Eine scheinbar ganz gewöhnliche Familie: Anwalt Damian, sozial engagiert und immer auf der Suche nach Projekten, die Welt zu verbessern, seine Frau Laura und die vier Kinder, von denen eines adoptiert ist. Die Eltern lieben die Kinder und versorgen sie gut, jedoch sind Struktur Und Ordnung für Damian am wichtigsten und er und seine Frau bauen einen ganz massiven und zugleich sehr subtilen Druck auf die Kinder auf, Verbote müssen teilweise noch nicht einmal mehr ausgesprochen werden, der moralische, unausgesprochene Druck genügt. Man spürt beim Lesen förmlich den unsichtbaren Käfig, der um diese Kinder bis hinein ins Erwachsenenalter aufgebaut ist und auch die verzweifelten Versuche des Vaters, ein "richtiges" und gebildetes und ordentliches Elternhaus darzustellen. Die Mutter indes sitzt zwischen den Stühlen, sie zieht zwar am selben Strang, genießt aber die ausgelassenen fröhliche Stunden, wann immer ihr unkonventioneller Bruder zu Besuch ist. Die vier Kinder werden größer, schließlich erwachsen, und sie alle versuchen ihre eigenen, teilweise absurden Möglichkeiten zu finden, diesem System zu entkommen oder sich zumindest kleine Freiheiten rauszunehmen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ist für mich eine klare Leseempfehlung.
Soghaft - fesselnd - anspruchsvoll
Etwas verstörend sind diese Geschichten über DIE Familie schon, aber auf faszinierende Weise. Sie regen zum Nachdenken an - über das, was jeden einzelnen Menschen ausmacht, wo er herkommt, wohin er zurück kann, an wem er sich orientieren kann usw. sprachlich großartig, zwischen Zeiten und Charakteren springend und dabei Situationen und Gedanken meisterhaft sezierend, ist Sara Mesa die größte Entdeckung für mich!
Ein hypnotischer Roman über eine durch und durch toxische Familie
In einzelnen Szenen beschreibt Sara Mesa eine 6 köpfige Familie bestehend aus den Eltern 3 Kindern und einer Adoptivtochter. Der Familienvater ist ein Tyrann, der sowohl seine Frau als auch die Kinder terrorisiert. Die Familie passt sich den Gegebenheiten teils an, aber insbesondere die Kinder versuchen immer wieder aus diesem toxischen sozialen Umfeld auszubrechen. Das Buch hat einige interessante Kapitel, aber zeitweise ist der rote Pfaden nicht erkennbar.
Über das Leben mit einem tyrannischen Vater
Eine Familie ohne Geheimnisse, dass wünscht sich Damián, das Familienoberhaupt. Er wünscht es sich nicht nur, sondern hat es als Devise, eher sogar als Befehl an die anderen Familienmitglieder herausgegeben. Sie können sich alles sagen und jede und jeder soll alles wissen. Das ist eines der Prinzipien des sozial engagierten Anwalts und seine Frau Laura und die Kinder Damián, Rosa, Martina und Aqui haben diesen Prinzipien zu folgen, ob sie wollen oder nicht. Du ahnst es bestimmt schon, Damián ist als Familienoberhaupt mehr das Gegenteil vom liebevollen Vater, der zugewandt seine Kinder erzieht. Er ist mehr so das Modell Tyrann, dem sich die Familie zu unterwerfen hat. Er arbeitet mit Erniedrigung, Manipulation und emotionaler Kälte. Was das für lebenslange Auswirkungen auf die Kinder hat, erzählt Sara Mesa sehr eindringlich anhand von Rückblicken der einzelnen Personen. Von Anfang an ist das Buch durch eine bedrückende Stimmung geprägt und man möchte trotzdem einfach weiterlesen, um zu erfahren, was warum wieso geschah und wie es so kommen konnte. Sara Mesa versteht es, aus vielen kleinen Andeutungen ein emotionales Puzzle zusammen zu setzten.
