
VERSTÖREND UND INTENSIV! Kein Gore, kein Slasher und trotzdem purer Horror. In Ich bin nicht Sam liefern Jack Ketchum und Lucky McKee ein beklemmendes Psychospiel ab, das dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Patrick wird eines Nachts von einem Weinen geweckt. Seine Frau Sam liegt auf dem Boden und ist völlig verstört. Als er sie trösten will, lässt sie ihn nicht an sich heran und behauptet mit kindlicher Stimme ich bin nicht Sam. In den folgenden Tagen muss Patrick mitansehen, wie seine Frau sich immer weiter verändert. Aus Sam wird Lily ein fünfjahriges Mädchen. Die Intensität ist greifbar. Man fühlt den Schmerz und die Hilflosigkeit von Patrick fast körperlich. Es ist faszinierend und erschreckend zu lesen, wie die Grenze zwischen Liebe, Geduld und purem Wahnsinn verschwimmt. Der Schreibstil präzise und schnörkellos, kalt, fast dokumentarisch und gleichzeitig sehr intim. Die Autoren verzichten auf ausschweifende Beschreibungen, jedes Wort sitzt, was die Atmosphäre dicht und fesselnd macht. Der Perspektivwechsel ist hier der absolute Gamechanger. Man wird im ersten Teil direkt in Patricks Hilflosigkeit hineingezogen, wobei die Spannung weniger aus blutigen Schockmomenten entsteht, sondern aus dieser quälenden Ungewissheit im Kopf. Die Story wirft einen sofort in diesen einen Moment, in dem alles kippt, und lässt einen dann zusehen, wie die Grenze zwischen Liebe und Wahnsinn Stück für Stück zerbricht. Obwohl das Buch recht dünn ist, baut sich ein heftiger Sog auf, der das moralische Dilemma in dieser engen häuslichen Atmosphäre perfekt ausnutzt. Das Ende ist ein Schlag in die Magengrube, es lässt einen komplett sprachlos zurück und rückt die Geschichte plötzlich in ein ganz anderes, viel dunklers Licht. Trotz der starken Wirkung hätte ich mir an machen Stellen noch etwas mehr Tiefe gewünscht, gerade was Hintergrund und Auflösung angeht. Für alle die kein 08/15 Thriller lesen wollen und Geschichten lieben, die einen emotional richtig durchschütteln.

