sehr zugänglicher Schreibstil, gelungene Atmosphäre, hat mir gut gefallen
"Das Dorf der toten Kinder" von Martina Straten war mein erstes Buch der Autorin und ich gebe auch vorneweg direkt offen zu, dass ich deutschen Autoren gegenüber mittlerweile eine gewisse Skepsis entgegenbringe, da mich wirklich viele dieser Bücher in der Vergangenheit schlicht und einfach nicht überzeugen konnten. Umso mehr hoffte ich, dass dieses Buch wieder einmal zu den positiven "deutschen" Ausnahmen gehören würde (die es natürlich auch schon gab, so ist es ja nicht). Kommen wir aber zuerst einmal zum Inhalt: Julia Guthenberg kehrte ihrer Heimat vor zwanzig Jahren den Rücken, denn sie konnte den Tod ihres fünfjährigen Sohnes Ben nicht ertragen. Das Kind lag aufgebahrt im Wald und sein Mörder wurde nie gefasst. Die junge Frau wanderte nach Amerika aus und baute sich dort eine neue Zukunft auf. Sie hatte sich geschworen, nie wieder einen Fuß in das Dorf zu setzen, denn sie konnte den Verlust von Ben nie überwinden. Aber als ihre Mutter im Sterben liegt, kommt sie zurück in den kleinen Ort Berkweiler im Hunsrück und die Dorfbewohner lassen sie deutlich spüren, dass sie hier nicht erwünscht ist. Kaum ist Julia wieder da, verschwindet im Dorf ein Kind... Erfreulicherweise ließ sich das Buch von Beginn an bis zum Ende hin sehr flüssig lesen. Der Schreibstil ist ruhig und gleichzeitig sehr zugänglich, was mir gut gefallen hat. Interessanterweise haben mich gerade die allerersten und die allerletzten Seiten am meisten berührt. Das Flüstern der toten Kinder wirkte für mich wie ein stiller Chor, der die Geschichte leise und zurückhaltend begleitete. Sehr gefallen hat mir auch, wie Martina Straten die Kultur und die Bräuche der amerikanischen Ureinwohner behutsam und glaubwürdig in die Handlung mit einfließen lässt. Die indianischen Zitate und Weisheiten, die jedem Kapitel vorangestellt sind, haben mir ausgesprochen gut gefallen und wirken keinesfalls aufgesetzt, sondern ergänzen die gesamte Story auf sehr stimmige Weise und laden den Leser zum Nachdenken ein. Die Protagonisten sind zwar in gewisser Weise differenziert, aber dennoch im Großen und Ganzen authentisch dargestellt. Während mir einige Charaktere eher fremd blieben, habe ich andere wirklich gerne gehabt. Besonders Anna, die als Mutter der Hauptprotagonistin Julia eine große Wärme ausstrahlt, und Chaiwa, die Schamanin mit ihrer ruhigen Präsenz, empfand ich als sehr sympathisch. Äußerst gelungen fand ich auch die Atmosphäre des Dorfes. Die Autorin schafft es, das Dorfleben in all seinen Facetten darzustellen wie zum Beispiel die nach außen hin perfekte Familie ebenso wie den völlig überforderten Vater, der seine Kinder zwar liebt, aber nicht weiß, wie er ihnen gerecht werden soll. Gerade diese Gegensätze machen die Geschichte in gewisser Weise erst lebendig und nahbar. Zudem nimmt sich die Handlung an den richtigen Stellen Zeit, um Hintergründe und Motivationen der handelnden Personen zu erklären, ohne dabei den roten – oder in diesem Fall vielleicht eher den blauen – Faden zu verlieren. Am Ende fügt sich dann auch alles sinnvoll zusammen, ein Konstrukt, das Martina Straten sehr gekonnt eingefädelt hat. Inhaltlich behandelt das Buch mit toten und verschwundenen Kindern allerdings ein äußerst sensibles und schweres Thema. Es ist demnach rein gar nichts für Leser, die von solchen Inhalten stark belastet oder getriggert werden! Alles in allem hat mir das Buch somit gefallen, und es hat mich sogar positiv überrascht. Zum Abschluss möchte ich nun nur noch kurz die stille Botschaft hervorheben, die ich persönlich aus der Geschichte mitnehme und die ich als besonders schön empfunden habe: Selbst wenn man am Boden liegt, gibt es immer die Möglichkeit, wieder aufzustehen und einen Weg zu finden, der einen erfüllt und glücklich macht... In unserer scheinbar "zivilisierten" Welt haben wir viel zu oft verlernt, den Tod anzunehmen. Es ist allerdings durchaus möglich, Verlust und Tod nicht zu verdrängen, sondern ihnen mit Achtsamkeit, Respekt und Bewusstsein zu begegnen – und darin vielleicht sogar eine eigene Form von Heilung zu finden.








