Ursa ist eine starke afroamerikanische Frau, die geprägt ist von ihrer Vergangenheit und der Vergangenheit ihrer Vorfahren. Auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben und dem Versuch, das Erbe ihrer Familie fortzuführen, hat sie leider nicht immer Glück. Sie singt abends in einem Lokal den Blues und aufgrund ihrer Erfahrungen kann nicht nur sie, sondern auch die Zuhörer diesen Blues fühlen. Leider hat sie auch kein Glück mit Männern: So gibt es da ihren ersten Mann, der sie die Treppe herunterstößt, weshalb sie ihr Kind verliert und nie wieder schwanger werden kann. Es gibt den zweiten Mann, der ihr untreu ist und ebenfalls aggressives Verhalten an den Tag legt. Und es gibt Corregidora – einen Sklavenhändler, der schon seit Urzeiten in ihrer Familie fest verankert ist und alle Generationen sehr stark geprägt hat. Diese Geschichte erzählt von viel Leid und Schmerz, was Ursa wiederfahren ist und spiegelt gleichzeitig das Leid weiterer Frauen aus der Zeit wieder. Frauen, die auf der Suche nach einem Selbstwertgefühl sind und deren Vergangenheit noch stark auf den Schultern lastet. Der Schreibstil ist sehr gewöhnungsbedürftig. Sehr vulgär, mit vielen Wiederholungen und Gesprächen und Wortwechseln, die nicht besonders anspruchsvoll sind. Doch es kommt darauf an, was zwischen den Zeilen geschrieben steht und genau das ist es, was das Buch ausmacht.
“Corregidora” ist ein erschütternder Roman über eine Blues-Sängerin im Kentucky der 1940er Jahre, die das traumatische Erbe der Sklaverei in sich trägt, weitergegeben durch drei Generationen von Frauen ihrer Familie. Gayl Jones erzählt diese Geschichte in einer eindringlichen, fast hypnotischen Sprache, die wie ein Blues-Song die Schmerzen der Vergangenheit in die Gegenwart trägt.
Dieses Buch hat mich regelrecht erschüttert und lässt mich auch Wochen nach dem Lesen nicht los. Ich muss gestehen, dass ich mehrmals eine Lesepause einlegen musste - nicht nur wegen der emotionalen Intensität, sondern auch wegen der besonderen Erzählstruktur. Die direkte, teils sehr harte Sprache packt einen sofort. Ursas Stimme ist wie ein Blues-Song - rau, authentisch und voller Schmerz. Was das Lesen allerdings herausfordernd macht, sind die ständigen Wiederholungen. Immer wieder kreist Ursa um die gleichen traumatischen Ereignisse, kehrt zu denselben Erinnerungen zurück. Anfangs empfand ich das als ermüdend, bis ich verstand: Diese Wiederholungen sind wie ein Blues-Stück, das seine Themen variiert und dabei immer tiefer gräbt. Die Art, wie Jones die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart zeigt, ist meisterhaft. Die Geschichte von Corregidora, weitergegeben von Generation zu Generation, brennt sich durch die wiederkehrenden Motive förmlich ins Gedächtnis. Ich ertappte mich dabei, wie ich über meine eigene Familiengeschichte nachzudenken begann. Für die 180 Seiten brauchte ich fast zwei Wochen - nicht weil ich langsam lese, sondern weil die emotionale und strukturelle Dichte des Romans regelmäßige Pausen erforderte. Warum nicht die vollen 5 Sterne? Der halbe Stern Abzug kommt von der manchmal fast zu großen Herausforderung, die die Wiederholungen und verschachtelte Erzählweise darstellen. Die Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind nicht immer leicht zu verfolgen, und die kreisende Erzählstruktur kann stellenweise überfordernd wirken. Trotzdem: Dieses Buch ist ein Meisterwerk. Es ist keine leichte Unterhaltungslektüre, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit Themen, die unter die Haut gehen. Ich habe beim Lesen gelitten, geweint und war wütend. Die Geschichte wirkt wie ein Trauma selbst - sie wiederholt sich, lässt einen nicht los, kommt immer wieder hoch. Genau das macht ihre besondere Kraft aus. Wer bereit ist, sich dieser emotionalen und strukturellen Herausforderung zu stellen, wird mit einem literarischen Erlebnis belohnt, das noch lange nachwirkt. Ich erwische mich auch jetzt noch dabei, wie ich über einzelne Szenen nachdenke und neue Bedeutungsebenen entdecke. Ein Buch, das einen verändert zurücklässt - auch wenn der Weg dorthin manchmal steinig ist.
Wer schmutzig, derb und roh Kolonialismus und das Erbe, der geschändeten Frauen um die Ohren gewatscht bekommen möchte, ist hier richtig. Das Unaussprechliche wird verbalisiert und brennt sich ein. Aus meiner Sicht benötigt das Buch etwas Zeit um sich in seiner stilistischen Einzigartigkeit zu Offenbaren. Bei anfänglichen Irritationen unbedingt dran bleiben! Großer Zugewinn das Nachwort zur Übersetzungsarbeit.
3.75 stars - and I feel like most of the "lost" stars are due to the German translation which just felt... off?



