Die Antithese zu Dracula und dem Wort "zeitlos"
Als ich Carmilla von Sheridan Le Fanu zum ersten Mal entdeckte, dachte ich auf einen vergessenen Klassiker gestoßen zu sein. Ein Vampirroman, der als Blaupause für Bram Stokers Dracula gilt? Das wollte ich sehen. Was ich letzten Endes bekam war eine 107 Seiten lange Fußnote in der Geschichte des Vampirmythos. Ich spoiler an dieser Stelle mal, für alle, die es sich noch nicht denken konnten: Carmilla ist eine Vampirin. Damit habt ihr euch erspart das Buch zu lesen. Im Gegensatz zu Dracula besitzt dieses Buch leider keine ausschweifende Handlung, es passiert generell nur sehr wenig im ganzen Buch, stattdessen sehen wir die Welt aus den Augen eines naiven jungen Mädchens, namens Laura, die bei ihrem alleinerziehenden Vater in einem Schloss in der Steiermark lebt. Als das unbekannte Mädchen Carmilla durch einen Unfall in ihrer Obhut landet, freunden sich die beiden an und leben im Schloss. Die gesamte Zeit über wird die Figur Carmilla also umschrieben, merkwürdige, jedoch belanglose Ereignisse um sie und Laura herum geschehen und das Finale wird in knapp 20 Seiten zum Schluss recht plump abgehalten. In der damaligen Zeit von 1872 kann eine Charakterstudie über den Prototyp des Vampirs durchaus packend sein, aber da die meisten aufmerksamen Leser:innen den Vampir mit all seinen Klischees bereits kennen, hat einem die Allgemeinbildung gewissermaßen schon alle Plotpunkte versaut. Der Schreibstil ist aufgrund der Sicht durch Lauras Augen träge und naiv. Hinzu kommen viele anstrengende Schachtelsätze. Aus historischer Sicht ist es vielleicht wert, einen Blick zu riskieren, nur um zu erleben, wie „spannende Gruselliteratur“ im Jahr 1872 aussah, alle anderen sollten um dieses Buch einen möglichst weiten Bogen machen.