Eine nach außen hin scheinbar perfekte Familie. Ein atmosphärischer Roman mit großer Sogwirkung 👌
✨Leseempfehlung ✨ „Sara Mesa schreibt rätselhaft brillante Romane“ Süddeutsche Zeitung Familienleben, (gesellschaftliche) Zwänge, Macht, (unterdrückte) Bedürfnisse Mein Leseeindruck: Auch hier passt der Spruch „Über jedem Dach, gibt‘s ein Ach“ Ein Familienoberhaupt, eine Ehefrau, vier Kinder. Drei leibliche, ein angenommenes. Was macht eine Familie aus? Wer bildet eine Familie? Sind es Mann und Frau oder muss man immer zwangsläufig auch Kinder haben? Wer hat das Sagen, wer hält die Zügel in der Hand? Wir erleben hier eine klassische, konservative Familie, die das Konstrukt optierten: KKK. Die Frau ordnet sich unter, passt sich dem Dominant an und kümmert sich um Kinder, Küche, Kirche. Der Mann hat einen gut situierten Job als Anwalt, will zudem nach außen hin soziales Engagement zeigen, geht seinen etwas seltsam daherkommenden Leidenschaften und Gesinnungen nach. Die Kinder werden ungeachtet ihrer eigenen Bedürfnisse sehr weltfremd erzogen, was deutlich wird, als das angenommene Kind in die Familie kommt oder der Bruder der Schwester Zweifel anmeldet. Jeder entwickelt eigene Strategien, mit dem Dilemma und den Schatten der Familie klarzukommen. Die gedrückte Stimmung im Buch kommt rüber, man erlebt förmlich die Zwänge, den gefühlten Druck, die Sehnsüchte, der einzelnen Protagonisten mit, kann sie schwer ertragen. Dies war mir als sensibler Leserin teilweise etwas zu viel, da ich gerne zum Entspannen ein Buch in die Hand nehme und es mir im Anschluss kein gutes Gefühl gab. Cover und Titel finde ich gut gewählt, auch die Sprache mochte ich, es ist gut übersetzt und das Buch lässt sich zügig lesen. Fazit: Ein gutes, solides Buch zu patriarchalischen Strukturen in Familien und deren Auswirkungen, Prägungen und Schäden, auch auf später im Leben bezogen. Ich empfehle es weiter. Eure, Claudia
Eine fast normale Familie, Eltern, zwei Töchter, zwei Söhne. Der Vater wirkt nach außen super freundlich, engagiert. Er ist recht straight was seine Vorstellung von Erziehung angeht. Geheimnisse, gibt es nicht, wütend darf niemand sein und er sagt was richtig und was falsch ist. Hier gibt es keine Gewalt, dafür ganz viel Kontrolle. Die Kinder dürfen kaum raus, kennen keinen Fernseher, bekommen nicht das Spielzeug, das sie sich wünschen. Jedes Kind entwickelt hier eigene Strategien damit umzugehen, doch diese familiären Beziehungen prägen ein Leben lang. Ein Roman, der durch ganz viele leise Zwischentöne besticht. Die Kinder wissen genau wie die Eltern ticken, beobachten ganz genau. Das ist erschreckend aber auch in vielen Familien so üblich. Als Erwachsene hängen sie oft noch in falschen Denkmustern fest, haben Probleme ihre eigene Identität zu erkennen. Die Charaktere waren toll beschrieben, alle authentisch und nahbar. Ich fand den Roman super gelungen. Ein leises, kraftvolles Buch über die Macht der Familie. Empfehle ich gern weiter.
