2. Mai
Rating:5

Ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt…

Der autofiktionale Roman behandelt zwar in erster Linie von Alkoholimus und die Auswirkungen dessen auf Familie, Beruf, Leben, Umfeld. Doch was mir mehrfach die Tränen kommen ließ, sind die unaufgeregt wortgewaltigen Passagen über diese besondere Liebe und den Schmerz, den sie hinterlassen hat. Koschmieder schildert fröhliche, tragische, gewaltvolle, unspektakuläre Alltagssituationen, die in Summe die Protagonistin geformt haben und mehr zwischen den Zeilen erkennen lassen, dass es nie nur eine Ursache für Sucht gibt. Sie zeigt auch, dass es Heilung und Weiterleben geben kann, selbst wenn der Schmerz nie vergeht. Ein tief berührender Roman mit besonderem Schreibstil und Aufbau, der mich sehr bewegt hat und für jede Person (wenn triggerfrei) eine klare Leseempfehlung!

Dry
Dryby Christine KoschmiederKanon Verlag Berlin
14. Mai
Rating:4

Christine Koschmieder verarbeitet ihre eigene Geschichte in Romanform. Die frühesten Erinnerungen stammen aus ihrer Kindheit ab 1982, die jüngsten sind kaum drei Jahre her. Es geht um die persönlichen Kämpfe, wie den gegen die Krebserkrankung des Partners, um Emanzipation, um Alkoholabhängigkeit. „Mein Leben, das ich bisher als griechische Tragödie mit hohem Hollywoodanteil gelesen habe, so eine, in der die Götter ständig im Drehbuch rumpfuschen." Das Buch ist unterteilt in Abschnitte, die bestimmte Zeiträume abdecken, aber nicht chronologisch aufeinanderfolgen. In kleinen Episoden lernen wir die Ich-Erzählerin ausreichend kennen, um zu verstehen, welche Umstände sie in die Entzugsklinik bringen. Die dort verbrachten drei Monate bilden sowohl tragischen Höhepunkt als auch Versöhnung mit der Vergangenheit. Die Tragikomik des Lebens erhält durch die Protagonistin eine authentische Stimme, der ich gerne zuhörte; Koschmieders geradliniger Erzählton, der ganz ohne Effekthascherei auskommt, geht ans Herz und überzeugt.

Dry
Dryby Christine KoschmiederKanon Verlag Berlin
11. Feb.
Rating:3.5

TW: Alkoholkonsum DRY Christine Koschmieder gelesen von der Autorin ''Der Alkoholiker, das ist doch bitte der, der vom Stuhl kippt, torkelt, das Gleichgewicht nicht halten kann, Gläser umschmeißt, ausfällig wird, mit rotgeäderten Gesicht auf der Parkbank rumhängt, sein Leben nicht in den Griff kriegt. Alkoholiker, das sind diejenigen, die sichtbar ein Problem haben, dem alle anderen ausweichen können. Nur das mein Problem nicht die Sichtbarkeit ist. Das die bei mir nicht vorhanden ist, sagt nämlich weniger über mein vermeintlich nicht vorhandenes Suchtproblem aus, als mehr über das fehlende Wissen über Sucht und ihre Erscheinungsform. Wenn eine Abhängigkeit sich nicht an Menge, Häufigkeit oder Regelmässigkeit des Alkoholkonsums festmachen lässt und schon gar nicht an seiner Auffälligkeit, weil er viel hinterlistigere Schäden anrichtet. Schäden, die sich oft erst Jahre später zeigen, die viel mit Ehrlichkeit und Beziehungsgestaltung und Vertrauen und Verlässlichkeit und Bindungsfähigkeit zu tun haben. Dinge, die weiter gereicht werden in Partnerschaften und in Familien an Karl, Tilly und Olek, die ich viel zu selten gefragt habe, wie ihr Tag war …’’ (Section 80) Christine Koschmieder erzählt hier ihre Geschichte: Von ihrer Jugend, diversen Umzügen, von der Scheidung ihrer Eltern, Episoden über die rechthaberische und alkoholkranke Mutter, wie sie ihre drei Kinder von drei Männern bekam, und ihr Mann den Kampf mit dem Krebs verlor und zwischendurch wird getrunken, hier und dort mal mehr und mal weniger. Doch die Lage Zuhause spitzt sich zu: Immer öfter ist sie überfordert, mag nicht um Hilfe bitten, bekommt trotzdem irgendwie alles geregelt, doch die Kinder haben Angst etwas Falsches am Tisch zu sagen oder ihr die falsche Antwort zu geben, so wird besser über alles geschwiegen, damit Mutter nicht gleich wieder ausflippt. Am Ende weist sich Christine in eine Suchtklinik ein. Nicht immer war mir Christine sympathisch, zu oft hat mich ihre Geschichte an ‚Die Legende von Paul und Paula‘ erinnert. Dennoch: Ein ehrliches Buch, das mich doch ab und zu zur Selbstreflexion animiert hat. Eine interessante Geschichte von einer starken Frau, die den Mut hatte sich als Alkoholikerin zu bekennen. Hochachtung von mir. Lese-/Hörempfehlung von mir, aber heute keine Mäusebewertung, da ich das Leben eines anderen Menschen nicht bewerten möchte.

