5. Okt.
Rating:4

Lebenslust im Angesicht des Todes

Eine Zeit, die man am liebsten vergessen möchte, ist die Lockdown Zeit während der Corona Pandemie. Wie schnell haben wir vergessen, dass wir uns (fast) freiwillig einsperren mussten. Eine Altersgruppe, die ist am schlimmsten getroffen hat, waren Menschen in Senioren- und Pflegeheimen. Die Einsamkeit, mit der sie sich plötzlich konfrontiert sahen, wird in diesem Buch noch mal sehr deutlich. Adriana Altaras hat eine spannende Migrationsheschichte. Ihre Mutter, eine brennende Sozialistin, die Tito verehrte, sah sich irgendwann zur Immigration nach Deutschland gezwungen. Ein Umweg führt die Familie über Italien, wo Adrianas Tante sie aufnahm und mehrere Jahre betreute, bevor das Kind zu den Eltern nach Deutschland zog. Die beiden sind sich eng verbunden, sie ist wie eine zweite Mutter für die kleine Adriana. Teta Jela, wie sie genannt wird, steht 2020 vor ihren 100. Geburtstag und die große Party wird es wohl nicht geben, genauso wie auch Adriana auf die Feier zu ihrem 60. Geburtstag verzichten muss. Adriana hat immer noch einen engen Kontakt zu ihrer Tante. Sie telefonieren häufig und sie besucht sie regelmäßig. Letzteres ist nun nicht mehr möglich. Teta Jela ist selbst auch eine Migrantin, die als Jüdin den kroatischen Faschisten während des dritten Reichs entfloh. Sie will weder mit den Deutschen noch mit den Kroaten etwas zu tun haben, die sie zurecht für ihr großes Leid in der Vergangenheit verantwortlich macht. In zwei Erzählstimmen setzt sich die Geschichte beider Protagonistinnen zusammen. Im Zentrum steht allerdings die Hundertjährige, die uns an ihren Erinnerungen und der Einschätzung ihrer einsamen Gegenwart teilhaben lässt. In einem Alter, wo der Tod täglich an die Tür klopft, nimmt auch der Gedanke an ihn einen großen Raum ein. Altaras hat stilistisch eine große Leistung vollbracht, in dem sie beiden Stimmen einen sehr unterschiedlichen Erzählton verlieh. Während Adrianas Perspektive mit sehr viel Humor gespickt ist – die vielen Telefonate mit ihrer Tante sind einfach nur toll geschrieben – ist die Ebene in der Teta Jela erzählt viel ruhiger und oft melancholisch bis traurig. Hier spricht nicht nur eine weise Frau, die viele Krisen kommen und gehen gesehen hat, sondern ein lebenslustiger Mensch, der noch teilhaben möchte und Pläne schmiedet. Die Tatsache, dass es zur Umsetzung dieser nie wieder kommen wird, scheint sie kaum zu akzeptieren. Ich hatte oft den Gedanken, dass ich genauso wäre. Beeindruckend fand ich den inneren Monolog über das Sterben, in Situationen, wenn sie sich Kurz davor wähnte. Dieses Buch ist wirklich abwechslungsreich und deckt viele Themen ab, ohne überladen zu wirken. Es ist historisch, politisch, humorvoll und durch und durch menschlich. Eine große Leseempfehlung für alle, die sich mit schwierigen Zeiten beschäftigen möchten und zwei Menschen kennen lernen wollen die ihre Emotionen offen zur Schau tragen und das Leben lieben.

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
28. Sept.
Rating:4

Adriana telefoniert mit ihrer Tante Jelka im Pflegeheim. Die Pandemie und die Entfernung verhindern, dass sich Nichte (in Deutschland) und Tante (in Italien) sehen. Wir erleben beide Perspektiven der Telefonate und des Alltags der Frauen. „Wenn sie ans Essen denken kann, geht es bergauf.“, so die beruhigte Feststellung der Nichte, die sich aus der Ferne um das Wohlergehen der Tante sorgt. Ganz alltägliche Dinge, wie das italienische Essen, spielen gleichermaßen eine Rolle wie das ereignisreiche Leben der beinahe Hundertjährigen. Sie hat Judenverfolgung und Flucht erlebt und sich niemals unterkriegen lassen. Aus ihr spricht noch der Schalk der Jugend, auch wenn sie sich des nahenden Endes ihres Lebens bewusst ist. Trotz schwerer Themen ist der Erzählton ein leichter, der besonders von der Weisheit der „eigensinnigen Tante“ lebt. Authentizität gewinnt der Text auch dadurch, dass das Pflegepersonal zwischendurch Italienisch spricht. Und der Wechsel der Sprecherinnen - die Autorin liest gemeinsam mit einer Schauspielerin - differenziert gelungen zwischen den beiden Erzählstimmen. So, wie die Autorin ihre Verwandte darstellt, hätte ich sie gerne kennenlernen wollen, denn ihre forsche und humorvolle Art macht sie sicher zu einer faszinierenden Gesprächspartnerin. Ich bin froh, dass ich an ihrer berührenden Geschichte teilhaben durfte.

