30. Mai
Rating:4

Interessantes Setting mit sozialkritischem Hintergrund

Ich finde es immer wieder bereichernd, mich mal in einer Bubble zu bewegen, die weit weg von meinem eigenen Horizont ist. In diesem Buch betrachten wir den Kosmos der Saisonarbeiter. Die ICH- Erzählerin, die meinem empfinden nach autofiktional erzählt, reist von Berlin, wo sie Literaturwissenschaften studiert, nach Ferymont, einem kleinen Schweizer Örtchen in unmittelbarer Nähe des Neuenburgersees . Ihre Tante, lebt dort und wird ihr Unterkunft bieten. Sie möchte dort eine komplette Saison auf den Höfen der Umgebung bei der Ernte und anderen Arbeiten helfen. Sie gerät in ein Gemisch von Menschen aus Osteuropa, Portugal und Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die ihr zu Hause viele Monate hinter sich lassen, um gutes Geld dazu zu verdienen. Hier knüpft unsere Protagonistin sehr schnell. Beziehungen. Daria gegenüber fühlt sie sich spontan freundschaftlich verbunden. Später stößt Konrad dazu. Sie lernt die Hintergründe der einzelnen Personen kennen, viele davon haben akademischen Hintergrund. Sie sparen für ein Haus, für die Zukunft und ein besseres Leben. Oft haben Sie Jobs die sie riskieren, wenn sie jedes Jahr für längere Zeit woanders arbeiten. Als Leser werden wir in die Arbeitsabläufe involviert, sind bei der Erdbeer – und Tabakernte dabei oder dem Verladen von Masthühnern. Manche der Saisonarbeiter arbeiten, bis sie vor Erschöpfung nicht mehr können. Die Autorin hat es geschafft, in dieser kleinen Symbiose unterschiedlicher Herkunftsländer, Aufgaben und Rahmenbedingungen, ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen zu lassen. Man gehört zusammen, weil man nicht hier hingehört. Die Arbeitsbedingungen spielen oft eine Rolle, werden eher nicht intensiv vertieft. Aber gerade das Streifen von Themen wie Krankenversicherung oder Arbeitsgenehmigung zeigt die Komplexität auf. Der Erzählton ist meist nüchtern und bisweilen sogar emotionslos. Doch an den wirklich wichtigen Stellen spürt man die Aufregung, die Trauer, die Anstrengung und die Unsicherheiten. Ich kann nicht sagen, dass mir die Personen ans Herz wachsen, aber habe mich doch einfühlen können in ihre Leben. Und das, obwohl nur sehr reduzierte Details preisgegeben werden. Die Autorin wirkt wie eine Künstlerin, die mit zwei Pinselstrichen ein Portrait anfertigen kann. Ich hab schon mal ein Buch mit einer ähnlichen Thematik gelesen, Caravan von Marina Lewycka, dass mich vor Jahren mit diesen wichtigen Arbeiten konfrontiert hat und mit den vielen Nachteilen, die sie für die Menschen mit sich bringen. „Ferymont“ bietet ein interessantes Setting mit einem besonderen Erzählstil für Freund*innen der ruhigen Literatur.

Ferymont
Ferymontby Lorena SimmelVerbrecher