Ein stilles, nachdenkliches Buch über Verlust, Veränderung und das, was ein einzelner Mensch in einer Gemeinschaft hinterlässt. Verena Dolovai gelingt eine poetische Momentaufnahme eines Dorfes im Umbruch.
In Dorf ohne Franz zeichnet Verena Dolovai mit feinem Gespür für Sprache und Atmosphäre das Porträt einer Dorfgemeinschaft, die nach dem Weggang eines prägenden Menschen mit ihrer neuen Leere umzugehen versucht. Die Erzählung besticht durch stille Tiefe, leise Melancholie und eine eindrucksvolle Reflexion über Zugehörigkeit und Erinnerung.
Wo ist denn nun Franz?
Dieses Buch spielt in einem nicht näher benannten Dorf in Österreich. Eine größere Stadt scheint es in der Nähe zu geben (Wien), die auch ab und an erwähnt wird und bis auf einen kurzen Abstecher nach Venedig spielt das Buch komplett in dem Dorf. Die Geschichte wird aus der Sicht von Maria erzählt, die ihre Geschichte von Kindesbeinen an bis ins höhere Erwachsenenalter wiedergibt. Sie erzählt, wie sie in dem Dorf aufwächst, wie sie ihren Mann innerhalb der Dorfgemeinschaft kennenlernt und wie sie an dieses Dorf immer mehr gebunden ist. Dabei ist sie immer voller Sehnsucht nach dem Außen und ist richtig neidisch auf ihren Bruder Franz, der einfach so gegangen ist und nun die Welt bereist. Doch Maria sieht sich ihren Aufgaben im Dorf verpflichtet und erträgt dabei viel Gegenwind von ihrer Mutter, ihrem Mann, ja eigentlich allen: Sie wischt sprichwörtlich allen den Arsch und wird dagegen immer wieder niedergemacht. Wird es einen Ausweg aus diesem trostlosen Leben geben?
Sprachlich war dieser Roman gut umgesetzt. Kurze prägnante Sätze und Kapitel geben der Geschichte eine rasende Geschwindigkeit und man jagt von einem Aspekt der Geschichte zum nächsten, was vor allem das bäuerliche Leben eines nicht näher lokalisieren Dorfes in Österreich betrifft. Das dabei aus der Sicht einer Frau geschrieben wird, wirkt auf den ersten Moment passend, um die patriarchalen Strukturen der Gemeinde kennenzulernen. Denn gerade das ist es, was ich mit einem Dorf verbinde. Doch bei aller Liebe über das Gezeigte und dem harten Leben, was Maria dort führen musste, hat sich mir überhaupt nicht erschlossen, worauf das Buch letztendlich hinaus will. Ja, das Patriarchat ist Mist und das drückt einem das Buch wirklich aufs Auge. Wobei es nie das Patriarchat an sich ist, sondern vielmehr Maria selbst, die alles an sich nimmt und nie aufschreit Auch die ganzen familiären Dinge, die auf sie abgewälzt werden, sind eher persönlicher Natur und können nicht verallgemeinert werden.
Die lineare Erzählweise wirkte auf mich nicht herausfordernd und machte das Buch eher zu einer langweiligen Angelegenheit. So richtig einen Bruch gab es in der Geschichte nur zum Schluss und da war das Buch auch schon zu Ende. Vielmehr wirkte es eher so, dass alles Schlechte, was Maria widerfahren konnte, ihr auch widerfahren musste. Das wirkte zu konstruiert und zu gewollt und gab mir nicht das Gefühl, auf den folgenden Seiten überrascht zu werden. Es war eher ein unruhiges Dahingleiten durch die Geschichte und die ganzen Lebenspunkte einer Person und ihrem Umfeld. Einzig der Schluss hat dann endlich mal mit dem Düsteren und Vorhersehbaren gebrochen, doch war da die Geschichte zu Ende und gerade an dieser Stelle wollte ich eigentlich wissen, wie es Maria nun ergehen wird, was sie tun wird.