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
9. Aug.
Rating:3

Adriana Altaras’ autobiografisch gefärbter Roman „Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante“ ist eine liebevolle, kluge und oft humorvolle Hommage an eine Frau, die ein Jahrhundertleben mit Würde, Widerstandskraft und einer ordentlichen Portion Pasta gemeistert hat. 🧓 Eine Frau, ein Jahrhundert, ein Charakter Im Zentrum steht Teta Jelka, die Tante der Autorin, deren Leben sich wie ein Zeitraffer durch die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts zieht: - Überlebende der spanischen Grippe und des Konzentrationslagers - Gastgeberin für die kleine Adriana nach deren Flucht aus Zagreb - Lebenskluge Ratgeberin in Liebesdingen und Krisen - Unbeirrbare Individualistin, die sich selbst im Pflegeheim nicht verbiegen lässt Altaras gelingt es, diese außergewöhnliche Frau nicht nur als historische Figur, sondern als warmherzige, widersprüchliche und zutiefst menschliche Persönlichkeit zu porträtieren. ✍️ Erzählweise und Stil Das Buch lebt von seinem Perspektivwechsel: - Adriana Altaras erzählt aus ihrer Sicht als Nichte, Tochter, Ehefrau und Frau in der Krise. - Teta Jelka wird zur Ich-Erzählerin, deren Stimme Altaras literarisch rekonstruiert – ein Kunstgriff, der Nähe schafft und gleichzeitig die Fiktionalität des Textes offenlegt. Der Ton ist oft heiter, selbst wenn es um schwere Themen geht. Die Autorin versteht es, Tragik mit Leichtigkeit zu kontern – etwa wenn sie die Pandemie-bedingte Isolation der Tante mit Skype-Tutorials und Barbesuchen am Gardasee ausbalanciert. Es ist ein warmherziges Porträt einer außergewöhnlichen Frau, eine authentische Familiengeschichte mit historischem Tiefgang und humorvollen, lebensklugen Dialoge. Ein einfühlsamer Blick auf das Altwerden und die Bedeutung von Beziehungen. 🧠 Fazit „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“ ist ein Buch, das nicht laut sein muss, um zu berühren. Es ist ein stilles Plädoyer für Selbstbestimmung, familiäre Verbundenheit und die Kraft der Erinnerung. Wer sich für jüdische Lebensgeschichten, weibliche Perspektiven und kluge, humorvolle Literatur interessiert, wird hier fündig.

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
9. Juli
Rating:5

emphatisch - liebevoll - ein Herzensbuch

Was für eine schöne Geschichte… ❤️💔❤️ so empathisch und einfühlsam erzählt. Abschied zu nehmen ist nie leicht, aber hier wurde er auf eine wirklich liebenswerte Weise dargestellt. Ich habe mitgefühlt und war zugleich verzaubert davon, wie liebevoll und sensibel schwere Themen angesprochen und verarbeitet wurden. Eine bewegende Geschichte über eine sehr exzentrische Frau. Ich habe es geliebt! 🫶🏻

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
7. Jan.
Rating:5

Berührend!

Ein wunderbares Buch über eine 100 jährige Dame und ihre 60jährige Nichte, welches zur Zeit der Corona-Pandemie in Italien und Berlin spielt. Wie möchte ich leben, bevor ich sterbe? Die 100 jährige Tela beweist selbst im Pflegeheim in Mantua Haltung. Sie liebt gutes Essen, hochwertige Kleidung und ebensolche Kosmetika. Ihre Nichte hat zur Zeiten der Pandemie in Berlin andere Nöte, von der Scheidung bis zur beruflichen Einschränkung sowie die Sorge um ihre Tante, die sie nicht besuchen darf ist alles dabei. Das Buch ist traurig, nachdenklich und wunderschön!

