
Ein Debütroman, der zugleich Satire, Tragödie sowie Gesellschafts- und Historienroman ist. Großartig.
Max Gross gelingt mit seinem Roman "Das vergessene Schtetl" ein bemerkenswerter Spagat zwischen zwei Formen des Humors. Während der klassische Witz auf eine überraschende Pointe abzielt, zeichnet sich der jüdische Witz - ein feststehender Begriff - oft durch Selbstironie, Bitterkeit und eine reflektierte Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen aus. Genau hier setzt Gross an: Mit großer Wortkunst, feinem Gespür für Timing und beeindruckendem Wissen über jüdische Religion, Kultur und die jiddische Sprache erzählt er eine ebenso originelle wie kaum vorstellbare Geschichte. Im polnischen Hinterland liegt das abgelegene jüdische Dorf Kreskol, ein "Schtetl" mit rund 2000 Einwohnern, das über Jahrzehnte hinweg von der Außenwelt isoliert geblieben ist. Strom, fließendes Wasser und Autos sind dort unbekannt, und auch der Holocaust ist spurlos an diesem Ort vorbeigegangen. Erst als ein Ehestreit eskaliert und die Beteiligten plötzlich verschwinden, wird der junge Jankel Lewinkopf ausgesandt, um Nachforschungen anzustellen. Was folgt, ist zunächst eine ebenso humorvolle wie bissige Schilderung seiner Begegnungen mit der modernen Welt. In dieser ersten Hälfte erinnert der Roman stellenweise an Werke wie Timur Vernes' Er ist wieder da, eine satirische Perspektive auf das Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart. Doch zur Mitte hin kippt die Stimmung spürbar. Mit Jankels Rückkehr erreicht auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts das Dorf. Die Bewohner sehen sich plötzlich mit Krieg, Verfolgung und dem unfassbaren Verbrechen des Holocaust konfrontiert, also Ereignissen, die sie weder einordnen noch begreifen können. Gross beschreibt eindringlich die Sprachlosigkeit und Überforderung einer Gemeinschaft, die schlagartig mit einer Realität konfrontiert wird, die ihre bisherige Welt völlig infrage stellt. So entsteht ein Debütroman, der zugleich Satire, Tragödie sowie Gesellschafts- und Historienroman ist. Max Gross gelingt es, humorvoll zu erzählen, ohne ins Banale abzurutschen, und aufklärerisch zu wirken, ohne jemals belehrend zu sein.







