11. Nov.
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"Krankheit geht, das will ich gestehen [...], mit einer kindischen Offenheit einher; man sagt Dinge, platzt mit Wahrheiten heraus, die der umsichtige Anstand der Gesundheit verbirgt." (S. 19) Gesundheit ist unser höchstes Gut, so heißt es. Virginia Woolf widerspricht. In ihrem Essay "Vom Kranksein" zeigt sie, dass Krankheit mehr ist als bloßes Leiden: Sie ist ein Zustand, der uns aus dem Alltag reißt; wir kapitulieren vor den Pflichten des Lebens, legen uns in die Kissen und versuchen der Erschöpfung nachzugeben. Sie wirft uns zurück aufs Wesentliche und begrenzt den Rahmen dessen, was wir sehen, so dass wir Details erkennen, für die uns sonst der Blick fehlt: das Spiel des Lichts an der Wand, das ferne Ticken einer Uhr, das Atmen des eigenen Körpers. Im Fieber, zwischen Schlaf und Wachsein, entstehen Bilder und Gedanken, die dem gesunden Geist fremd bleiben. Krankheit öffnet eine Tür zur inneren Welt – und vielleicht verdanken wir ihr manche Kunst. Woolf beschreibt diese Empfindungen in einer Sprache, die zwischen Philosophie und Poesie schwebt. Krankheit, so ihre These, gehört zu den großen menschlichen Erfahrungen – ebenso bedeutsam wie Liebe oder Tod. Der Rückzug, den Krankheit erzwingt, könnte uns auch gesund guttun: ein Innehalten, ein Sich-Entziehen aus der Dauerbeschäftigung. Untätig sein, ohne krank zu sein – undenkbar. Doch Woolf erinnert uns daran, dass Ruhe nicht Faulheit ist, sondern ein Akt der Erkenntnis. Auch die Natur spielt in diesem Text eine stille Rolle: Sie bleibt gleichgültig gegenüber unserem Zustand – und genau darin liegt Trost. Das Leben geht weiter, ob wir fiebern oder gesunden. Ergänzt wird diese Ausgabe durch Auszüge aus Woolfs Tagebüchern, in denen sie immer wieder ihren körperlichen und seelischen Zustand beschreibt. So entsteht ein Porträt einer Schriftstellerin, die ihre Schwäche in Sprache verwandelte und uns lehrt, im Kranksein nicht nur Verlust, sondern auch Klarheit zu finden. Darum sollte man sich dieses kleine, kluge Büchlein bereithalten – vielleicht für die nächste Krankheit oder, wer weiß, die nächste Pandemie. Denn Woolfs Worte wirken wie ein ruhiger, verständiger Begleiter im fiebrigen Ausnahmezustand.

Vom Kranksein
Vom Krankseinby Virginia WoolfJung u. Jung