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
8. Mai
Rating:2

Die Opernregisseurin und Schauspielerin Adriana Altaras schreibt in "Besser allein als in schlechter Gesellschaft" über ihre Lebenskrise und über das Leben ihrer Tante, einer 99-jährigen Holocaust-Überlebenden, die während der Corona-Pandemie in einem italienischen Altersheim festsitzt. Immer im Wechsel erzählen Tante und Nichte aus dem Alltag und aus der Vergangenheit. Adriana ist 60, wurde von ihrem Mann nach 30 Jahren Ehe sitzen gelassen und kann sich mit vielem einfach nicht abfinden. Als Kind brachten ihre Eltern sie nach Deutschland, wo sie ins Internat musste und zeitlebens ihre geliebte Tante vermisste. Die steht kurz vor ihrem 100. Geburtstag und wäre lieber zu Hause mit ihrem Hund und einem Espresso, statt im Altersheim. Tante und Nichte telefonieren, hoffen auf ein Ende der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen und machen Pläne für die Zukunft. Tante Jele wuchs in Kroatien auf, wurde von den Faschisten ins Lager gesteckt und von einem Italiener gerettet, den sie aus Dankbarkeit heiratete, aber nie wirklich liebte. Mit 75 begann sie, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollte. Zu spät, wie sie findet, aber besser spät als nie. Mit Lebensweisheiten wirft sie freigiebig um sich und unterstützt ihre Nichte in jeder Krise. Adriana hadert mit dem Älterwerden, fängt wieder an zu daten, aber weigert sich, einem jüdischen Heiratsvermittler zehntausend Euro zu zahlen, für den angeblich perfekten Partner. Sie geht zu zwei Therapeutinnen, die nichts von einander wissen und liest gern die jüdischen Witze in der Zeitung. "Besser allein als in schlechter Gesellschaft" ist ein Roman über den Umgang mit dem Alter und den Traumata der eigenen (Familien-) Geschichte. Adriana Altaras erzählt stellenweise sehr humorvoll und dann wieder mit sanfter Zärtlichkeit. Das von ihr selbst und Angela Winkler gelesene Hörbuch gewann den Deutschen Hörbuchpreis 2024. Ich bin kein riesen Fan von diesem Buch, es war vielleicht einfach zu weit weg von meinem Leben und die Geschichte von Adriana Altaras hat mich nicht wirklich interessiert. Mir waren es dann auch insgesamt zu viele Kalenderspruch-artige Lebensweisheiten ("Ein längeres Leben hat man eindeutig mit Pasta."), aber die Tante musste ich am Ende doch ins Herz schließen (auch wenn ich ihr ihre Berlusconi-Liebe nicht vergeben kann).

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
4. Apr.
Rating:4

Eine außergewöhnliche Frau Da ich ja schon immer des Titels Meinung war, musste ich dieses Buch einfach lesen. Und es hat sich absolut gelohnt. Natürlich ist es zwischenzeitlich auch mal langatmig, das haben biografische und historische Romane nun mal an sich, doch diese Tante ist wirklich außergewöhnlich. Es wird aus zwei Perspektiven erzählt, einmal die sechzigjährige Nichte und dann die hundertjährige Tante, die schon immer ihr Ding durchgezogen hat. Sie hat die NS-Zeit überlebt und erzählt davon, sowie von der Nachkriegszeit und ihrem Leben im Lager. Ihrer Nichte versucht sie klarzumachen, dass sie keinen Mann braucht um glücklich zu sein und endlich über ihn hinwegkommen soll. Eine außergewöhnliche Geschichte über zwei bemerkenswerte Frauen, die ihren Alltag meistern. So wunderbar erzählt, dass man noch eine Weile darüber nachgrübelt.

