21. Aug.
Rating:5

Sehr wichtiges Buch über die misogynen Grenzen einer subversiven und Freiräume ermöglichenden und zugleich oft -istisch geprägten Subkultur.

„Die unabhängige Frau ist das Trauma des Patriarchats.“ (S.389, Atti Attillerie) Dieser Satz gilt – leider – auch für die Punkszene, denn auch, wenn es hier um Widerstand und Selbstverwirklichung geht, ist sie eben trotzdem sehr cis männlich und weiß geprägt und fokussiert sich häufig darauf, Bürger*innenschreck zu sein. Dieses Spannungsfeld kenne ich selbst sehr gut, weil Punk mich über viele Jahre geprägt hat. Diese Rezension des Sammelbandes „Punk as F*ck“ (Reziexemplar) ist deshalb auch eine sehr persönliche. Auf dem ersten Foto seht ihr meine aktuelle Kutte – it was never just a phase oder so. In „Punk as F*ck“, herausgegeben von Diana Ringelsiep und Ronja Schwikowski, schreiben 50 FLINTA über ihre Perspektive auf die Szene. Und holy, das war stellenweise schwer zu lesen, gerade weil hier die strukturelle Ebene so deutlich wird. Etwa die selbstverständliche Sexualisierung minderjähriger Punkerinnen, durch die Übergriffe häufig an der Norm sind (auch hier spreche ich leider aus Erfahrung), die absolute Objektifizierung unter dem Deckmantel der Ablehnung bürgerlicher Prüderie, das Männerbündische. Der Versuch als heranwachsende Punkerin, sich an den Männern der Szene auszurichten, ihnen zu genügen, die Konkurrenz zu anderen FLINTA. Aber auch: Freiräume, Freund*innenschaft zu den wenigen anderen um ehrlich zu sein zuallermeist cis FL als INTA, die Suche nach Bands mit weiblichen Mitgliedern. Für mich vor allem auch das Aufwachsen in einem Kontext, in dem die lokale Band eine queere Schlagzeuger*in hatte und die Bands, die wir einluden, so oft keine reinen Männerbands waren. Wie sehr mich diese Person geprägt hat, obwohl sie doppelt so alt war wie ich. Wie selbstverständlich auch in diesem Freiraum trotzdem die S3xualisierung war. Und wie selbstverständlich Täterschutz weiter ist, Stichwort #niemandmusstätersein. Mir hätte vor 15 Jahren dieser Sammelband unglaublich geholfen. Denn er versammelt Stimmen von FLINTA, die den Deutschpunk über Jahre geprägt haben, Teil der Szene waren oder sind und die sowohl die Erfahrung der Misogynie teilen als auch darüber schreiben, wie sie sich Freiräume geschaffen haben. Als Musiker*innen, Fanzine- oder Label-Gründer*innen und Engagierte in selbstverwalteten Zentren. Versammelt sind Pionierinnen wie Bettina Flörchinger von Östro 430 (ich kann immer noch jeden Song der Platte auswendig) oder bekannte Figuren wie Faulenza oder Vero Kracher und mir bisher unbekannte FLINTA in meinem Alter. In allen Texten habe ich mir wahnsinnig viel angestrichen. Obwohl es 50 Texte sind, wird das Buch nicht repetitiv, sondern zeigt eine Spannbreite gerade auch unterschiedlicher Positionen. Spannend fand ich bspw., dass ich die Perspektive vieler älterer FLINTA nicht unbedingt geteilt habe, aber gut nachvollziehen konnte, wo sie herkommt – denn schließlich haben sie es ja „uns“ auch schon ein bisschen leichter gemacht, nicht ganz bei Null zu beginnen. Das Buch ist mit Sicherheit ein Gewinn für alle Menschen, die selbst im Punk sozialisiert wurden und dort entweder als FLINTA Freiräume erkämpfen mussten oder als cis Männer oft genug Gatekeeping betrieben haben. Aber es liefert auch spannende Einblicke für Menschen, die generell an Subkulturen interessiert sind, ohne Teil davon zu sein. Wichtig ist „Punk as F*ck“ insbesondere, weil in so vielen Texten deutlich wird, wie man als heranwachsende Punk-FLINTA die strukturelle Misogynie oder Queerfeindlichkeit (wie krass ich mit meiner Bisexualität sexualisiert wurde!) individualisiert und die Fehler bei sich sucht, gleichzeitig aber auch möglichst genau diesen misogynen Erwartungen zu entsprechen versucht – und wie wichtig ein gemeinsamer Austausch ist, der deutlich macht, dass es gerade kein individuelles Problem ist. Außerdem lernt ihr hier diverse Bands kennen, in die reinzuhören sich lohnt – und für mich war es zwar wenig überraschend, aber trotzdem schön zu sehen, dass nicht nur ich einen krassen Crush auf Brody Dalle hatte. Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar gelesen.

PUNK as F*CK
PUNK as F*CKby Ventil Verlag