Ein Buch des mittelalters und seine Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Und es ist nicht die Bibel.
Was soll ich sagen? Catherine Shepherd hat es wieder einmal geschafft, mich mit ihrem neuen Fall vollkommen in den Bann zu ziehen. Schon nach wenigen Seiten war ich wieder mittendrin – zwischen der düsteren Gegenwart mit Bergmann und Gruber und der spannungsgeladenen Vergangenheit rund um Bastian Mühlenberg im mittelalterlichen Zons. Und wieder zeigt sich: Die Autorin versteht es meisterhaft, beide Zeitebenen so miteinander zu verweben, dass ich atemlos dasaß und Seite um Seite verschlungen habe. In der Gegenwart stehen Bergmann und Gruber vor einem Abgrund. Frauen finden auf schrecklichste Weise den Tod – auf dem Scheiterhaufen, verbrannt, wie in einer dunklen Zeit, die längst vergangen schien. Und das Grauenhafte daran: Der Täter ist für sie vollkommen unsichtbar. Keine Spur, kein Hinweis … und doch liegt die Lösung direkt vor ihren Augen. Diese Spannung, dieses Gefühl, dass man als Leser mehr erahnt als die Ermittler, hat mich vollkommen gepackt. Und dann Zons. Dort, wo Bastian Mühlenberg ermittelt, erschüttern die grausamen Morde an Novizen des Klosters. Sie sterben im Büßerhemd – ein Anblick, der mich tief bewegt hat, weil er so viel Leid, Schuld und Ausweglosigkeit spiegelt. Bastian selbst ist wie immer mein Held in der Vergangenheit – zerrissen zwischen seiner Pflicht und seinen Gefühlen. Besonders die Begegnungen mit Anna haben mein Herz berührt. Wie schwer muss es sein, eine Frau zu lieben, die man eigentlich vergessen sollte? Gerade dieses Spannungsfeld zwischen Pflicht, Herz und der düsteren Realität macht ihn so greifbar, so menschlich. Aber dieser Band hat mir auch wieder eine Gänsehaut beschert – nicht nur wegen der Fälle, sondern wegen dem, was dahinter sichtbar wird. Es sind die Abgründe der menschlichen Seele, die so unbegreiflich sind. Da ist die zerstörerische Wut eines Mannes, nur weil eine Frau nicht seinen Erwartungen entspricht. Und plötzlich müssen viele unschuldige Frauen sterben. Das macht mich jedes Mal sprachlos und traurig, wie aktuell solche Themen noch immer sind. Und dann die Übergriffigkeit gegenüber Kindern … ein Thema, das ich kaum ertragen kann, weil es zeigt, wie verletzlich Unschuld ist und wie sehr sie geschützt werden müsste. Diese beiden Ebenen haben mich tief getroffen und auch nach dem Lesen nicht mehr losgelassen. Und dann noch dieser eine besondere Aspekt, den ich absolut genial fand: Ein mittelalterliches Buch steht diesmal im Mittelpunkt. Ein Buch voller Zeichnungen, das die Liebe und die Verführung zeigt – und dessen Einfluss bis in unsere Zeit spürbar ist. Wie viel Macht Schriften und Bilder über Jahrhunderte haben können, ist faszinierend und erschreckend zugleich. Mein Fazit? „Sündenkammer“ ist wieder ein Meisterwerk von Catherine Shepherd. Packend, grausam, zutiefst menschlich – und voller Herz für die Figuren, die wir so liebgewonnen haben. Für mich eine absolute Leseempfehlung, denn selten gelingt es einem Thriller, mich so sehr zwischen Spannung, Trauer, Wut und Mitgefühl hin- und herzuschleudern.




