22. Jan.
Rating:5

Die Heide wird entzaubert?

Von Norden rollt ein Donner“ beginnt mit einer eindrucksvollen Beschreibung der Heide, die zugleich entzaubert und verführerisch wirkt. Die Landschaft ist schön, aber nie nur idyllisch – sie trägt von Anfang an etwas Düsteres in sich. Hinter ihrer Romantik verbirgt sich der gesellschaftliche und politische Wandel, der leise, aber unaufhaltsam spürbar wird. Der Donner ist dabei mehr als ein Wetterphänomen: meist durch eine Rüstungsfabrik hervorgerufen, steht er steht für Erinnerungen an den Krieg, für unausgesprochene Ängste und für eine dunkle Vorahnung dessen, was noch kommen wird. Wie ein Wolf, der nie wirklich zu sehen ist, aber ständig präsent bleibt, schwebt eine Bedrohung über der Geschichte. Auch die Erinnerung funktioniert so: Sie bringt nicht nur das Gute zurück, sondern vor allem das, was schwer auszuhalten und noch schwerer auszusprechen ist. Das Schweigen innerhalb der Familie wirkt dabei besonders beklemmend. Der junge Protagonist ist gut gezeichnet, und man kann seinen Gedanken und Empfindungen sehr gut folgen. Nur eines blieb für mich etwas unverständlich: warum seine Anfälle nie groß genug erscheinen, um wirkliche Besorgnis auszulösen oder einen Arzt hinzuzuziehen. Insgesamt ein stiller, atmosphärisch dichter Roman, der zeigt, wie eng Landschaft, Erinnerung und unausgesprochene Geschichte miteinander verwoben sind.

Vom Norden rollt ein Donner: Roman
Vom Norden rollt ein Donner: Romanby Markus ThielemannVerlag C.H. Beck oHG - LSW Publikumsverlag
8. Jan.
Rating:2

Von Norden rollt ein Donner: Ein Buch, das mir irgendwie schwer im Magen liegt. Ich komme aus der Gegend, in der es spielt, sodass ich mich über viele Beschreibungen freuen und die Kritik an politischen und gesellschaftlichen Themen wertschätzen konnte. Aber die Geschichte entwickelte sich in eine merkwürdige Richtung und ich weiß nicht, was der Autor mir damit sagen möchte. Mehr in meiner Rezension.

