10. Feb.
Rating:4.5

Eigentlich war es für mich ein 5-Sterne-Buch, aber dann hat es mich zwischendurch kurz verloren hat. Nicht im Sinne von schlecht, eher im Sinne von: zu viel auf einmal, zu dicht, irgendwie mehr Stolpern als Fließen. Und trotzdem: ein unfassbar starkes Buch. Eines über das ich noch lange nachdenken werde. „Zungenbrecher“ ist ein Roman über Sprache, Übersetzen, Begehren, Identität und Heimat und darüber, wie eng all das miteinander verwoben ist. Sprache ist hier nicht nur Mittel, sondern Thema. Sprache ist wie ein Körper, eine Reibungsfläche. Etwas, das formt, mich einengt, aber gleichzeitig befreit. Man merkt beim Lesen, wie bewusst mit Deutsch, Russisch und Englisch gearbeitet wird, wie Übersetzen selbst zu einer Haltung wird. Ein Buch, in dem ich jeden Satz markieren wollte. Ein Buch, bei dem ich meine Liebe für Sprachen wieder gespürt habe. Mein Sein als mehrsprachig aufgewachsene Frau.

Zungenbrecher
Zungenbrecherby Karina Pappetece buch
15. Nov.
Rating:4.5

Der Gehalt eines Buchs bemisst sich ja nicht zwingend an der Länge. Bei Karina Papps Debüt "Zungenbrecher" (Reziexemplar), erschienen bei @etece_buch, ist mir das mal wieder deutlich geworden. Denn das Buch hat nur knapp 200 Seiten, ich habe aber wirklich meine Zeit gebraucht, weil man hier aufmerksam lesen muss. Und das hat, wie bei dem Roman einer Übersetzerin vielleicht nicht ganz überraschend, sehr viel mit der Sprache zu tun. Müsste man ein Genre draufschreiben, wäre "Zungenbrecher" eine Autofiktion. Wir begleiten Kiera, die ursprünglich aus Sankt Petersburg stammt und zum Studium nach Berlin zieht. Es geht um das Fremdheitsgefühl in diesem neuen Land ebenso wie in der Uni-Sphäre, um ihr queeres Erwachen, um familiäre Konfliktlinien und für Kiera, die wie die Autorin selbst Übersetzerin werden möchte, haben diese Auseinandersetzungen unglaublich viel mit Sprache zu tun. Mit der konkreten Muttersprache, Russisch, und der Frage nach ihrem Status und der Position russischstämmiger Menschen in Deutschland, die einerseits unter antiosteuropäischem Rassismus leiden können, andererseits aber, gerade wenn sie wie Kiera queer sind, vom russischen Staat ebenfalls als Feind*innen markiert werden. Was heißt das wiederum für die Nutzung dieser Sprache? Ihr merkt schon, das Buch ist super vielschichtig. Immer wieder gibt es eingeschobene Meta-Perspektiven, in denen es um Sprache und Verständigung geht, in denen die Ich-Erzählerin ihre Verbindungen zur fiktionalisierten Kiera aufleuchtet. Neben diesen Passagen geht es natürlich viel um Kieras Queerness, ihre Beziehungen mit FLINTA*, ihre Suche nach Worten in diesem Bereich. Was dann auch dazu führt, dass sich äußerst poetische Szenen mit sehr expliziten Gedichten abwechseln, in denen es um weibliches Begehren geht. Die Frage, was sich wie mit welchen Sprachen ausdrücken lässt, Sprachlosigkeit, die zugesprochene "Wertigkeit" von Sprachen und die generelle Problematik, dass auch Sprache so stark patriarchal und heteronormativ geprägt ist, all das sind Sachen, mit denen Kiera herausgefordert ist. Und es gehört zur Art des Buches glaube ich, dass ich mich damit schwertue, hier schön strukturiert eine Inhaltsangabe zu liefern. Kiera verliebt sich in eine Frau und wandelt auf der Suche nach ihrer Identität durch die Sprachen, konkreter kann ich nicht werden weil gerade das im Buch so deutlich wird: Eindeutigkeit und Klarheit gibt es eben selten und Karina Papp macht eine ziemlich gute Arbeit darin, alles mögliche zu dekonstruieren. Ich habe das Buch dementsprechend stellenweise irritiert, überfordert, dann wieder diverse Ausrufezeichen an den Rand schreibend gelesen und sehr viel über das Übersetzen und dessen Herausforderungen gelernt und mich zwar nicht sehr mit Kiera identifizieren können, aber mich natürlich trotzdem sehr über die queer representation gefreut. Außerdem hat der Verlag ästhetisch einfach was total tolles geleistet, denn das Buch ist wirklich wunderschön geworden, der Einband haptisch auch sehr toll.

Zungenbrecher
Zungenbrecherby Karina Pappetece buch