Insgesamt ist es für mich nun kein Buch, das sich in meine Erinnerung einschreiben wird. Ich habe es zwar gern zu Hand genommen und wurde sprachlich unterhalten. Aber es wurde mir insgesamt zu eintönig im Erzählten und da hatte ich etwas mehr erwartet. Auch hinsichtlich dem Titel wird man ein wenig in die Irre geführt, weil eben jener Franz kaum eine Rolle spielt. Ja, seine Abwesenheit ist mit jeder Seite spürbar, aber diese Abwesenheit ist nicht essentiell für den Fortlauf der Geschichte oder hinterlässt spürbare Auswirkungen.
P.S. mit Spoiler
Die Sache zum Schluss mit Tom empfinde ich nicht als Traum oder Halluzination, was auch gar nicht zu dem ganzen Realismus der Geschichte passen würde. Vielmehr war ich dagegen das erste Mal richtig gebannt, was Maria als nächstes tun wird. Bleibt sie? Geht sie nun ganz? Wohin wird es sie treiben? Aber mit all diesen Fragen wird man leider zurückgelassen, weil gerade dann hört das Buch auf. Sehr schade!
Mein Jahresabschlussbuch in 2024 und gleichzeitig eines meines absoluten Highlights! Die Darstellung der Protagonistin, die in dörflichen patriarchialen Verhältnissen aufwächst und lebt, wirken auf mich authentisch. Das Buch hat keine ausschweifende Sprache und transportiert dennoch die Emotionen der Protagonistin greifbar. Ebenso hat mich die Handlung sehr gefesselt.
Als wäre man im Kopf der Hauptfigur. Alles wird aus der Wahrnehmung der Bauerntochter erzählt. Eine andere Perspektive gibt es nicht.
Die Beschreibungen sind so gut, dass Bilder ganz einfach entstehen. Einzig der sich verändernde Schreibstil störte mich. Am Anfang sind die Sätze sehr kurz, eher simpel. Gegen Schluss sind die Sätze lang und komplex. Wenn die Geschichte dann anfangen würde, wenn die Bauerntochter ein kleines Kind ist, wäre das okay.
📌 "Ignoriert und missachtet zu werden ist noch schlimmer, als schlecht behandelt oder ausgeschimpft zu werden." - S 24
Verena Dolovai schreibt die Geschichte von Maria, die auf einem Hof in einem kleinen österreichischen Dorf gross wird.
Als Mädchen ist sie nicht viel wert und hat auch nicht viel vom Leben zu erwarten, ihr Weg ist vorherbestimmt, als "billige" Arbeits- und Pflegekraft für ihre Verwandtschaft und Anverwandschaft.
Auch die Ehe mit Toni bringt ihr weder Glück noch Vorteile, ist er fremden Frauen und zuviel Alkohol gegenüber nicht abgeneigt.
Ihre Hoffnungen und Liebe steckt sie in die einzige Tochter Lisa, die es besser haben soll als sie.
Dafür stellt sie ihre eigenen Bedürfnisse zurück.
Als Lisa fortgeht und Toni stirbt und Maria von allen Verpflichtungen entbunden ist, nimmt sie die Beine in die Hand und macht sich auf die Suche, ihren eigenen Weg zu finden.
Ein tolles Buch voller feinfühliger Beobachtungen zu einem so wichtigen Thema. Ein Stern Abzug, weil ich lieber kurze Zeiträume intensiv/detailliert beschrieben lese, als lange Zeiträume kurz gefasst.
Ungewöhnlich im Stil, aber absolut lesenswert. Über patriarchale Strukturen und das Verharren darin. Sprachlich intensiv. Nur das Ende war anders als erwartet.
Verena Dolovai hätte "Dorf ohne Franz" (Septime Verlag) auch "Dorf mit Maria" nennen können, denn der titelgebende Franz hat nur eine kleine Nebenrolle. Im Buch begleiten wir Leser:innen stattdessen die Ich-Erzählerin Maria - sie ist Franz' ältere Schwester - bei einem Rückblick auf ihr Leben.
Die Stimmung am Cover nach grauem Herbsttag spiegelt gut die Stimmung des Buchs wider, wenn Maria von klein auf Steine in den Weg gelegt werden. Verena Dolovai gelingt es eindrucksvoll, die patriarchalen Strukturen eines kleinen Dorfes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schildern: Von bevorzugten Söhnen über sexistische Witze im Wirtshaus bis hin zu weiblich zugeschriebenen Tätigkeiten wie Putzen und Pflegen.
