9. Sept.
Rating:4.5

AFTER WOKE? Im Oktober 2022 stellte Ludwig Lohmann @ludwig_lohmann, Co-Host des Literaturpodcasts @blauschwarzberlin einen schmalen Band des Popjournalisten @jens.balzer mit dem Titel „Ethik der Appropriation“ vor. Balzer setzt sich in diesem mit dem Phänomen der kulturellen Aneignung auseinander, weist darauf hin, dass Übernahme, Modifikation und Pastiche seit jeher vor allem im literarischen und musikalischen Feld verbreitet sei. Zudem differenziert er verschiedene Formen von Aneignungsprozessen, von denen er die einen verurteilt, während die anderen eine Bereicherung für die Kultur darstellen und kaum wegzudenken sein. Mir geht es hier aber gar nicht um die – in meinen Augen – sehr guten Überlegungen Balzers, sondern das eigentlich interessante ereignete sich nach Lohmanns Vorstellung des Buches. Seine Kollegin Maria-Christina Pipowarski @mariachristinapipowarski äußerte Bedenken, da Balzer als weißer Mann, der nicht von dem Phänomen, das er beschreibt, betroffen ist, über dieses besser in Zusammenarbeit mit einer Person, die eine entsprechende Sprecher*innenposition innehat geschrieben hätte. Schlussendlich lehnt sie die Möglichkeit einer eigenen Lektüre des Bandes gar auf Basis dieser Argumentation ab. Nun ist es mir egal, was die gelernte Buchhändlerin nicht liest oder ob sie bis zum Ende aller Tage Annie Erneaux und Daniel Schreiber abfeiert – das interessante ist die Argumentationsfigur, derer sich Piwowarski bedient und mit der sie in den letzten Jahren in bester Gesellschaft innerhalb des identitätspolitischen Diskurses war. Identitätspolitik meint hier nicht den rechts-konservativen Kampfbegriff der Rechten, die versuchen, wokeness zu verunglimpfen, sondern die in den 60er entstandene Bestrebung über den Fokus auf den Begriff der Identität ein höheres Maß an Teilhabe und Anerkennung für marginalisierte Gruppe zu erreichen. Nun stellt nicht nur Lars Distelhorst, Autor dieses unglaublich dichten Sachbuches, fest, dass gerade in den letzten Jahren Identität immer stärker in den Fokus gesellschaftlicher Diskurse gerückt sei und er betont ausdrücklich, dass dies wichtig und wünschenswert sei. Auf der anderen Seite habe sich die Ungerechtigkeit innerhalb unserer Gesellschaft dadurch nicht messbar verringert und seit Kurzem und spätestens mit dem 7.10.23 und dem darauf folgenden Anstieg antisemitischer Gewalt, müsse man sich eigentlich eingestehen, dass das Projekt der Identitätspolitik am Scheitern sei. Die Fragen, denen Distelhorst nachgeht, sind die nach den Gründen für dieses Scheitern bzw. den ausbleibenden Erfolg und danach, was zu tun sei, um unsere Gesellschaft über einen Bezug auf den Identitätsbegriff (denn um diesen komme man nicht herum) gerechter einzurichten. Die kurze Version der Antwort auf beide Fragen lässt sich auf die These reduzieren, dass die Identitätspolitik den Bezug zu ihren theoretischen Wurzeln in Form von Begriffen und Konzepten verloren habe und zudem Probleme individualisiere. So weist der Autor auf die Sprachfixiertheit der identitätspolitischen Linken hin und illustriert an einigen Beispielen, in die sich Piwowarkis Argument vom Beginn nahtlos einfügt, dass bei diesen Debatten die Konzepte „Erfahrung“ und „Verstehen“ gleichgesetzt werden. Dabei gelte ein solcher sprachlicher Determinismus, wie er sich z.B. in der sog. Sapir-Whorff-Hypothese äußere, nach der Wirklichkeit durch Sprache erst erschaffen werde, als sprachphilosophisch und linguistisch überholt und doch hat er populärwissenschaftliche Hochkonjunktur, z.B. in den Büchern von Kübra Gümüşay oder Tupoka Ogette. Nochmal betont sei hier, dass es Distelhost nicht um eine rechtskonservative Deligitimierung oben genannter Autor*innen geht, vielmehr sucht er nach Möglichkeiten, den universalistischen solcher und ähnlicher Publikationen zu verwirklichen und schaut dabei auf theoretische Versatzstücke des Post-Strukturalismus, auf den Kapital- und Klassenbegriff nach Bourdieu und Marx, auf die Identitätskonstruktionen Judith Butlers und den Intersektionalitätsbegriff nach Crenshaw hin, um bei all diesen Bezügen festzustellen, dass der Positionen gegenwärtiger Identitätspolitik, diese theoretischen Wurzeln entweder ignorieren oder vergessen haben oder sie gar in ihr Gegenteil pervertieren. Distelhorsts Debattenbeitrag ist ein theoretisch unglaublich dichter Text, bei dessen Lektüre ich viel gelernt habe, der bisweilen auf unangenehme Art Gewissheiten meinerseits infrage gestellt hat, hoffentlich viele Leser*innen findet und Diskussionen evoziert, auch da ich mich frage, ob Distelhorst in der Rückbesinnung auf Marx nicht eine zu verkürzte Lösung für sein Eingangsproblem sieht, die auch der Breite und Qualität seiner vorangegangenen Ausführungen nicht gerecht wird. Fun Fact: Distelhorsts vorheriges Buch beschäftigte sich, wie Balzers, mit dem Phänomen der kulturellen Aneignung, während Balzer jüngst einen schmalen Band zur Identitätspolitik und dem 7. Oktober vorlegte. Danke an @edition_nautilus für das Rezensionsexemplar.

Dekonstruiert Identitätspolitik
Dekonstruiert Identitätspolitikby Lars DistelhorstEdition Nautilus GmbH