
Utopie oder Dystopie? Das ist hier die Frage.
'Endzeitgemäß' von Helena Kühnemann ist ein besonderes Debüt: eine Art Dystopie in deutschem Setting – ganz nah an unserer Welt und doch irgendwie völlig anders. Wir begleiten Merve, die ohne Mutter mit ihrem Vater und ihrem geliebten Opa Reini im sogenannten „Transit“ aufgewachsen ist. Der Transit erinnert an den Osten – oder zumindest an all die Stereotype darüber: konservativ, kritisch, viel Schlager, Alkohol, alte Möbel, Dreck, aber gleichzeitig auch: ordentliche Gärten, Mauern und strenge Regeln. Dort aufgewachsen, wünscht sich Merve nichts mehr, als ins „Ideal“ aufzusteigen – einen Ort, der Gemeinschaft, Solidarität, Natur, Kultur und Ruhe verspricht. Doch dann verliebt sie sich in Sven, einen waschechten Transitler und ihre Aufstiegspläne geraten ins Wanken. Durch Merves Augen erlebt man, was sie am Transit so abstößt, und versteht, woher ihre Sehnsucht nach dem Ideal kommt. Doch im Lauf der Geschichte wird immer klarer, dass auch das Ideal auf vielen Ebenen normiert ist und kaum Platz für Individualität lässt. Sprachlich ist das Buch oft sehr stark. Es gibt viele Sätze, bei denen ich dachte: Da war ein richtig kluger Kopf am Werk. Die zweite Hälfte hat mich dann allerdings nicht mehr ganz so gepackt – das lag, glaube ich, eher an der Plotstruktur, die mich nicht mehr so mitgenommen hat.
