11. Juli
Rating:5

Ein Feuerwerk der Sprachmagie und des Weltenbaus! Rafalea Creydts zweiter Roman „Der letzte Winter der ersten Stadt“ spielt nicht nur in derselben Welt wie ihr Debüt „Die Stadt am Kreuz“, es ist auch mindestens genauso gut – mindestens. Krai ist ein Fafa. Ein Heiler und Koch einer Königin und jemand, zu dem die Geister sprechen. Nur dass Krai sie nicht hören kann. Obwohl sein Leben auf einer Lüge basiert, soll er seine Königin begleiten, als sie vom alten Kaiser an den fernen Hof der Ersten Stadt gerufen wird. Während sich ein Intrigenspiel um das Erbe des Reiches entspinnt, ringt Krai nicht nur mit dem fremden Ort, sondern auch damit, dass seine Königin schwer erkrankt. Wird sie vergiftet? Auf seiner Suche nach Antworten – von Menschen wie von den stummen Geistern – trifft er auf Neschka, Kalligraphin im Dienst des Kaisers, die mit ihrer ganz eigenen ungewissen Zukunft ringt. Es ist schwer, „Der letzte Winter der ersten Stadt“ kompakt in Worte zu fassen. Der Roman ist vielschichtig und abwechslungsreich durch die zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven von Krai und Neschka und noch viel mehr schwingt im Hintergrund mit, was die beiden Protagonisten nur am Rande wahrnehmen. Doch gerade das ist eine der großen Stärken des Romans und einer der Gründe, warum ich dieses Buch so feiere. Wie schon „Die Stadt am Kreuz“ ist auch „Der letzte Winter der ersten Stadt“ ein Meisterwerk des Weltenbaus und der ganz eigenen, besonderen Erzählperspektive, die aus der Sicht der Protagonisten mit ihren ganz eigenen Vorstellungen von Recht und Moral und Wissen geboren werden. Gerade Krai ist unglaublich faszinierend in seiner Verzweiflung, seiner Konsequenz und seiner Ablehnung der Kultur der Ersten Stadt. Wichtig zu erwähnen, ist, dass „Der letzte Winter der ersten Stadt“ ruhiger und weniger actionreich als Rafaela Creydts Debüt ist, in mancherlei Hinsicht auch philosophischer und in jedem Fall melancholischer. Es ist also in keinem Fall eine wilde Jagd nach einem Täter, wie man vielleicht denken mag. Dafür ist der Weltenbau hier einsteigerfreundlicher als bei „Die Stadt am Kreuz“: Man fällt fast von selbst in diese Welt und wird sanft aufgefangen, sodass man in Ruhe ihre Wunder betrachten kann. „Der letzte Winter der ersten Stadt“ bekommt daher von mir eine ganz klare 10/10 und wäre mein Roman des Jahres gewesen, wenn ich in dem Jahr nicht „Song of Achilles“ von Madeline Miller gelesen hätte. Wer etwas abseits von Weltenrettung und großer Action lesen will, sollte hier unbedingt zugreifen.

Der letzte Winter der ersten Stadt
Der letzte Winter der ersten Stadtby Rafaela CreydtIn Farbe und Bunt Verlag