14. Apr.
Rating:2

Eigentlich mag ich dieses Genre, in dem Eric Vuillard schreibt. Keine Ahnung, wie man es bezeichnen soll, diese Mischung aus Sachbuch und fiktionalen Elementen. Westermann, Illies, Binet, Wittstock. Es gibt viele Autoren, die ich mit großem Gewinn gelesen habe. Warum hat es bei Vuillard nicht funktioniert? Ich habe mich von Anfang gefragt, warum er dieses Buch geschrieben hat. Warum er? Warum diese Collage aus szenenhaften Betrachtungen? Warum diese Wertungen in Form von Sarkasmus und beissendem Spot? Was will er uns aufzeigen? Worin unterscheidet sich das Buch von den unzähligen anderen Büchern, die versuchen, den Aufstieg des Nationalsozialismus zu erklären? Die anderen genannten Autoren haben einen klar erkennbaren roten Faden in ihren Büchern. Sie picken sich einen Zeitabschnitt oder eine Person heraus und beleuchten genau. Vuillard fängt mit den deutschen Großindustriellen an, macht dann mit Schuschnigg und Hitler im Berchtesgaden weiter und kommt über Göring und Rippendrop in die Downing Street, um danach in Österreich einzumarschieren. Der Autor rauscht mit einem Affenzahn durch die Geschichte. Die Bilder der Collage fliegen einem wie eine Diaschau um die Ohren. Das Feuilleton meint, dass man durch dieses Meisterwerk eine neue Sicht auf die Dinge bekommt. Ich mag schon keine Collagen in der Kunst, keine Potpourris in der Musik und selten Kurzgeschichten in der Literatur. Daher bewirkt Vuillards Stil bei mir nur, dass ich mich beginne, mich für seine Themen stärker zu interessieren, und ich recherchiere. Und dann lese ich über den Anschluss Österreichs teilweise die exakten Beschreibungen von Vuillards auf der entsprechenden Wikipedia-Seite und bin noch stärker irritiert. Zudem mag Vuillard markante Sätze, die sein Geschildertes zusammenfassen. „Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“ So vereinfacht er die Politik der Nationalsozialisten bis zum Jahr 1938. Stimmt das? „Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“ Wirklich? Hitler hat geblufft. Ich empfand seine Einstellung von Anfang an klar und eindeutig. Die Gegner wussten um seine Intentionen und wollte es nicht wahrhaben oder versuchten das Spiel mitzuspielen. Aber ein Bluff in Form eines bewusstes Irre führen? Wenn ich das mit Wittstocks "Der Winter der Literatur" vergleiche, wo allen beschriebenen Intelektuellen bereits im ersten Monat nach der Machtergreifung klar war, in welche Richtung das Land steuert, dann kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass Champerlain, Halifax oder Daladier verblüfft waren von Deutschlands Machtanspruch und Drang nach territorialer Ausdehnung. Auch sind die Aufmärsche und Massenkundgebungen, das Geschrei, die Bücherverbrennung, die Masseninhaftierungen alles andere als ein Indiz für ein Vorgehen "auf leisen Sohlen." Sprachlich ist die Erzählung hervorragend, konzeptionell und inhaltlich aber für mich fragwürdig. Binets HHhH fand ich Wesentlich besser, um mal einen Vergleich mit einem anderen Franzosen zu wagen, der sich in die dunkle, deutsche Geschichte eingearbeitet hat.

Die Tagesordnung
Die Tagesordnungby Éric VuillardMatthes & Seitz Berlin
24. Apr.
Rating:2

Nahaufnahmen zeigen trottelige Unsympathen, alte Gierhälse, grausame Kleingeister – ein Panoptikum bizarrer Gestalten. Man kann sich nach der Lektüre beruhigt zurücklehnen und sich mit Onkel Nolte zum eigenen Anderssein beglückwünschen. Mit dem Wissen des weiteren Fortgangs der Geschichte legt Vuillard – dabei gehörig psychologisierend – Täuschungen, Absonderlichkeiten und zunächst verdeckt bleibende Motive offen. Das erscheint mir nicht sonderlich originell und verdeckt oder relativiert die Wirkung in der damaligen Gegenwart. Goebbels hat die Wochenschaubilder manipuliert, Pannen unerwähnt gelassen und beim Jubeln nachgeholfen. Gut, aber was heißt das? Die berechtigte Anklage der deutschen Wirtschaft, die von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter profitierte und weder angemessene Entschädigung zahlte noch ihre Schuld bekannte – das wird in wenigen Sätzen abgehandelt, garniert mit einer Geistererscheinung des schlechten Gewissens beim alten Gustav Krupp. Mehr auf meinem Blog "Notizhefte" unter: https://notizhefte.com/2019/03/25/eric-vuillard-die-tagesordnung/

Die Tagesordnung
Die Tagesordnungby Éric VuillardMatthes & Seitz Berlin