Absolute Leseempfehlung! Ein berührendes, beeindruckendes und wichtiges Buch über Klassismus, Armut und die damit verbundene Scham.
Am Anfang dieses Jahres wurde ich völlig ungeplant mit dem Thema Scham konfrontiert. Als Teilnehmerin einer Podcast-Konferenz habe ich Sara Mari Blom live zugehört und zugeschaut, wie sie über ihre Schamerfahrungen gesprochen hat. Scham ist von klein auf das dominierende Gefühl und sie fragt sich irgendwann, warum sie sich eigentlich so schämt. Sie wuchs als Kind einer Arbeiter*innenfamilie in der ländlichen Region auf, macht ihr Abitur, beginnt und vollendet ein Kunststudium. Sie ist eine sogenannte „Bildungsaufsteigerin“ und erkennt ziemlich bald, dass da, wo es einen Aufstieg gibt, auch ein Abstieg existiert. Und das der Ort, wohin man absteigen kann, der ist, wo sie herkommt. Sara Mari sammelt daraufhin Orte und Situationen, wo die Scham sie „packt und überrollt“: Scham-Orte eben. Die Verbindung zwischen diesen Orten ist ihre Herkunft und das Verlassen dieser Herkunft. Sie entwirft ihre persönliche Geografie der Scham und beschreibt in ihrem Buch diese Orte mit wenigen, aber sehr eindrücklichen und aussagekräftigen Worten. Natürlich ist Geld, Bildung und Herkunft ein Scham-Ort, aber auch der Körper, die Gesundheit, der Schlaf sind betroffen, ebenso wie das Wohnen, die Frage nach Heimat und das Verlassen dieser, genauso wie das Zurückkommen. So wird beispielsweise der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem Scham-Problem, denn für die Menschen ihrer Heimat hat sie sich zu sehr weiterentwickelt und entfremdet; gleichzeitig passt sie irgendwie nicht zu ihrem neuen Umfeld, wo die Adresse, die Einrichtung, der Habitus unerbittlich Auskunft darüber geben, ob der Status erworben oder angeboren ist. Da ich ebenfalls Arbeiter*innenkind bin, kann ich sehr vieles von dem, was Sara Mari benennt, nachvollziehen. Im anschließenden, angebotenen Workshop mit ihr, konnte ich mich auf die Spur meiner eigenen Scham-Orte begeben und diese waren teilweise doch noch anderes gelagert, z.B. die Körperscham (fat-shaming). In ihrem Buch geht Sara Mari über die persönliche Perspektive hinaus und untersucht zunächst grundsätzlich, wie Scham funktioniert und wozu sie gut ist. Im letzten Drittel setzt sie die Scham und ihre eigenen Erfahrungen in den Kontext von Klassismus, Wirtschaft, Politik und einer Gesellschaft, die systematisch beschämt. Denn Beschämung ist ein Machinstrument. Wo es ein Oben gibt, muss es zwangsläufig auch ein Unten geben. Die Auswirkungen von Klassismus, die täglich erlebte Machlosigkeit, die Entwürdigung und Schutzlosigkeit, die Scham ist politisch. „Sie ist kein Schicksal, sondern gesellschaftlich konstruiert und damit veränderbar.“ (S.120) Das Sprechen über Scham ist notwendig und Sara Mari spricht klar und deutlich in ihrem kleinen, aber sehr beeindruckenden Buch über ihre Scham. Ihr Antrieb ist nicht weniger als die Transformation der Verhältnisse hin zu einer klassenlosen Gesellschaft. In der die Würde aller Menschen unantastbar ist und wo der Staat sich verpflichtet, diese zu achten und zu schützen. WO ICH NICHT SEIN SOLLTE ist nicht einfach ein weiteres Buch über Armut und Klassismus. Es ist zutiefst persönlich, ehrlich, im besten Sinne schambefreit und voller Schönheit und Anmut. Man merkt der Autorin an, dass sie Künstlerin ist, denn die Worte sitzen, wie ein perfekter Pinselstrich und die Beschreibungen lassen beim Lesen Bilder entstehen, als hätte eine Kamera sie eingefangen. Mich beeindruckt diese junge Frau. Mich beeindruckt das Buch und es ermutigt und bestärkt mich, meiner eigenen Scham den Kampf anzusagen.
