Trifft den Zeitgeist
Die tatsächlich sehr originell umgesetzte Grundidee des Buches ist mittlerweile wohl allen bekannt: Nathalie ist eine Tradwife-Influencerin, die das Bilderbuchleben ihrer Familie auf der Yesteryear Ranch auf Social Media vermarktet, doch eines Morgens ist die Illusion Realität geworden und sie sieht sich dazu gezwungen das entbehrungsreiche Leben einer Siedlerin im 19. Jahrhundert zu führen. Das ist eindeutig nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Gleichzeitig erfahren wir aber auch, wie es eigentlich dazugekommen ist, dass Nathalie mit ihrer Familie auf die Farm gezogen ist und zur Influencerin wurde. Die beiden Erzählstränge wechseln sich ab und dabei entwickelt das Buch – nicht zuletzt auch durch die kurzen Kapitel – eine unglaubliche Sogwirkung. Die Geschichte hat mich somit schon von Anfang an gefesselt und das, obwohl die Protagonistin eine der unsympathischsten und nervigsten Figuren ist, die mir je zwischen zwei Buchdeckeln begegnet ist. Aber natürlich lebt die für mich manchmal etwas überdramatisierte Geschichte auch gerade davon … Am Ende ergibt sich fast überraschend dann doch ein kohärentes Gesamtbild, trotzdem hat das Buch bei mir einen schalen Nachgeschmack hinterlassen: Nathalie ist natürlich ein Extrembeispiel, aber keine der Frauen, die in den Buch vorkommen, wirkt auf mich schlussendlich zufrieden, mit ihren Lebensentscheidungen und patriarchale Strukturen verfestigen sich, anstatt überwunden zu werden. Ein eher pessimistischer Ausblick oder einfach nur realistisch? Für mich zwar kein klares Highlight, aber ein spannendes Buch, das den Nerv der Zeit trifft und sich mit aktuell relevanten Themen wie weibliche Selbstbestimmung, Mutterschaft, Religion, traditionelle Werte vs. hustle culture und Social Media beschäftigt; vor allem die Langzeitfolgen für Kinder von Influencer:innen sind ein Thema, das definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Für mich ein ideales Buchclub-Buch, das auf jeden Fall zum Austausch einlädt.