Von Norden rollt ein Donner: Ein Buch, das mir irgendwie schwer im Magen liegt. Ich habe die Leseprobe zur Zeit der Frankfurter Buchmesse 2024 gelesen und ich fand sie nicht schlecht. Aber das Buch hat sich nach einigen Kapiteln in eine Richtung entwickelt, die mir nicht recht gefallen will. Einerseits hat es mir großen Spaß gemacht, die detailreichen Beschreibungen der Heidegegend zu lesen, in der ich selbst groß geworden bin. Namen von Orten, von Geschäften, Sitten und Gebräuche und die Wortwahl der Erzählstimme haben viele Erinnerungen geweckt – nicht nur gute, aber Erinnerungen. Es werden viele Probleme mal mehr, mal weniger deutlich angesprochen – dazu später mehr -, die mich an meine Zeit in der Heimat zurückdenken lassen. Andererseits gibt es Elemente in der Erzählweise und auch in der Handlung selbst, aus denen ich irgendwie nicht schlau werde. Je weiter ich las, desto weniger verstand ich, was Von Norden rollt ein Donner mir sagen möchte, und nach dem Epilog war ich einfach nur noch verwirrt. Vielleicht will das Buch zu viel? Es geht gut los, mit dem jungen Schäfer Jannes, der zunehmend das Gefühl bekommt, mit seiner Berufswahl eine falsche Entscheidung getroffen zu haben und festzustecken, obwohl ihm sein Alltag in der Natur und mit den Tieren eigentlich ganz gut gefällt. Der sich um seine alternden Eltern und deren Gesundheitsprobleme sorgt, während er seine in die Stadt gezogenen Freunde und das gemeinsame Besäufnis vermisst. Der in Politikverdrossenheit abzurutschen droht und als Vermittler zwischen seinem im Eigensinn festgefahrenen Großvater und seinem optimistischeren, aber etwas zu verbissenen und gesundheitlich angeschlagenen Vater dient, während er nur spät realisiert, wie sehr seine Mutter doch den Laden am Laufen hält – sowohl den Schäferhof, als auch die Familie. Es geht um Landflucht der „jungen Leute“, um Unsichtbarkeit der eigenen Probleme gegenüber der Politik und das starke Gefühl von Machtlosigkeit auch Krankheiten gegenüber, es geht um die Rückkehr des Wolfes und um Anzeichen von Radikalisierung und Extremen im Zusammenhang mit Tradition und Rückschrittlichkeit. Es geht um die Kriegsgeschichte der Region. So weit, so verständlich und gut. Aber dann häufen sich zunehmend Momente, die mir das Lesen phasenweise vermiest haben. Ich störe mich nicht an der Erwähnung von regionaler Geschichte im Zusammenhang mit den Schrecken des Nationalsozialismus, mit dem nahegelegenen Konzentrationslager Bergen-Belsen oder den Fragen nach Verantwortung und Schuld, die junge Menschen gern ihren Großeltern stellen würden, die aber gern ignoriert, totgeschwiegen oder unwahr beantwortet werden. Es ist wichtig, solche Themen aufzuarbeiten, und das nicht nur in Sachbüchern oder Biografien. Auch die Schwierigkeiten innerhalb der Familie, mit mentaler Gesundheit, mit dem Abnehmen der körperlichen Fähigkeiten und dem schleichenden Verschieben von Verantwortlichkeiten – das sind wichtige Dinge, über die man sprechen sollte. Was mich stört ist ein einzelnes Kernelement, das grundlegend beeinflusst, WIE Thielemann diese Themen in Von Norden rollt ein Donner erzählt. Achtung, der nächste Absatz enthält Spoiler! Er kann aber gern übersprungen werden! Die Krankheit der Großmutter (ich lese ihre Symptome als Demenz, weil mich viele Beschreibungen an die Erkrankung eines eigenen Familienmitglieds erinnern – ich kann allerdings auch falsch liegen) wird als Wahnsinn beschrieben. Jannes, die Hauptfigur, beginnt selbst aus dem Nichts zu halluzinieren. Er scheint sich an etwas zu erinnern, woran er sich nicht erinnern dürfte; an etwas, das lange vor seiner Geburt passiert ist. Er stückelt sich die Vergangenheit aus diesen Halluzinationen zusammen, die übrigens nie erklärt werden. Am Ende gibt es eine große Offenbarung durch Jannes‘ Großvater, mit der scheinbar alles abgeschlossen werden soll, aber für mich bleibt viel zu viel offen. Woher kommen Jannes Aussetzer? Hat er einmal etwas gehört oder gesehen, sodass er quasi sein Langzeitgedächtnis anzapft und Informationen ausgräbt, die einfach nur lange vergessen waren? Anders ergibt es für mich keinen Sinn, aber es wird nicht aufgelöst. Ende des Spoilers Manche Szenen von Von Norden rollt ein Donner lesen sich wie ein Horrorfilm. Es hat mir nicht gefallen, diese Momente zu verfolgen, aber ich ziehe meinen Hut vor dem Autor und seinem Handwerk, denn die Übergänge sind fließend und mit den kurzen Sätzen, in denen der ganze Roman geschrieben ist, ist da durchgehend eine gewisse Spannung und Hektik trotz der Langsamkeit und Einfachheit des Großteils des Buches. Der Schnack, den die Figuren sprechen und denken und leben, war ziemlich nah an dem, was ich als