Die Wahrheit interpretieren
Karine Tuil hat sich in diesem Roman einer Debatte gewidmet, die mit #MeeToo ihren Anfang nahm, und seit dem immer wieder gesellschaftliches Aufsehen erregt. In diesem Fall ist es Alexandre Farel, der mit Mila, einer Bekannten aus Familienkreisen, auf einer Party intim wird. Wie diese Intimität zustande kommt, darüber gehen Meinungen der beiden Beteiligten schnell auseinander. Mila beschuldigt den jungen Mann der Vergewaltigung, Alexandre spricht von einem bedauerlichen Missverständnis. Karine Tuil schaffte es dabei durch die Konstruktion der Geschichte, dass ich mich selbst in eine ständiger Ungewissheit zwischen Wahrheit und Lüge wiederfand. Während des Gerichtsprozesses klingen beide Versionen mal mehr mal weniger einleuchtend. Dabei wird einem vor Augen geführt, dass moralische Urteile oft wenig mit juristischen Konsequenzen zu tun haben. Obwohl durch die Beschreibungen des arroganten Alexandre ein recht eindeutiges Bild von dem jungen Mann gezeichnet wird, gibt es bis zum Schluss immer wieder Zweifel und Dilemmata, die es zu durchdenken gilt. Die Darstellung der mehr als unsympathischen Vaterfigur und der zerrissenen Mutter machten Alexandre als Figur zwar verständlicher, wären aber für mich nicht zwingend nötig gewesen. Der Wunsch danach, “eindeutige” Gewissheit durch die Arbeit des juristischen Systems zu erhalten, macht den Roman allerdings zu einem echten Pageturner. Die langwierigen Auseinandersetzungen im Prozess sind überraschend schnelllebig und überhaupt nicht öde oder zu hochgestochen. Letztlich spiegelt Katrine Tuil eine Welt wider, in der Frauen endlich Glauben und auch eine Stimme geschenkt wird. Die Wahrheit ist jedoch, dass die Stimme der Männer meistens noch lauter ist.
