
Hingabe an den Augenblick
„Mrs Dalloway sagte, sie würde die Blumen selbst kaufen.“ Mit diesen Worten beginnt der vielleicht berühmteste Blumenkauf der Literaturgeschichte. In ihrem Roman „Mrs Dalloway“ beschreibt Virginia Woolf einen Junitag im London des Jahres 1923. Die Handlung folgt dem geschäftigen Leben Clarissa Dalloways sowie den Menschen, denen sie im Verlauf dieses Tages begegnet. Schon bei dem eingangs erwähnten Blumenkauf wird deutlich, dass es sich bei Woolfs Roman um ein Experiment handelt: Die äußeren Ereignisse dienen Woolf nur als Katalysator, um über die Beobachtungen der Figuren deren innere Welten abzubilden. Die Handlung wird fast ausschließlich durch die Reflexionen und Erinnerungen der Figuren und nur perspektivisch gebrochen vermittelt. Es entfaltet sich eine lange Kette von Bewusstseinsströmen, die nur teilweise und locker miteinander verbunden sind. Mit dieser damals neuartigen Darstellungsform des Gedankenromans entfaltet Woolf nicht nur eine vielstimmige Erzählung bewegter Individuen, sondern das Panorama einer ganzen Gesellschaft. Der Leser taucht tief ein in Bewusstsein und Selbstbild der Protagonisten verschiedenster Klassen und Lebenssituationen. Neben der gut situierten Clarissa Dalloway gewähren u.a. ein traumatisierter Weltkriegsveteran sowie die Dienstboten im Hause Dalloway Einblicke in ihre Gedanken. Woolf stellt geistige Gesundheit und Wahnsinn sowie Leben und Tod nebeneinander und schafft so ein intensives und spannungsreiches Kaleidoskop der britischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. England ist im Wandel und die Charaktere spüren eine neue Verletzlichkeit und Unsicherheit. Die äußerlich sichtbaren Ereignisse scheinen alltäglich, die sich hieran entzündenden Assoziationen, Fragen und Ängste, die gegenseitige Wert- und Geringschätzungen der Figuren sind es nicht. Es geht um Karrieren und ihr Scheitern, die Emanzipation der Frauen, Hilflosigkeit der Psychiater, Wohlstand und Armut sowie gesellschaftliche Erstarrung. Ursprünglich wollte Woolf ihren Roman „The Hours“ nennen. Dahingehend verwundert es nicht, dass die Hingabe an den Augenblick und die damit einhergehende Furcht vor der Vergänglichkeit ihre Leitmotive sind. Am Ende des Romans berühren sich die bislang parallel verlaufenden Erzählstränge und machen die verschiedenen Schicksalsmöglichkeiten deutlich: Dicht neben dem eigenen Leben verlaufen unzählige andere Schicksale und es ist nicht undenkbar, in das ein oder andere hineinzurutschen.
























