Alltag und Lebensrealität daheim kenne. Der Ton ist also ziemlich gut getroffen und nicht so aufgetragen, wie es leider oft der Fall ist, wenn jemand über die Heide und ihre Menschen schreibt. Das Gesamtbild ist wirklich sehr stimmig und ich glaube, wenn der Autor dabei geblieben wäre, dann hätte mir Von Norden rollt ein Donner sehr viel besser gefallen: Einfache Menschen mit einem einfachen Leben, einem harten Beruf und vielen Hindernissen, die sie nicht selten der Raffgier von Politikern zu verdanken haben; Radikalisierung und Gewaltbereitschaft aus Machtlosigkeit und Nostalgie; Vergangenheitsbewältigung durch Schweigen, während man gleichzeitig auf andere Aspekte der Vergangenheit das Scheinwerferlicht richtet; Kontrollverlust durch Krankheit und Alter und die Machtlosigkeit, der eigenen Familie dabei zuschauen zu müssen; Selbstzweifel und Sorge vor dem Urteil anderer; die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne; und schließlich die Rückkehr des Wolfes und der Probleme, die er für diese einfachen Menschen und ihre Viehbetriebe mit sich bringt – es gibt so vieles, was Von Norden rollt ein Donner gut erzählt oder in dem Buch zumindest angekratzt wird. Warum nun dieses eine Element, das oben im Spoiler konkret benannt wird, unbedingt nötig war: Ich weiß es wirklich nicht. Jannes hätte die Informationen, die er auf die oben beschriebene Weise erhält, auch anderweitig finden können. Es gibt sogar eine Szene, in der er eine alte Zeitung in einem Fotoalbum findet. Warum diese Art von Entdeckung der Vergangenheit nicht ausbauen? Warum musste der Autor Jannes‘ Suche nach Erklärungen auf diese Weise darstellen? Es ergibt für mich keinen Sinn. Ja, natürlich macht dieses Element die Handlung spannend. Wie ich schon sagte, ich hatte stellenweise wirklich Horror-Vibes. Aber war das wirklich nötig, um diese Geschichte zu erzählen? Ich habe ständig versucht herauszufinden, ob es nun rational erklärbar ist. Und die fehlende Auflösung, woher das alles kam, ärgert mich wirklich. Genauso, dass es verschwindet, so schnell wie es aufgetaucht ist – wieder ohne Erklärung. Ihr merkt, diese eine Sache, die ich nicht ohne Spoiler benennen kann, hat mich enorm gestört. Sie ist auch eigentlich das einzige, was mich richtig ärgert. Ja, der knappe und sprunghafte Schreibstil, der trotzdem voller Details und genauer Beschreibungen steckt, ist nicht unbedingt das, was ich gern und viel lese. Aber es passt zur Geschichte von Von Norden rollt ein Donner und zur Region. Beispielsweise die Beschreibungen der Schützenvereinsscheiben an der Hausfassade der ehemaligen Schützenkönige; die Fahrtroute über Kreuzungen und Landstraßen durch kahle Kiefernwälder; die gegenseitige Abneigung zwischen Forstwirten und Jägern; ein selbst gemaltes Plakat für die gemeinschaftliche Erniedrigung eines unverheirateten Dreißigjährigen durch Fegen; das Gefühl von undichten Regenstiefeln im Matsch – ich habe so viele eigene Eindrücke allein in der Sprache und den Beschreibungen des Autors wiedererkannt, und diese Szenen habe ich sehr gern gelesen. Wenn es nur dabei geblieben wäre … Es gefällt mir, dass in Von Norden rollt ein Donner die karge Heidelandschaft und ihre ebenso direkten Menschen nicht romantisiert werden. Der Verlag nennt das Buch bewusst einen Anti-Heimatroman (obwohl ich das gar nicht unbedingt so unterschreiben würde). Hermann Löns wird zusammen mit seinem Mythos kritisiert, Traditionen infrage gestellt, das immer gleiche Gerede und Prahlerei werden als solche bezeichnet und ja, auch die Beteiligung der Menschen aus der Heimat an Kriegsgräueln wird nicht schöngeredet, ganz im Gegenteil. Und doch fühlte es sich an wie nach Hause kommen, Von Norden rollt ein Donner zu lesen. Fazit Ich bin froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und nach langer Zeit mal wieder einen Roman gelesen habe, der im deutschen Feuilleton gut ankam (normalerweise ist das ein Signal dafür, dass es mir unmöglich gefallen kann). Ich hatte Freude daran, literarisch in meiner Heimat und Kindheit unterwegs zu sein. Es hat mir gefallen, wie viele verschiedene Probleme, die gern unter einer dicken Schicht Idylle verborgen werden, hier zutage traten. Aber dann wollte der Autor ein bisschen zu viel, und dieses „zu viel“ hat für mich viele der positiven Bestandteile so negativ beeinflusst, dass ich insgesamt mit einem mulmigen Gefühl auf Von Norden rollt ein Donner zurückblicke. Vielleicht muss ich es noch einmal lesen um zu verstehen, was der Autor sagen möchte; jetzt, da ich weiß, wie die Geschichte ausgeht. Ein gutes Buch muss für mich jedoch auch nach einem einzigen Lese-Durchgang bestehen können, und das sehe ich hier leider nicht.

