12. März
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Victoria Amelina wurde 1986 geboren und war eine ukrainische Schriftstellerin. Und ich muss in der Vergangenheitsform schreiben, weil sie am 1. Juli 2023 in Dnipro bei einem russ. Drohnenangriff getőtet wurde. Ihr letztes posthum erschienenes Buch handelte von Frauen im Krieg. Aber es war nicht ihr einziges Buch. So erschien schon 2017 das Buch "Дім для Дома", das nun Ende 2025 in der Edition Europastraße des Mauke Verlag unter dem Titel "Ein Zuhause für Dom", übersetzt von Jutta Lindekugel, veröffentlicht wurde. Dieses Buch ist eine Familenerzählung über mehrere Generationen, das in der postsowjetischen Umbruchszeit in der Ukraine spielt. Und das Besondere: Es ist aus der Perspektive des titelgebenden Hundes Dom erzählt, der einen großen Teil seines Hundelebens bei dieser Familie verbringt. Wir treffen auf einen Oberst in Pension, der ein Geheimnis im Gewächshaus verbirgt und den Hol0dom0r überlebt hat, seine Frau aus Aserbaidschan, ihre beiden Töchter und wiederum deren zwei Töchter. Wir begleiten auf über 500 Seiten die innerfamiliären wie gesellschaftlichen Konflikte, erleben die Halsstarrigkeit, mit der sich an früheren Gewissheiten festgeklammert wird, aber auch die Hoffnung gerade einer der jüngsten Töchter, in Deutschland ihr Glück zu versuchen. Es geht um gesellschafliche Zerrissenheit, Resignation und Zukunftsoptimismus. Nachvollziehbar, dass es dafür 500 Seiten braucht. Auch wenn man sagen muss: So unglaublich viel Action passiert gar nicht und das bedeutet, dass man mit diesem Buch Geduld haben sollte. Gerade, weil dort sehr viel zwischen den Zeilen passiert, was man so ohne Weiteres nicht nachvollziehen kann, wenn einem das historische Wissen fehlt. Dass der Oberst ein sehr spezielles Verhältnis zu getrocknetem Brot hat, erschließt sich nach und nach, weil er eben den Holodomor überlebt hat. Aber ich bin mir sicher, dass ich viele Anspielungen und Verweise gar nicht richtig verstanden habe. Zum Glück hat Amelina hier aber zu einem ganz hilfreichen Mittel gegriffen. Denn dass das alles aus der Perspektive von Dom erzählt wird, ermöglicht ihm, uns Leser*innen auch an den unausgesprochenen Dingen teilzuhaben. Von denen gibt es in der Familie nämlich so einige und Dom merkt das bspw. an der Angst, die er in bestimmten Situationen an den Figuren riechen kann und über die er uns Leser*innen ins Bild setzt. Insgesamt ist diese Figur des Hundes eine kluge Idee, weil Dom als relativ neutrale oder zumindest nicht in die menschlichen Konflikte verwobene Figur kommentieren und Irritation äußern kann und damit Raum für Reflexion öffnet. Etwa wenn er sich wundert, wer diese Banderisten sind, von denen immer alle reden, aber die niemand zu kennen scheint. Auch, dass Dom von seinem ursprünglichen Besitzer abgegeben wurde und sein gesamtes Hundeleben, obwohl er immer näher in die Familie hineinwächst, doch irgendwie hofft, dass sein "richtiger" Besitzer ihn abholt, schafft eine gewisse Distanz, mit der er seine Irritation über das Verhalten einiger Familienmitglieder äußern kann. Außer bei Marusja, einer der beiden Töchter. Denn die liebt er heiß und innig und weicht ihr kaum von der Seite. Und der Oberst streichelt ihn auch, wenn niemand hinschaut... Die Romankonstruktion mit dem Hund hat aber auch gewisse Grenzen bzw. ist sie an manchen Stellen nicht ganz schlüssig, nämlich wenn Dom einordnende Exkurse zur jüngeren Geschichte der Sowjetunion liefert. Denn während er positionierte Kommentare von seiner Familie aufgeschnappt haben kann: Studierte Historiker*innen sind sie nicht und so fragt man sich beim Lesen schon dazwischen, wo Dom sein Wissen, das bis weit vor seine Geburt Anfang der 1990er zurückreicht, hat. Dass wir es mit einem allwissenden Hund zu tun haben, der sehr menschliche Züge hat, muss man also akzeptieren. Wenn man das tut, dann liest man aber ein wirklich schönes, klug beobachtetes, trauriges Buch, das einen Einblick in die postsowjetische Ukraine und die Zerrissenheit ihrer Bevölkerung bietet. Das macht das Buch sehr aktuell, gerade angesichts der unsäglichen Auslassungen diverser auch selbsterklärter Linker, Ukrainer*innen sollten sich doch einfach ergeben und seien durchweg nationalistische Kriegstreiber: Diese Unterstellungen richten sich gegen eine unglaublich heterogene Bevölkerrung, deren Angehörige in vielen Fällen über Jahrzehnte und über Generationen unter Verfolgung, Krieg und Diktatur gelitten haben. Ja, es gibt auch andere Positionen, Positionen die im Roman deutlich und von Dom kritisiert werden, was schon auf die große Ambivalenz des Themas verweist. Gerade hier schafft es Amelina wirklich gut, die Vielstimmigkeit in der Ukraine einzufangen. Wenn man man den Roman liest, muss man sich eventuell auch auf das relativ langsame Tempo und ein paar Längen einstellen. Da mir Dom sehr ans Herz gewachsen ist, kam ich damit insgesamt ganz gut klar. Aber viel steht und fällt, denke ich, genau damit und wer mit der Stimme von Dom nicht so klarkommt, wird das Buch möglicherweise abbrechen. geschehen jedenfalls in unserem Leseclub, in dem wir "Ein Zuhause für Dom" gemeinsam gelesen haben. Dort haben ein paar Leute abgebrochen, anderen gefiel es vorbehaltlos richtig gut, anderen (darunter mir) mit kleineren Abstrichen auch sehr. Ihr seht, ihr macht euch am besten selbst ein Bild.

Ein Zuhause für Dom
Ein Zuhause für Domby Victoria AmelinaMauke