Dry
Dryby Christine KoschmiederKanon Verlag Berlin
17. Jan.
Ein sehr bewegender, unter die Haut gehender autofiktionaler Roman über Sucht, Verdrängung und die Herausforderungen des Lebens.
Rating:4

Ein sehr bewegender, unter die Haut gehender autofiktionaler Roman über Sucht, Verdrängung und die Herausforderungen des Lebens.

»Wir liegen auf dem Holzpodest, das die ganze Breite unseres schmalen Schlafzimmers einnimmt, und beweinen das Kind, das nicht zu kriegen wir uns entschieden haben, damit ich nicht in sechs Monaten ein durch die Chemokonzentration in deinen Zellen möglicherweise schwerstgeschädigtes Kind zur Welt bringe, das seinen Vater vielleicht nicht mehr kennenlernen wird.« Anfang ihrer 40er begibt sich Christine Koschmieder in eine Suchtklinik, um ihre jahrzehntelange Abhängigkeit vom Alkohol zu bekämpfen. Eine Abhängigkeit, die keinem klassischen Alkoholismus-Bild entspricht, die aber dennoch ihr Leben bestimmt und beeinflusst hat. Bis zu einem Punkt, an dem sie nicht mehr weiter konnte. In der Suchtklinik begibt sie sich auf eine Reise durch ihr Leben, auf der Suche nach dem Auslöser ihrer Sucht. Sie durchlebt ihre Kindheit, die keine einfache war, die Probleme und Ängste ausgelöst hat, die bis heute anhalten. Sie erlaubt sich endlich, sich mit dem Tod ihres großen Liebe auseinanderzusetzen. Betrachtet ihre folgenden Beziehungen, deren Scheitern. Die zerrüttete Beziehung zu ihren drei Kindern. Sucht nach Gründen, Auslösern, Ursachen. Und stellt sich den Konsequenzen. Geboren aus dem Wunsch heraus, endlich zu sich selbst zu finden. »Dry« war ganz anders als ich erwartet hatte. Ich bin ziemlich schnell in diese Geschichte versunken, der Erzählstil hat mich mitgetragen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie es Menschen schaffen, derart reflektiert über ihr eigenes Leben zu berichten. Schonungslos, ehrlich, ohne Auslassung oder Beschönigung. Über dieses Leben, das von Beginn an kein einfaches war. »Dry« ist wirklich keine angenehme Geschichte, sondern geht unter die Haut. »Dry« ist ehrlich und mutig und schmerzvoll. »Dry« ist ein Leben und ist der Wunsch nach Besserung.

Dry
Dryby Christine KoschmiederKanon Verlag Berlin