Vom Norden rollt ein Donner: Roman
Vom Norden rollt ein Donner: Romanby Markus ThielemannVerlag C.H. Beck oHG - LSW Publikumsverlag
20. Okt.
Rating:3.5

Atmosphärischer Roman mit magischen Realismus

Der Wolf ist zurück in der Lüneburger Heide aber eigentlich geht es garnicht um den Wolf sondern darum, was es mit den Menschen macht. Stark in Erinnerung geblieben sind mir die Gespräche über den Wolf und seine Rückkehr von der Dorfgemeinschaft- für mich gab es dort viele Parallen zu Debatten über geflüchtet und vielleicht war das auch gewollt. Subtil wurde auch das Thema rund um rechte völkische Gruppierung und die Verwebung von Naturschutz mit rechten Gedankengut dargestellt. Es wurde eben eher Angerissen und ich hätte mir mehr Tiefgang gewünscht. Die Beschreibung der Lüneburger Heide ist intensiv und man fühlt sich beim Lesen, als würde man mit auf der Heide stehen - die perfekte Lektüre für schaurig kalte Herbst Tage. Für den ein oder anderen könnten die Beschreibung auf der Heide gruselig oder schaurig wirken. Überraschend präsent war das Thema Demenz in dem Buch. Es hat viel Raum eingenommen und ich war vielleicht sogar etwas enttäuscht? Desto länger ich aber gelesen habe umso besser bin ich mit dem Thema in dem Buch klar gekommen. Ein deprimierendes Thema in einem düsternen Buch. Ich kann das Buch empfehlen auch wenn es nicht so ausführlich war, wie ich es mir gewünscht hatte. Dafür findet man viel Bedeutung zwischen den Zeilen.

Vom Norden rollt ein Donner: Roman
Vom Norden rollt ein Donner: Romanby Markus ThielemannVerlag C.H. Beck oHG - LSW Publikumsverlag
20. Okt.
Rating:3.5

Fing so gut an, hat dann leider rapide nachgelassen.

"Solange er lebt, wird er diese Arbeit machen müssen, sonst können sie gleich aufgeben und den Hof verkaufen. Diese Landschaft hat ihm Stricke um die Glieder gelegt, mit neunzehn. Er ist der angebundene Bock, der hier am Rande seiner Weide steht und nicht weiterkann." S. 58 Der Wolf ist zurück in der Lüneburger Heide. Dies sorgt nicht nur für Unruhe, sondern bedroht auch Existenzen. Wie die von Schäfer Jannes und seiner Familie; zeitlebens und generationsübergreifend tätig als Schafshirten. Aktuelle Wolfsthematik, verquere Ideologien, die Geister der Vergangenheit und gegenwärtige Familienprobleme. Das war vielleicht etwas zu viel gewollt, denn was in meinen Augen so stark anfing, ließ im Verlauf arg nach. Besonders die creepy Szenen im Wald und auf der Heide waren mir zu drüber und irgendwo blieb mir auch die Sinnhaftigkeit dieser Szenen fern. Hätte ich mir in Gänze anders gewünscht, mochte ich aber dennoch aufgrund der Landschaftsbeschreibungen und der Sprache.

Vom Norden rollt ein Donner: Roman
Vom Norden rollt ein Donner: Romanby Markus ThielemannVerlag C.H. Beck oHG - LSW Publikumsverlag
25. Nov.
Rating:5