Eine scheinbar perfekte Familie, in deren Inneren es brodelt
Eine Familie, in der die Familienmitglieder keine Geheimnisse voreinander haben. Vater, Mutter, vier Kinder. Scheinbar eine heile Welt. Als ich das Cover zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich irgendwie sofort an Kindesmissbrauch, aber weit gefehlt. Klar, es geht um Geheimnisse. Kinder, die in einer Art Bubble aufwachsen. Eltern, besonders der Vater, die in ihrer eigenen Welt leben und sie ihren Kindern aufdrücken. Der Vater Damian ist Anwalt. Er ist sozial engagiert, vergöttert Gandhi. Er erwartet von allen Familienmitgliedern Loyalität, Offenheit, Disziplin und Rücksichtnahme. Mit strengem Regiment drückt er Frau und Kindern seine Ansichten auf. Mutter Laura fügt sich mehr oder weniger seinen Vorstellungen. Von den vier Kindern Damián, Rosa, Martina und Aqui wird selbiges erwartet. Was für mich verstörend war, und für ein Kind erst recht, er gaukelt auf eine liebevolle Art vor, dass die Kinder alles freiwillig tun. So zum Beispiel erwartet er, dass Martina ihr Tagebuch unversperrt auf dem Esstisch liegen lässt, es würde niemand lesen. Er geht sogar soweit, dass er sie aus dem Tagebuch vorlesen lässt und dabei auch noch ihre festgehaltenen Gedanken korrigiert. Echt krank, sag ich euch. Aber was soll ein Kind dagegen schon ausrichten? Diese Härte verkauft der Familienpatriarch seinen Kindern auf eine fast schon liebevolle Art, oftmals verwirrend. Martina, die von der Familie „adoptiert“ wurde, versteht zunächst die Welt mehr. Nicht einmal einen Fernseher gibt es. „Stille und Rücksichtnahme“, sagte die Mutter. „Beides gehört zusammen, und das können wir auf diese Weise gut vorführen. Wir können zusammen an einem Tisch sitzen, und jeder beschäftigt sich mit seinen Sachen, ohne die anderen im Geringsten zu stören. Und da wir so eng beieinander sind, können wir auch unsere Arbeitsmaterialien teilen.“ Kein Wunder also, dass jedes der Kinder beginnt, mit kleinen Lügen eine Realität außerhalb der Familie zu schaffen. In mehreren chronologisch ungeordneten Kapiteln erzählt Sara Mesa einzelne Episoden aus den Leben der einzelnen Kinder, die sich nie so ganz dem Einfluss des Elternhauses entziehen können, aber doch auf eine jeweils andere Art ihr eigenes Leben aufbauen. Als Damian fünfzehn ist, soll er seinen Vater beim Spenden sammeln begleiten. Er muss sich in einen Anzug quetschen, und die Nachbarschaft abklappern, später auch alleine. Eine Szene, die mir im Herzen wehgetan hat, so zerrissen war der Junge. Einerseits wollte er den Vater nicht zu enttäuschen, andererseits spürte man regelrecht seine Scham. „Er hat Übergewicht“, sagte Vater zu Mutter, als stünde Damian nicht vor ihnen. „Ich habe mich in der Größe vertan“, sagte Mutter. „So kann man es natürlich auch sehen. Aber ich sage dir, er hat schon wieder zugenommen.“ (…) Damian ließ die Untersuchung stumm über sich ergehen, dabei sah er sich mit flehendem Blick um, kurz davor, in Tränen auszubrechen. Was er sich aber nicht anmerken lassen wollte. Wenn Vater etwas nicht ausstehen konnte, dann Heulsusen. Rosa, die Mittlere, trifft sich nachts heimlich mit einem Jungen, fühlt sich aber ständig schuldig, so ganz kann sie sich aber ihrer Familie und dem unterschwelligen Druck auch nie entziehen. "Ein Freund heißt soviel wie Sex, und Sex existiert bekanntlich nicht. Schon das Wort Sex mit seinem vor überschäumender Begeisterung explodierenden X ist unaussprechlich. Schon wer es in den Mund nimmt, ist vom Verdacht befleckt, gibt zu erkennen, dass er Dinge weiß, die man nicht wissen darf. (…) Rosa spürt, dass sie einem Befehl gehorcht. Aber natürlich nicht dem Befehl der Person, dieser Unbekannten, die sich in ihrem Inneren eingenistet hat." Am besten gelingt die Abgrenzung noch Aqui, eigentlich sehr klug, der sich durch seine vorgespielte naives Art ganz gut von Ärger fernhalten kann und so mehr oder weniger in Ruhe gelassen wird. Und dennoch: So bedrückend das Thema dieses Romanes ist, ich möchte definitiv noch mehr von Sara Mesa lesen.
