Nette, aber letztlich unspektakuläre Textminiaturen. Haken dran ✔️😎

Ein Buch über Liebe - oder doch nicht...? Ein fantastisches Werk, das subtile feministische Kritik übt, nach Emanzipation verlangt und sprachlich den Spagat zwischen Zärtlichkeit und Direktheit meistert!
»Es gibt einen Mann, und wenn es nicht anders geht, dann liebhasse ich ihn auch mit schwerer Hassliebigkeit.« aus „Winterbuch der Liebe“ (2024) von Dora Kaprálová, S. 103, mikrotext »Es gibt einen Mann. Aber wäre er tatsächlich der Einzige, gäbe es zu viel von ihm. Er würde sich selbst im Wege stehen. Sieger sind meistens einsam, sie küssen die Fahne auf der Zielgeraden, sie sind kühn, aber einsam, hoffnungslos einsam. Ob sie das wissen?« aus „Winterbuch der Liebe“ (2024) von Dora Kaprálová, S. 115, mikrotext „Es gibt einen Mann…“ - So beginnt eine Vielzahl der ein- bis dreiseitigen Tagebuch ähnlichen Skizzen des Werkes „Winterbuch der Liebe“ von Dora Kaprálová. Wie der Klappentext verrät, ist die Collage - entstanden im Zeitraum über einen Winter - erdacht als „literarische Reaktion“ auf Péter Esterházys Buch »Eine Frau«. Man würde dem kurzweiligen, aber sehr unterhaltsamen Werk Unrecht tun, wenn man es als bloße Aneinanderreihung von Textauszügen über die Liebe zu einem Mann abtäte. Aus dem Blickwinkel einer namenlosen Ich-Erzählerin werden wir auf eine nicht stringent zusammenhängende Odyssee über Erlebnisse, über Aufeinandertreffen, ja grundlegend über das in Beziehung treten mit »einem Mann« mitgenommen. Mit »Mann« meine ich dabei aber nicht eine einzelne Person, - denn - die Geschichten sind mitunter so verschieden, dass es sich nicht nur um einen Mann handeln könnte. Nein, die Autorin schafft es eloquent, ein facettenreiches, differenziertes Bild von Mann zu konstruieren. Sehr subtil lassen sich anhand der beschriebenen Charaktere Wesenszüge eines gesellschaftlich normsozialisierten Mannes herauslesen. Das ist aber eigentlich nicht der Wesenskern des Buches. Vielmehr gibt uns Dora Kaprálová mit der Protagonistin ein mitunter feministisches Pendant, das sich sehnt, das unerfüllte Wünsche und Begierden besitzt, das verzweifelt, das enttäuscht wird und das dennoch liebt und liebt und liebt - aus Nächstenliebe, aber auch, weil sie ständig auf der Suche nach Liebe ist. Und so schwingt beim Lesen die Emanzipation der Frau, als unterschwellige Kritik formuliert, immer mit. Sie liegt da, sie will nur gefunden werden. Das macht dieses Buch so mitreißend und stark. Ein fantastisches Werk, das subtile feministische Kritik übt, nach Emanzipation verlangt und sprachlich den Spagat zwischen Zärtlichkeit und Direktheit meistert! Vielen Dank auch an die Übersetzerin Nataša von Kopp für’s zugänglich machen dieses Textes!

