
Zitat: Die gnädige Frau wird rechtzeitig wach, um gegen 11 Uhr ihre Schokolade zu trinken. Sie setzt sich auf in diesem großen, imposanten Bett und strahlt vor Glück, weil es keine Gerechtigkeit in der Welt gibt, und beginnt dieses fette, süße Gebräu zu trinken und die konservative Zeitung zu lesen. Denn es ist kein Wunder, dass die Frau diese Welt gut findet und sie konservieren will. Atomstation ist ein Buch, das mich zunächst sehr fasziniert hat. Einzelne Passagen haben eine enorme gedankliche Tiefe. Die Beobachtungen zur gnädigen Frau, die Kunst und Naturbetrachtungen sowie die scharfen, fast gnadenlosen Sätze über Macht, Besitz und Verantwortung gehören dazu. Das sind Stellen, die hängen bleiben. Sie tun weh und wirken lange nach. Je weiter ich jedoch gelesen habe, desto mehr habe ich den Zugang verloren. Die vielen seltsamen Namen und Bezeichnungen, Figuren, die eher Chiffren als Menschen sind, und eine Erzählweise, die bewusst Distanz schafft, haben es mir schwer gemacht, der Geschichte weiter zu folgen. Humor und Satire, die dem Roman oft zugeschrieben werden, konnte ich kaum greifen. Dabei liegt es nicht am Thema. Die Geschichte um Ugla und die Menschen, die ihr begegnen ist immer noch aktuell. Die Selbstzufriedenheit der Privilegierten und der Wunsch, eine ungerechte Welt zu konservieren, weil sie den eigenen Reichtum sichert, erinnert stark an heutige politische Realitäten. Inhaltlich hat dieser Roman nichts von seiner Schärfe verloren. Formal jedoch ist er für mich schwer zugänglich. Ich brauche Figuren mit spürbarem Seelenleben und nicht nur Deutungsflächen. Die sprunghaften Handlungen der Personen sind schwer nachvollziehbar und auch das viele Drumherumreden und die umsrändliche Nichtbenennung von Offensichtlichem machen den Lesefluß schwer. So bleibt bei Atomstation ein zwiespältiger Eindruck. Es ist ganz sicher große Literatur mit tiefsinnigen und klugen Gedanken. Aber in einer Ausdrucksform, die mich als Leserin irgendwann verloren hat. ⭐️⭐️⭐️ #Atomstation #Literatur #KlassischeLiteratur #Lesen #Buchgedanken #Literaturkritik #Buchliebe #Lesermeinung

