Tief bewegendes und erschütterndes Zeitdokument.
Der Lieblingsautor hat geliefert! Ich weiß nicht, wie lange Domenico Müllensiefen gebraucht hat, um das Buch zu schreiben. Gelesen war es in wenigen Stunden. Mehr Seiten von ihm sind immer wünschenswert. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich das Buch genauso toll finde, wie die beiden Vorgänger. Aus unseren Feuern ist weiterhin mein Favorit. Aber gleich danach kommt dieses eher kurze Werk. Die Geschichte von Sandra und Mia ist eine aus dem Leben. Die Figur Sandra ist vielschichtig, wenn auch nicht sehr tiefgründig dargestellt. Richtig amüsiert habe ich mich über die Entwicklung von Dirk. Der ist ja in der Altmark kein Unbekannter. Anfangs wurde der Spin-Off ja nur angedeutet, am Ende wurde die geneigte Leser*in geradezu mit der Nase auf "Schnall dich an" gestoßen. Ich musste ein wenig lachen, den alten Bekannten wiederzusehen und am Tagebau ein wenig weinen. Wieder mal ein sehr unterhaltsames Buch.

On the Road again ...
Wir sehr hab ich mich auf den neuen Müllensiefen gefreut - weil ich ihn eben kenne, den Müllensiefen 😀 Wir folgen einer verbitterten Mutter auf die Straßen Europas - mit dabei, ihre pubertierende Tochter. Es geht um Schicksale und Rassismus. Die Freiheit und das liebe Geld. Man muss sich darauf einlassen können, denn dann ist man dabei. Mit dem Lenkrad in der Hand, in einer stickigen Fahrer:innenkabine, auf den Straßen der Welt.
Hat mich leider nicht überzeugen können! Zu kurz, die Themen waren mir zu schnell und zu oberflächlich angerissen, die Figuren (vor allem Sandra) blieben für mich blass oder zu simpel gezeichnet. Schade, den Vorgänger fand ich fantastisch.
Der Autor überrascht in seinem dritten Roman mit neuem und nicht weniger überzeugendem Erzählton
Wer die beiden Vorgängerromane gelesen hat, kann erstmal getrost seine Erwartungen beiseite legen. Hier erwartet die Leserschaft des Autors eine unerwartet andere, aber wie ich finde nicht weniger gute Lektüre. Nach dem Klappentext war ich vor allem neugierig, wie er seine weibliche Hauptfigur erzählt, welche Art von Frau- und Muttersein er entwirft. Doch das erste was zunächst einmal auffällt, ist, dass das Buch mit unter 200 Seiten deutlich kürzer ist. Durch gut gesetzte Andeutungen und bewusst Unerzähltes gelingt es dem Autor etwas zu schaffen, was ich erzählende Lücken nenne. (Sicher kennt die Literaturtheorie einen schicken Fachbegriff dafür.) Ein Erzählstil, der mir in kürzerer Vergangenheit schon bei einigen Autor:innen sehr gefallen hat und auch hier für meinen Geschmack geglückt ist. Doch zurück zur Hauptperson Sandra. Eigentlich möchte ich gar nicht zu viel über sie erzählen. Der Text nähert sich ihrer Lebensgeschichte, die durch mehrere schmerzhafte Verluste gekennzeichnet ist, schrittweise an. Ihr letzter Anker, die Liebe zu ihrer Tochter, steht auf unsicheren Füßen. Sandra ist selbstständige LKW-Fahrerin und mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Mia im Sommer mit dem LKW unterwegs. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist angespannt, die Gründe erfährt man nach und nach. Gerade im ersten Drittel füllte sich das ganze ein bisschen wie ein Kammerspiel an; Mutter und Teenagertochter allein im Fahrerhaus eines LKW. Man kann sich nicht wirklich aus dem Weg gehen und Konflikte sind quasi vorprogrammiert. Mit dem Auftritt von Dirk auf der „Bühne“ weitet sich die Szene. Das Einzige, was mich am ehesten an der Geschichte gestört hat, war Sandras milder Blick auf Dirk. Meinetwegen hätte er schlechter wegkommen dürfen. Weitere Charaktere kommen hinzu, deren Erscheinen selbst mich zwar wenig überrascht hat, die dann aber unerwartet interessant erzählt werden. Wer erneut auf Müllensiefens bisweilen flapsigen bis schelmischen Tonfall wie in seinen beiden ersten Romanen hofft, wird hier wohl enttäuscht. Der Autor findet hier aber einen sehr passenden Ton für das, was er zu erzählen hat. Er packt dabei erneut heiße Eisen an, verwebt gesellschaftlich brisante Themen in seine Geschichte. Dabei erzählt er ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Pathos und ohne seine Story zu überfrachten. ⏹️⏹️⏹️ Ein kleiner Spoiler darf an dieser Stelle jetzt vielleicht doch sein (entscheide selbst, ob du weiter liest): Dass und wie der Roman einen Bogen bis nach Afghanistan und wieder zurück schlägt, war wohl die größte, positive Überraschung für mich. Auch wenn hier ein Themenkreis mehr angeschnitten, als auserzählt wird, fand ich es so gut und passend. Genug, um so einige Gedanken dazu anzuregen und doch reduziert, um die Geschichte nicht damit zu überfrachten.