Großartiger Roman, dem ich 6 von 5 Sternen gebe

Zwischen Hamburg und Hannover erstreckt sich die Lüneburger Heide. Hier lebt Jungschäfer Jannes auf einem Drei-Generationen-Hof. Oma Erika ist dement und lebt in einem Pflegeheim. Der Vater zeigt ebenfalls Anzeichen von Demenz. Die Mutter ist die stille Kraft des Hofes, der Großvater verkörpert die Tradition, die Schwester hat schon früh den Hof verlassen. Fernab einer Bauer-sucht-Frau-Idylle zeichnet Markus Thielemann ein beklemmende Szenario. Die Heide ist Einsamkeit und karge Landschaft, in der sich Wacholderbüsche schemenhaft gegen eine nebelgeschwängerte Szenerie abheben. Es ist wirklich kaum zu beschreiben, wieviel Atmosphäre in diesem Roman liegt. "Die Collies jagen aus dem Weiß und verschwinden Sekunden später wieder darin. Alle Geräusche sind gedämpft, geisterhaft sinkt das Gurren verborgener Kranichzüge aus der Höhe." Beklemmende Momente, wo Jannes böse Ahnungen hat und eine weibliche Erscheinung sieht, zu der er Parallelen zu seiner Großmutter und ihrer Vergangenheit zieht. Gruselatmosphäre und Entsetzen, wenn der Roman Ausflüge macht in die Geschichte, damals zum Ende des zweiten Weltkriegs, als Zwangsarbeiter und Häftlinge des nahegelegenen KZs Bergen-Belsen in der Gegend waren und bis heute zu Jannes durchdringen. Und inmitten alldem befindet sich ein Filmteam des NDR, das Jannes und seinen Großvater in der scheinbaren Idylle der Heidschnuckenschäfer filmt. Während Opa Wilhelm vor der Kamera so richtig vom Leder zieht und weder der Wolf noch Heidedichter Herman Löns vor seinem Altnazi-Gedankengut Schonung findet, driftet Jannes ab. Das Filmteam schafft einen Abstand zwischen dem Zuschauer bzw. dem Leser und der tradionsbehafteten und von Heimatliebe durchtränkten Idylle der Heidelandschaft. Jannes aber sieht während der Filmaufnahmen eine schemenhafte Frauengestalt. Wer ist die geheimnisvolle hexenartige Gestalt, die immer wieder auftaucht? Als starkes Stilmittel wählt Markus Thielemann den Wolf, der sich in der Gegend neu ausbreitet und die Bauern und Schäfer in Angst und Schrecken versetzt. Hier findet eine Umbruchstelle zwischen Vergangenheit und Moderne statt, die der Wolf pointiert. Die Schnuckenherde wird gerissen, die scheinbare Ruhe gestört. Das märchenhafte, mystische der Geschichte wird durch das Auftauchen des Wolfes noch verstärkt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich dieses Buch begeistert. Die Heide hat tatsächlich die beklemmende Atmosphäre eines Niemandslandes. Nichts als Landschaft, kleine Ortschaften irgendwo im Nirgendwo und dazu die Präsenz des Militärs wirken abstrakt und seltsam. Zudem hat Markus Thielemann hervorragend beschrieben, wie das heranwachsen in einem ländlichen Gebiet in Norddeutschland ist, wo man halb passiv alte Rollenmuster übernimmt. Die Dorfdisko, die abgelegenen vereinzelten Geschäfte, der Schützenverein und die Dorfschänke sind Realität. Jannes muss sich entscheiden, ob er bleibt und der Tradition folgt oder damit bricht. Er und seine Familie haben wenig Worte. Die Dialoge sind in knappen Zwei- oder Dreiwortsötzen verfasst. Umso mehr versteht es Thielemann mit seiner Schreibweise, die Landschaft, die Schnucken, die Atmosphäre im Stall und dem nahegelegenene Truppenübungsplatz durch kunstvollen Wortgespinsten in Szene zu setzen. Dabei wird die Heimatidiologie des norddeutschen Schäfers, die vielleicht seit dem zweiten Weltkrieg noch in deutschen Köpfen herumgeistert, aufgebrochen. Am Beispiel des Wolfes wird erneut Recht eingefordert; Völkerrecht, Lynchjustiz und Selbstschutz. Aktueller denn je lässt sich dieses Szenario auf momentane politische Geschehnisse übertragen. Ich kann diesen subtilen und zugleich wortreichen und kraftvollen Roman nur allerwärmstens empfehlen. Zurecht stand "Vom Norden rollt ein Donner" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Für mich ist das Buch definitiv eines meiner Lieblingsbücher geworden!

Vom Norden rollt ein Donner: Roman
Vom Norden rollt ein Donner: Romanby Markus ThielemannVerlag C.H. Beck oHG - LSW Publikumsverlag