Ich habe die 168 Seiten von Marias Geschichte gebannt gelesen und ihr die Daumen gedrückt, dass ihr Leben endlich eine positive Wendung nimmt. Vermisst habe ich konkrete Zeitangaben, die mir besser eine zeitliche Einordnung gegeben hätten und ich nicht mit z.B. dem Alter von Kindern, etc. schätzen hätte müssen. Das Buch ist in der Kategorie Debüt auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises 2024 und aus meiner Sicht zu Recht.
Danke für das Rezensionsexemplar, Septime Verlag und Netgalley!
Das Buch handelt vom Dorfleben und der Unmöglichkeit, sich als Frau aus den Fesseln der traditionellen Anforderungen und Ungerechtigkeiten zu befreien. Ich habe mit der Protagonistin mitgelitten und bin stellvertretend für sie wütend geworden.
Sie ist das mittlere Kind und gleichzeitig einzige Tochter ihrer Eltern. Direkt zu Beginn wird sie genötigt, gegenüber ihren Brüdern den Verzicht aufs elterliche Erbe zu unterschreiben. Fortan wird sie wie eine Pflegerin und Dienstmagd behandelt, nur ohne Gehalt und dafür blutsverwandt.
Das Buch ist so bitter wie gut. Vor allem die Beschreibung der dörflichen Enge und Zwänge ist sehr gut gelungen.
Was für ein tolles Buch! Auf gerade mal 168 Seiten schafft es die Autorin, das Leben einer Frau, eingebettet in enge dörflichen Strukturen, aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint, derart atmosphärisch dicht zu beschreiben, dass dieses Buch noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Ein wahres Kleinod!
"Ich bin kein hübsches, zartes Pflänzchen, das fürsorglicher Pflege bedarf. Eher der robuste Dornenbusch, der kaum Wasser braucht und selten Blüten trägt."
Anna erzählt ihre Geschichte. Die Geschichte von den Geschwistern Josef, Anna und Franz die in den 60er-Jahren auf einem Bauernhof in Österreich aufwachsen. Ein Leben, geprägt von Traditionen, Patriarchat und von Erwartungen, die zu erfüllen sind. Einzig Franz, der jüngste der Geschwister, wagt es auszubrechen und in die weite Welt zu ziehen. Josef übernimmt den Hof und Anna unterschreibt unwissend eine Erbverzichtserklärung, damit ist ihr Leben vorbestimmt und der Traum, das Dorf zu verlassen in weite Ferne gerückt.
Ich fand es gut, ich kann nicht genau sagen warum. Vielleicht ist es diese einfache, schnörkellose, intensive und klare Sprache, die die Geschichte einfach auf den Punkt bringt. Kein Wort zuviel, gerade so viele, die es braucht um das zu begreifen, was geschieht.
Der Roman erzählt die Geschichte von Maria und ihrem Leben in einem unbekannten österreichischen Dorf von den 1960er Jahren bis heute.
Maria und ihre Brüder Josef und Franz wachsen auf einem Bauernhof auf. Die Mutter zeigt nur Franz gegenüber Zuneigung, Maria wird oft erniedrigt. Der Älteste, Josef, erbt den Hof. Franz jedoch, der in die engen Traditionen des Dorflebens nicht recht hineinpassen will, verlässt die Heimat und lässt alles zurück.
Maria heiratet den Säufer Toni und erfüllt die von ihr erwartete Rolle als Arbeitskraft und Mutter. Ihre eigenen Träume und Wünsche bleiben dabei auf der Strecke.
"Dorf ohne Franz" ist ein fesselnder Roman über Liebe, Verlust und die Suche nach Identität. Dolovai zeichnet ein berührendes, schonungslos realistisches Bild des ländlichen Lebens ab den 1960er Jahren und beleuchtet die oft unbeachteten Kämpfe von Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft.
Stark geschrieben, schnörkellos und genau beobachtet, ist die Erzählung ein intensives Leseerlebnis.