Präziser Blick auf die einzelnen Mitglieder einer Familie mit all ihrer Doppeldeutigkeit
Wenn man bei großen Familienfeiern mit allen am Tisch sitzt und versucht, sich zu distanzieren und das ganze Szenario von oben zu betrachten, kann man dann die einzelnen Familienmitglieder neutral analysieren? Ich glaube nicht. Da braucht es den Blick in die Vergangenheit der einzelnen Personen, die Kenntnis von Verbindungen und Beziehungen, Geschichten und Ereignissen, die erkennen lassen, warum Familie so ist, wie sie ist. Sara Mesa hat das in ihrem Roman getan. Die sechsköpfige Familie, bestehend aus Vater Damián, Mutter Laura, und den Kindern Damián, Rosa und Aqui, so wie dem angenommenen Kind Martina, lebt in einer Wohnung und wird von einem Vater angeführt, der seine eigenen moralischen Grundsätze hat und diese durchzusetzen weiß. Wenn nötig, mit einer Ohrfeige. Dass er ein großer Fan vom gewaltlosen Widerstand Gandhis ist, und eine Vorliebe für humanistische Philosophie hat, ist für ihn kein Widerspruch. Er ist Anwalt. Besonders ein Sohn eifert ihm schon in frühen Jahren nach. Für den Vater gilt das in der Familie nichts verborgen bleiben darf, alle Karten müssen auf den Tisch. Geheimnisse sind ein no go und sollte doch mal jemand eins haben dann wird so lange manipuliert, bis sich das Thema erledigt hat. Ob diese Regel auch für ihn gilt, müsst ihr selber entdecken. In der Familie gibt es keinen Fernseher, was das adoptierte Mädchen betrübt, Bücher haben einen höheren Stellenwert als Spielzeug und überhaupt wirkt das ganze Szenario ein bisschen erzwungen, wenn auch die Ziele, die der Vater mit seinen Vorgaben erreichen möchte, eigentlich ganz verständlich sind. Doch jedes Mitglied dieser Gemeinschaft ist einem auf den ersten Blick unsichtbaren Druck ausgesetzt. Wir lernen jede Person sehr genau kennen, reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft der jedes Einzelnen und bekommen anekdotenhaft Geschichten mit und über sie erzählt. Manche Widersprüchlichkeit besonders im Verhalten des Vaters wirft Fragen auf, die nicht alle beantwortet werden. Denn obwohl wir in großer Ausführlichkeit die Familienmitglieder entdecken können, bleiben doch viele Lehrstellen. Nicht jeder Faden, der einem zugeworfen wird hat ein Ende. Stilistisch arbeitet die Autorin durchaus mit Humor, der sich meist in der Ambivalenz der Handlungen zeigt. Der Vater erinnerte mich mehrfach an eine abgemildert Version von Louis de Funès, oder, ein bisschen nahbarer, aber genauso doppeldeutig an Christian Clavier als „Monsieur Claude“. Manchmal wusste ich nicht genau, wo die Reise hingehen soll, doch irgendwann war mir klar, dass es hier gar keine Endstation gibt, sondern wir uns Schritt für Schritt an die einzelnen Figuren herantasten, um das Konstrukt Familie nachher wie Puzzle Teile ineinander fassen zu lassen- oder auseinander fallen, je nachdem wie man es interpretieren möchte. Das wiederum funktioniert ganz gut. Eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die mal mehr mal weniger komplex sind und die mich meist amüsiert und nur selten schockiert haben. Man weiß ja, wie Familie ticken kann. Wenn ihr also Lust habt, auf unterhaltsame Weise einen geschärften Blick auf einzelne Personen zu werfen dann greift zu diesem Buch.








