16. Juni
Rating:5

Kurz, aber intensiv

Bekja wächst in den Berge Albaniens auf, in denen die Menschen nach den patriarchalen Regeln des Kanuns leben. Natürlich hätte sich ihr Vater einen Sohn gewünscht und behandelt sie deswegen wie einen Jungen. Kurz vor ihrer arrangierten Hochzeit, entscheidet sie sich dafür eine eingeschworene Jungfrau zu werden, d. h. sie führt fortan das Leben eines Mannes mit allen Privilegien, verzichtet aber auf alle Arten sexueller Beziehung, Ehe und Kinder. Dieser Entschluss bringt allerdings schwerwiegende Folgen für ihre ganze Familie mit sich. Was genau ist damals passiert? Als Leser:innen erleben wir die Geschichte so wie sie Bekja – nun Matija – einer Journalistin Jahre später  erzählt. Im Rückblick wird langsam klar, dass nicht alles so war, wie es auf den ersten Blick gewirkt hat … Was für ein beeindruckendes Buch! Auf nur 150 Seiten schafft es die Autorin ihre Leser:innen in eine Welt zu entführen, die fern unserer Lebensrealität und aber trotzdem so greifbar wirkt. Themen die dabei verhandelt werden sind u. a. Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und innerhalb der Familie, Sexualität, Prägung durch die Kindheit und die Macht der Liebe. Trotz dieser Vielzahl an Themen und dem besonderen Setting liest sich das Buch richtig gut und wirkt an keiner Stelle schwerfällig oder erklärend; die Sprache ist oft direkt, manchmal sogar brutal, aber zugleich auch unglaublich poetisch und zart; vieles wird zwischen den Zeilen gesagt und der Text ist voller Bilder, die lange nachhallen. Schlussendlich war es für mich eine ganz besondere, berührende Liebesgeschichte, wenn auch ganz sicher nicht im klassischen Sinne. Ein kleines Highlight für mich und eine ganz große Leseempfehlung für alle, die atmosphärische, poetische und/oder feministische Bücher lieben!

She Who Remains
She Who Remainsby Rene KarabashSandorf Passage