Feministischer Must Read!
Ich habe ein Zimmer für mich allein! Diesen Luxus, verdanke ich der Tatsache, dass zwei von drei Kindern bereits ausgezogen sind und damit Platz frei geworden ist. Diesen Luxus verdanke ich dem Privileg, dass wir überhaupt ein Eigenheim haben, welches für jedes Kind ein eigenes Zimmer bereitgestellt hat. Und neben dem Einkommen meines Mannes verdiene ich eigenes Geld, welches es mir ermöglicht, mir Bücher zu kaufen, zu lesen und dann auch noch darüber zu schreiben. In diesem Sinne bestätige ich also alles, was Virginia Woolf in ihrem Essay 1929 postuliert hat. Doch zunächst noch einmal zurück zu meinem Zimmer. Es ist weit mehr als ein freigewordenes Zimmer. Es ist ein Frei-Raum entstanden, der über die physischen 4 Wände weit hinausgeht. Es ist mein Zimmer! Ein Raum, der ganz mir gehört und nur für mich da ist. Wo ich die Tür hinter mir schließen und den Alltag ausschließen kann. Fast dreißig Jahre lang habe ich die Hauptrollen Ehefrau, Mutter, „Hausfrau“ besetzt. Zugegebenermaßen freiwillig und meistens gerne. Dabei war ich auch immer mit eigenen Projekten beschäftigt und bin meinen Interessen nachgegangen. Doch nun, Mitte 50, dürfen mein innerstes Ich, vielleicht auch mein inneres Kind, sowie das zukünftige Ich mit allem, was noch in mir steckt und vor mir liegt, Raum einnehmen. Dazu gehören für mich vor allem Lesen, Lernen, Nachdenken und Schreiben. Diesmal eben über DAS Buch, dieses kleine Buch, welches es verdientermaßen zu einem der größten feministischen Klassiker überhaupt geschafft hat. Virginia Woolf, geb. Stephen (*1882 - †1941) war eine britische Schriftstellerin und Verlegerin. Sie wächst als zweitjüngstes von acht Geschwistern im Londoner Stadtteil Kensington auf. Abgesehen vom sexuellen Missbrauch durch ihre Halbbrüder leidet Virgina außerdem unter zahlreichen anderen Schicksalsschlägen, u.a. dem frühen Tod ihrer Mutter. Sie kämpft lebenslang mit ihren Depressionen und versucht mehr als einmal, ihrem Leben ein Ende zu setzen, was ihr 1941 schließlich gelingt. Ihr Vater war ein berühmter Verleger, Kritiker und Biograf, aber er wirkte sehr einschüchternd auf sie. Ihr Zuhause war für sie wie ein Käfig, obwohl es als Treffpunkt der besten Literaten dieser Zeit diente. Zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Journalisten Leonard W. Woolf, gründet sie 1917 den Verlag »The Hogarth Press« wo 1929 auch „Ein Zimmer für sich allein“ erscheinen wird. Dieses Buch ist ein Essay, der auf zwei Vorträgen basiert, welche Virginia Woolf 1928 am Girton College und am Newham College, Institutionen der Cambridge University, gehalten hat. Sie hatte den Auftrag, über Frauen und Literatur zu sprechen. Dies stellt sie vor einige Probleme: Zum Ersten, wie dies wohl gemeint sein könnte – wie Frauen sind, wie Frauen schreiben, wie über Frauen geschrieben wird, oder alle drei Teile? Sie stellt fest, dass diese Frage nicht leicht zu beantworten ist, und bietet stattdessen diesen ikonischen Satz an: „Eine Frau muss Geld und einen Raum für sich haben, um Literatur verfassen zu können.“ Sie führt sehr anschaulich aus, welcher Art und wie groß die Herausforderungen waren und sind, wenn Frauen ihr literarisches Talent ausleben möchten. Bisher hatten Frauen historisch kaum die Möglichkeit, zu schreiben. Sie waren finanziell abhängig und auf ihre Rollen festgelegt. Sie hatten keine Zeit und Muse, keinen Rückzugsort, um sich geistig, kulturell und emotional unabhängig zu entwickeln. Außerdem wurde Frauen die Fähigkeit, ernsthafte Literatur hervorbringen zu können, per Geschlecht abgesprochen. 1928 gab es zwar einige Autorinnen (Bronte, Austen, Eliot) die sich einen Namen gemacht hatten, aber angesichts der Fülle an männlichen Schriftstellern war ihr Anteil verschwindend gering. (Dies hat sich bis heute gehalten, wie die Kritik von Denis Scheck an dem neusten Buch „Alt genug“ von Ildikó von Kürthy zeigt: Martin Walser und Joachim Meyerhoff dürfen über das Altern schreiben – bei Autorinnen wird daraus (O-Ton Scheck) »Geschnatter aus der Damentoilette«.) Und nicht nur an dieser Stelle ist Woolf erschreckend aktuell. Und das, ohne einen Text voller Anklage und Hass zu produzieren. Woolf ist witzig, ironisch, teilweise sarkastisch, dabei mitreißend, scharfsinnig, aber immer literarisch genussvoll.























































