amoklauf mitbekommen, keine Toten gesehen, was er zumindest aus seiner Erinnerung heraus annimmt. So entwickelt der Erzähler ein Projekt, bei dem er über das Geschehen schreiben möchte, es für sich festhalten. Doch er hadert mit sich selbst und stellt sich dauernd die Fragen, ob man sich dem nochmal stellen darf, diese Tat nach so einer langen Zeit literarisch, künstlerisch auf den Sockel zu stellen? Während der Recherchen und Arbeiten an seinem Buch wird er von einem Theaterregisseur kontaktiert, der ebenfalls an an einem Projekt arbeitet, welches den Amoklauf von Erfurt zum Vorbild hat und der Regisseur möchte vom Erzähler seine Erfahrungen erzählt bekommen, um sie in das Werk einfließen zu lassen. Dieses Theaterstück wird dann Realität und der Erzähler bekommt die Gelegenheit es zu sehen. Über diesem Buch steht die große Frage: Darf man sich künstlerisch und literarisch mit einem Amoklauf beschäftigen? Ist es nicht schon voyeuristisch genug, wenn man ein Buch veröffentlicht mit genau diesem Thema? Reißt das nicht wieder alte Wunden auf bei allen Beteiligten? Darf ein Autor, Theaterregisseur oder wer auch immer sich dieser Grausamkeit annehmen, um sie für sich zu verarbeiten? All diese Fragen beantwortet der Autor Kaleb Erdmann in diesem autofiktionalen Werk, der im Kern den Amoklauf von Erfurt in sich trägt, diesen aber nicht ins Schaufenster stellt, auch wenn er einige Szenen durch nimmt, die einem die Luft abschnüren und ich kann mir vorstellen, dass das für direkt Betroffene retraumatisierend sein kann. Doch zu großen Teilen dieses Werkes geht der Autor behutsam an das Thema heran und verarbeitet in zeitlich springenden Szenen seine eigenen Gedanken dazu.Vor allem, wie es sein kann, dass selbst nach sicher geglaubtem Überstehen alte Wunden nur durch eine Prügelei wieder aufgehen können, dass daraus Paranoia und Spleens entstehen (z.B. nicht auf die Toilette gehen zu können, wenn man auswärts unterwegs ist und stattdessen in Flaschen zu pinkeln). Er beschreibt, dass man den Erinnerungen eines Kindes nicht zu 100% vertrauen sollte. Sind sie durchmischt mit Erinnerungen von anderen oder durch mediale Notizen aufgebauscht und somit gar nicht die eigenen? Kann man dann überhaupt darüber schreiben, wenn es nicht die eigenen Erinnerungen sind? Ähnlich zum Schriftsteller Emanuelle Carrére, den der Erzähler des Buches als Vorbild für sein Schreiben heranzieht und auch öfter zitiert, werden in diesem Buch mehr die Erfahrungen des Erzählers oder vielleicht sogar des Autors selbst (weil Metafiktion) an uns als Leserschaft herangetragen und nicht die Tat selbst. Es geht um den Schaffensprozess und die innere Zerrissenheit, ob man das alles überhaupt aufschreiben und veröffentlichen darf (die Frage beantwortet sich über die Veröffentlichung des Buches quasi von selbst). Die Tat wird somit eher zum Aufhänger und zur Randnotiz, auch wenn sie im Buch vorkommt, aber nicht als direkt erzählte Begebenheit, sondern vielmehr als trocken zitierter Bericht, was das ganze aber noch wahnsinniger erscheinen lässt. Für mich ein starkes Buch, das definitv seine Daseinsberechtigung und mich vollkommen abgeholt hat. Die Ausweichschule ist kein Voyeurismus im eigentlichen Sinne, auch wenn es sich einer schrecklichen Tat bedient. Doch der Roman verarbeitet die schwierigen Stellen sehr geschickt innerhalb des eigentlichen Themas - Das Aufarbeiten von Traumata und dem Nachgehen der unsicheren Erinnerungen. Auch sprachlich und handwerklich ist die Geschichte richtig gut ausgearbeitet und damit für mich vollkommen zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet und mit reellen Chancen auf den Sieg. Sollte das Buch gewinnen, sehe ich das allerdings einen Tick kritisch, weil ja damit auch wieder Aufmerksamkeit auf eine Tat gelenkt wird, die so eine Aufmerksamkeit nicht absolut nicht verdient hat, was ja auch Thema des Buches ist - wieviel darf davon wieder ins Rampenlicht? Darf es das überhaupt? Und sind dann auch solche Werke nicht auch dafür verantwortlich, die neue Täter nach sich ziehen könnten? Diese Fragen beschäftigen mich persönlich nach dem Lesen auf jeden Fall noch eine Weile und das kann man dem Buch auf jeden Fall zugute halten.

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks
27. Sept.
Rating:5

Lesenswert

Einfühlsam beschreibt Kaleb Erdmann wie das Trauma, das er schon lange verarbeitet glaubte, durch eine Begegnung wieder auflebt. Er macht sich auf den Weg seine Erlebnisse vom Attentat im Gutenberg Gymnasium in Erfurt zu bearbeiten. Damals war er 11 Jahre alt. Seine Auseinandersetzung ist sanft und vorsichtig. Immer wieder ist mit dem abwägen von Wahrheit und Manipulation beschäftigt. Verändern sich Erinnerungen, ist dies gerade die sich eines 11 jährigen? Eingeschobene Ereignisse aus dem gegenwärtigen Alltag machen deutlich wie diese durch Erinnerungen und Traumatisierung beeinflusst werden. Ich habe mich vor der Konfrontation mit einem so brutalem Attentat gefürchtet aber Kaleb Erdmann geht so vorsichtig und aus dem inneren erleben an das Thema, er bearbeitet es mit deinem Humor, sodass es gut lesbar ist ohne die Schwere des Themas zu vernachlässigen.

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks
29. Juli
Rating:4

Was ist wirklich passiert?

Der Erzähler erlebt 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium einen Amoklauf mit. Er war damals 11 Jahre alt. Jahre vergehen und plötzlich wird die ganze Sache bei ihm wieder hoch gespült. Er möchte gerne ein Buch darüber schreiben. Er fühlt sich neu in das damals Erlebte rein und versteht, wie viel im Unterbewusstsein verborgen geblieben ist. „Ich glaube, wenn man schreibt, nimmt man in Kauf, Töpfe umzurühren, die einem nicht gehören, sagt er.“ Die Geschichte ist toll aufgebaut mit dem Höhepunkt beim Amoklauf - wie ein Theaterstück. Er schreibt sehr ehrlich von den Gefühlen, reist nach Erfurt, trifft einen ehemaligen Klassenkameraden, versucht seine Gedanken als 11-Jähriger zu verstehen. Was hat er damals gefühlt und was ist wirklich passiert? Wie ähnlich ist seine eigene Wahrheit zur Realität? Ein gutes und wichtiges Buch mit einem leider sehr präsenten Thema in unserer heutigen Welt. „Was die Literatur betrifft, habe ich eine einzige Überzeugung: Sie ist der Ort, an dem man nicht lügt.“

Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Ausweichschule: Roman | Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbarenby Kaleb ErdmannUllstein Ebooks