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
4. Feb.
Rating:4

S.52 „Nur eine Handvoll von und hat überlebt[…]Ich höre so einiges von deutschen Familien mit vielen Nachkommen. Sie feiern gewaltige Feste, monströse Jubiläen, Bankette zu Hunderten. Wir sind nur noch zu viert.“ Abwechselnd erzählt die Autorin diese rührende Familiengeschichte aus zwei Perspektiven, ihre eigene und außerdem versetzt sie sich in die Tante und erzählt ihre Sicht. Es ist Lockdown / Coronazeit . Die Tante lebt nach einem Sturz in einem Pflegeheim in Mantua, kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Sie darf kein Besuch empfangen und so telefonieren Tante Jele und Adriana regelmäßig miteinander. Adriana lebt alleine, nachdem sie von ihren Mann verlassen wurde, in Berlin. Sie kämpft mit der Trennung und den damit verbundenen Emotionen.Aus der Ferne versucht sie jeden Wunsch der geliebten Tante zu erfüllen. Durch die Telefonate mit der Nichte , werden bei Jelka Motta einige Erinnerungen wach, die ihr durch den Kopf gehen und wir mitlesen können. Das aufwachsen in Kroatien, zur Zeiten von k.u.k., die Veränderung im Land kurz vor und im 2. Weltkrieg, der Judenhass, das Überleben eines Konzentrationslagers in Kroatien, die Flucht nach Italien,die Ehe aus Dankbarkeit und Vernunft und das aufziehen ihrer Nichte Adriana, da diese einige Zeit bei ihr gelebt hat. Trotz der schweren Themen, ist das Buch so gut zu lesen, da sie so warmherzig mit einer Leichtigkeit und Witz erzählt wird. Die Verbundenheit der zwei Frauen habe ich gespürt und hier und da musst ich wirklich lachen. Absolut lesenswert.

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
22. Okt.
Die Gespräche der hundertjährigen Tante und der sechzigjährigen Nichte über Pandemie, Holocaust, Pflegeheim, Beziehungs- und Weltschmerz könnten schwer und trostlos sein. Sind sie aber nicht. Gelassen, kantig und warmherzig sind die sich abwechselnden Perspektiven auf das Leben. "Besser allein als in schlechter Gesellschaft" hat meinen Nerv getroffen.
Rating:4

Die Gespräche der hundertjährigen Tante und der sechzigjährigen Nichte über Pandemie, Holocaust, Pflegeheim, Beziehungs- und Weltschmerz könnten schwer und trostlos sein. Sind sie aber nicht. Gelassen, kantig und warmherzig sind die sich abwechselnden Perspektiven auf das Leben. "Besser allein als in schlechter Gesellschaft" hat meinen Nerv getroffen.

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
18. Apr.
Wunderbar melancholischer, warmherziger und berührender Roman über Familie und das Älterwerden.
Rating:5

Wunderbar melancholischer, warmherziger und berührender Roman über Familie und das Älterwerden.

Zwei Leben in einem   „Alle sterben, nur die Tante nicht. Gott hat sie einfach vergessen.“ (S. 27) Wer hat noch nicht vom ewigen Leben geträumt, bei Adrianas Tante Jele sieht es fast so aus, als würde dieser (Alb)Traum wahrwerden. Die sitzt 2021 nach einem Oberschenkelhalsbruch kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag im Pflegeheim in Mantua fest und darf wegen der Pandemie keinen Besuch empfangen oder raus, dabei hat sie bis zuletzt selbstständig gelebt. Sie ist zwar fast blind und hört schwer, aber in ihrem gewohnten Umfeld hat sie sich noch gut zurecht gefunden. Vor allem aber gab es ihren Hund, einen Fernseher in Stadionlautstärke, Freunde und Nachbarn. Jetzt hat sie plötzlich viel Zeit, um über ihr wechselvolles Leben nachzudenken und sich über Adriana Sorgen zu machen, die auch zwei Jahre nach der Trennung ihres Mannes nicht mit dem Verlust fertig wird. Regelmäßig telefonieren Adriana und Jele, die nicht versteht, warum sie im Zimmer eingeschlossen wird und ständig eine Maske tragen soll, warum auf der Straße niemand mehr zu sehen. „Ich lebe in einem Totenhaus. Stille und Leere überall.“ (S. 6) Als später Besucher mit Passierschein kommen dürfen, werden Erinnerungen an die Zeit im Lager werden wach. Sie fragt sich, warum Gott sie so vieles er- und überleben lassen hat. „Obwohl sie sich immer häufiger verabschiedet, ist sie gleichzeitig so präsent wie noch nie. Sie zieht Bilanz, sie rechnet ab, sie ist wirklich gründlich.“ (S. 128)   Jele hatte ein hartes Leben. Ihre gesamte jüdische Familie wurde aus Zagreb vertrieben und in ein Lager gesteckt. Erst Adriana erkämpft Jahrzehnte später eine Entschädigung für Jele als letzte Überlebende. Das Überleben spielt überhaupt eine große Rolle. Nach dem Krieg musste sie ihre streng katholische italienische Schwiegermutter und eine verrückte Schwägerin überstehen. Ihren Mann hatte sie nur aus Dankbarkeit und nicht aus Liebe geheiratet – ihr Leben fing erst nach seinem Tod so richtig an, wobei sie sich auch vorher schon den einen oder anderen Liebhaber gegönnt hat. Jetzt versorgt sie ihre Nichte ganz nonchalant mit ihren gesammelten Lebensweisheiten, die gleichermaßen klug und witzig sind: „Ach, das Leben ist, was es ist. Wieso glauben wir, es wäre da, um uns glücklich zu machen?“ (S. 177) Und bringt ihr alles bei, was sie über das (Über-)Leben, Unabhängigkeit, Männer, Kleidung und Genuss wissen muss.   „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“ ist ein wunderbar melancholischer, warmherziger und berührender Roman über Familie und das Älterwerden. Mit leisem Humor erzählt Adriana Altaras aus dem Leben ihrer eigenwilligen Tante und ihrem eigenen, ihrer Kindheit zwischen Deutschland und Italien, zwischen Eltern und Tante (die ihr oft mehr Mutter war als ihr eigentliche), zwischen Strenge und Grandezza, gepaart mit Dolce Vita. „Das Letzte, was von mir gehen wird, ist die Lust auf Pasta. Und die Liebe zu meiner Nichte.“ (S. 84)

