9. Mai
Rückkehr mit Anstand – Thomas Mann im Zeichen der Nachkriegszeit
Rating:4

Rückkehr mit Anstand – Thomas Mann im Zeichen der Nachkriegszeit

Ich gebe es zu: Als ich zu diesem Buch gegriffen habe, dachte ich, ich bekomme eine brav bebilderte Biografie, ein bisschen Bildungsbürger-Comic zum Durchblättern, mit viel Grau und Pathos. Bekommen habe ich aber etwas ganz anderes – und das im allerbesten Sinne. Diese Graphic Novel ist keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein klug inszenierter Blick auf einen zutiefst ambivalenten Moment in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Thomas Manns Rückkehr 1949 ins Land, das ihn einst vertrieben hat. Es geht um mehr als nur eine Reise – es geht um Haltung, Zweifel, Würde und die ewige Frage, ob man wieder zurückkehren kann, ohne innerlich zu zerreißen. Voloj und Marx machen das mit viel Respekt, aber ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Sie erzählen mit einem feinen Gespür für die Zwischentöne – die leisen Konflikte in Manns Innerem, die politische Schärfe seiner Reden, aber auch die Kuriositäten am Rande. Es menschelt zwischen den großen Zitaten, was der Geschichte guttut. Besonders stark fand ich die Flashbacks, die wie kleine Fenster in die Vergangenheit wirken – literarisch und visuell gut eingebettet. Die Illustrationen von Magdalena Adomeit sind ein echtes Highlight: präzise, atmosphärisch, oft poetisch, manchmal fast filmisch. Natürlich: Hier und da wäre weniger Erklärung mehr gewesen. Manche Passagen wirken ein bisschen belehrend, fast wie ein vertonter Schultafeltext. Aber das schmälert den Gesamteindruck kaum. Unterm Strich: Eine eindrucksvolle, ungewöhnliche Graphic Novel über eine historische Reise, die mehr erzählt als bloße Fakten. Für Literaturfans, Geschichtsinteressierte und alle, die sich trauen, Thomas Mann mal in Bildern zu begegnen – lohnenswert!

Thomas Mann – 1949
Thomas Mann – 1949by Julian VolojKnesebeck
3. Apr.
"Rückkehr in eine fremde Heimat“ – Thomas Mann 1949
Rating:5

"Rückkehr in eine fremde Heimat“ – Thomas Mann 1949

Diese Graphic Novel begleitet Thomas Mann bei seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 – in ein Land, das ihm fremd geworden ist. Ein stilles, nachdenkliches Porträt über Heimat, Entfremdung und die Rolle der Kunst in Zeiten des Umbruchs. Ich mag solche Graphic Novels, weil sie Geschichte auf besondere Weise greifbar machen – und weil es immer wieder Punkte gibt, die man vorher noch nicht kannte. Spannend fand ich hier den kurzen Blick auf die politische Stimmung in den USA – und wie klar Thomas Mann schon damals antidemokratische Tendenzen benannt hat. Absolute Empfehlung

Thomas Mann – 1949
Thomas Mann – 1949by Julian VolojKnesebeck
27. Feb.
»Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.«
Rating:5

»Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.«

Thomas Mann, der 1938 nach Amerika emigrierte, begab sich 1949 auf eine Europareise. 16 Jahre waren vergangen, seitdem er Deutschland verlassen hatte und nun führte ihn diese Reise durch mehrere deutsche Städte. Der Höhepunkt war jedoch die „Ansprache zum Goethejahr“, welche er am 25. Juli in der Frankfurter Paulskirche und am 1. August im Weimarer Nationaltheater hielt. Dabei wurde er durchaus bejubelt. Doch nicht von allen wurde sein Deutschlandbesuch positiv aufgefasst, besonders der Besuch beider Goethe-Städte wurde kritisiert. Dennoch ließ sich Thomas Mann nicht davon abbringen, schließlich gab es für ihn keine Zonen. Dieser Graphic Novel, entstanden aus einer Zusammenarbeit des Autors Julian Voloj, der Illustratorin Magdalena Adomeit und dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Friedhelm Marx, entführt die Lesenden in das von Krieg zerstörte Deutschland im Jahr 1949 und schildert Eindrücke dieser Reise deutlich. Dabei gibt es gleich zu Beginn und auch während des weiteren Verlaufs Rückblenden, die zwar anfangs etwas verwirren, aber unfassbar gut gelungen und sogleich notwendig sind, um die Hintergründe der Reise nachvollziehen zu können. So erfährt man von Klaus Mann, der als Berichterstatter für die U.S. Army tätig war, dass die „Poschi“ – Manns Münchner Haus in der Poschingerstraße, welches zwanzig Jahre sein Zuhause war – während der Herrschaft der Nationalsozialisten beschlagnahmt und als sog. „Lebensborn“ missbraucht wurde. Auch die Fortsetzung der Reise, nachdem man über den Suizid des ältesten Sohnes informiert wurde, wird ebenfalls thematisiert. Darüberhinaus finden auch die Wagner-Verehrung der Nationalsozialisten sowie Erika Manns Arbeit als Korrespondentin Erwähnung. Eine wirklich tolle gelungene Graphic Novel, die mich sehr begeistert hat und hoffentlich vielen weiteren Lesenden Thomas Manns wichtigste Reise durch Deutschland näher bringt!

Thomas Mann – 1949
Thomas Mann – 1949by Julian VolojKnesebeck