Der Blick hinter die bürgerliche Fassade eröffnet stets ganz neue Abgründe
Als großer Fan von Stanley Kubricks letztem Werk „Eyes wide shut“ ist es eigentlich schon fast ein Frevel, dass ich die Inspiration und Vorlage für das filmische Meisterwerk nicht früher gelesen habe. Schande auf mein Haupt, ich büße. So. Wie kann man die richtigen Worte für ein so außerordentliches Werk finden? Kann man nicht, ich zumindest nicht. Ich versuche es dennoch. Im Hinblick auf das Erscheinungsjahr des Buches (1926) ist es auffällig, wie zeitlos es einerseits ist, wie modern es andererseits für die damalige Zeit gewesen sein muss, vor allem im Hinblick auf den Blick hinter die eheliche Fassade und die weibliche Sexualität Albertines, die offen benannt, (wenn auch nicht ausgelebt), wird. Ich denke es ist sehr aussagekräftig, dass Schnitzlers Werk unter den Nazis verboten war. Ich ergiesse mich hier nicht in endlosen Interpretationsversuchen, da aus der Traumnovelle wahrscheinlich schon jedes bisschen Interpretation herausgepresst wurde. Daher halte ich es kurz: Kurzum, das Buch war großartig und hat mich begeistert. Die düstere, surreale Atmosphäre war sehr greifbar. Fridolins Nachtwanderung von einem Ereignis zum Nächsten, immer noch wunderlicher, hat mich fasziniert und mitgerissen. Seine Verletztheit, seine widersprüchlichen Gefühle seiner Ehefrau, aber auch anderen Frauen gegenüber fängt vermutlich den Zeitgeist von damals und auch die Verwirrung damaliger Männer ein, die sich in den goldenen 20ern mit einem neuen Frauenbild und einer unvergleichlich offen ausgelebten Sexualität konfrontiert sahen und damit in den meisten Fällen schlicht überfordert waren (oder sich von dieser bedroht fühlten). Albertine wiederum ist in ihrer Rolle der Ehefrau und Mutter an Konventionen gebunden, fantasiert und träumt sich aber aus dieser Rolle hinaus, ohne wirklich Schritte in diese Richtung zu gehen. Sie ist in dieser Geschichte nicht die Hauptperson und doch dreht diese sich gewissermaßen um sie, obwohl sie passiv bleibt. Und so blicken wir hinter die Fassade eine bürgerlichen und wohlhabenden, vermeintlich perfekten Ehe, durch wenige Augenblicke zu einer Farce geworden. Hach, das macht Spaß beim Lesen.



