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible
16. März
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Rating:4

»Es ist schön, wenn man Gesellschaft hat, aber es geht auch wunderbar ohne. Besser allein als in schlechter Gesellschaft. Das ist mein Credo. Ich würde sagen, die letzten fünfundzwanzig Jahre waren die schönsten meines Lebens.« so sinniert Adriana’s Tete Jele über ihr Leben ab 75 und als Witwe. (S. 114) In ihrem neuen Buch »Besser allein als in schlechter Gesellschaft. Meine eigensinnige Tante« schreibt die Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Adriana Altaras abwechselnd Kapitel aus ihrer Sicht und der ihrer geliebten Tante. Ihre Tante hat nicht nur die spanische Grippe, das KZ und den Holocaust überlebt, sondern jetzt auch Corona. In den Kapitel aus Sicht der Tante blickt diese selbstreflektiert und mit Humor auf ihr langes und bewegtes Leben zurück. Dabei gibt die Tante auch die ein oder andere Lebensweisheiten preis (Pasta 🍝 mache das Leben besser 🤝🏼), wobei es der Autorin mit einer vermeintlichen Leichtigkeit gelingt, die tragischen Momente ihrer beider Leben mit einer Lockerheit, Humor und Ironie zu beschreiben, dass es die Schwere nimmt. ❤️‍🩹 »Ich habe schon neunundneunzigmal Geburtstag gefeiert. Und heute zum hundertsten Mal. Vielleicht habe ich das Leben nicht gemeistert. Aber gelebt habe ich es.« (S.222) Adriana Altaras schreibt die Kapitel jeweils aus der Ich-Perpsektive von ihrer Tante und sich selbst und erzählt so ein humorvolles, tiefgründiges und vor allem durch tiefe Liebe gekennzeichnetes Memoir über ihre Tante. Sie erzählt von einer Frau, die viel Klasse hatte, ihr Leben gelebt hat und dabei ihren eigenen Weg gegangen ist. Ich persönlich finde, dass dieses Memoir zusätzlich eindrückllich zeigt, wie sehr der Holocaust, die Lebenswege der Überlebenden gekennzeichnet hat. Unabhängig davon ist es ein sehr persönliches und liebevolles Buch, das die bekannte Autorin veröffentlicht hat und sicherlich zeigt, wie sehr wir starke Frauen in unserem Leben brauchen. »Eine Frau braucht einen Wagen, Schmuck, erlesene Kleidung und einen Hund. Ein Mann kam in ihrer Aufzählung nicht vor.« (S.32)

Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tante
Besser allein als in schlechter Gesellschaft: Meine eigensinnige Tanteby Adriana AltarasAudible